Die Südtiroler mit den Waisenkindern

Waisenheim Indien: Es geht weiter

Publiziert in 3 / 2006 - Erschienen am 8. Februar 2006
Vor wenigen Tagen ist eine Gruppe von Südtirolern aus Cochin (Südindien) zurückgekehrt, unter ihnen auch Maria Gurschler und Monika Hausberger aus Naturns, Ilse Wunderer aus Prad und Christine Losso aus Plaus, also auch vier Vinschgerinnen. Sie haben dort gemeinsam mit Nadja und Zita Tribus ein Waisenheim eröffnet, das mit Südtiroler Spendengeldern buchstäblich aus dem Boden gestampft wurde. 25 Kindern wird das neue Waisenheim in Cochin im indischen Bundesstaat Kerala vorläufig Platz bieten. Ein Jahr nach der furchtbaren Tsunami-Katastrophe konnte das Waisenheim dank der Initiative der Gruppe und zahlloser solidarischer Südtiroler, die gespendet haben, eröffnet werden. Es war der Franziskanerpater Antony, der das Heim dort buchstäblich aus dem Boden gestampft hatte. Nadja Tribus, eine junge Frau aus Meran, war vor einem Jahr nach Indien gereist, um dort Deutsch zu unterrichten und Land und Leute kennen zu lernen. „Dann kam mir der Tsunami dazwischen“, berichtet Nadja, die sofort die Fügung des Schicksals erkannte, die Ärmel hochkrempelte und versuchte, Hilfsmaßnahmen in die Wege zu leiten. Dazu brauchte sie ihre Familie und ihre Landsleute. Ihr Ziel waren überschaubare und unbürokratische Maßnahmen. Anrufe und Mails bei Freunden daheim und bei den Eltern zeigten bald Erfolge. So begann eine spontane Hilfsaktion, deren „Früchte“ die Gruppe nun ernten durfte. „Ich kenne Nadja seit ihrer Geburt und musste nicht lange darüber nachdenken, seit 1994 bin ich an zahlreichen Entwicklungs-Zusammenarbeitsprojekten wie ich sie stets nenne, in Indien und weltweit beteiligt“, zählt etwa Christine Losso auf, die sich spontan am Projekt beteiligte. So gelang es, gemeinsam mit Nadjas Eltern, Peter und Zita Tribus und dank von „Südtirol hilft“ schon einmal einen enormen Startschuss mit 15.000 Euro zu setzen. Die Kaufleute von Meran gaben 5.000 Euro drauf. Eine weitere Benefizveranstaltung, organisiert von der Gruppe, den „Psayrern mit Barbara“ sowie dem Gastwirtehepaar Doris und Walter Stieger aus Rabland im Oktober 2005, brachte erneut 15.000 Euro. Aufenthalte im März bzw. im Mai 2005 in Indien bestätigten den Entschluss: „Das Geld ist hier sehr gut angelegt“, freute sich die Familie Tribus. Monika Hausberger konnte aus eigener Initiative mehr als 1.500 Euro sammeln, zahlreiche Private und Geschäftsleute erhöhten die Summe, sodass am Ende insgesamt fast 40.000 Euro nach Indien gebracht werden konnten. Eine Menge Geld für den mittlerweile 1,380 Milliarden Menschen zählenden Vielvölkerstaat, in dem noch immer das unselige Kastensystem herrscht, das den Ärmsten der Armen ein Leben in weiterer Armut beschert. „Ich war regelrecht schockiert, als ich mir über dieses System bewusst wurde“, sagte Hausberger nach ihrem Besuch in Indien und der Einweihung des Waisenheimes. Obwohl von der Regierung längst verboten, wuselt selbiges in den Gassen der Städte und Dörfer weiter, als wäre noch immer tiefstes Mittelalter. In Pater Antony hat die Gruppe nicht nur einen hervorragenden Ersatzvater für die Kinder gefunden, sondern auch einen vernünftiger Verhandlungspartner und sehr guten Geschäftsmann. Christine Losso war angenehm überrascht, wie viel Vorarbeit Antony in Cochin bereits geleistete hatte. Neben dem Bau des Waisenheims hatte er sogar den Mut gefunden, ein Stockwerk aufmauern zu lassen, denn er hatte den Vorschlag „Hilfe zur Selbsthilfe“ sehr ernst genommen. Seine Gedanken kreisten in den letzten Monaten stets darum, wie er „sein“ Waisenheim finanzieren soll bzw. womit die laufenden Kosten gedeckt werden sollten. So gibt es nun neben dem (vorläufigen) Platz für 26 Waisenkinder auch noch eine Buchbinderei und eine Hostienproduktion. Dort werden bald schon mehr als 20 Frauen Arbeit und Brot finden. Erfreuliche Nachrichten angesichts der Tatsache, dass Frauen in Indien rein gar nichts wert sind und am Ende der Nahrungskette stehen. Allein das grauenvolle Mitgiftsystem stürzt jährlich Millionen Familien in den finanziellen Ruin. „Ich bin auch nach zig Aufenthalten mehr denn je davon überzeugt: Dieses Land ist schizophren wie kein anderes, das ich bisher besucht habe, nirgendwo gibt es so viele reiche Menschen und nirgendwo auch so viele arme. Die Schere zwischen sehr reich und sehr arm klafft meilenweit auseinander, das System und die Politik haben ganze Arbeit geleistet,“ klagt Losso an. Dennoch herrscht das Glück nun vor, dass Bibin, Sindikh, Jaison, Pramon, Manu und all die anderen bald schon ein wunderbares Zuhause haben werden und die Chance bekommen, einer freudigen Zukunft entgegen zu wachsen. Ein Tropfen im Meer, doch auch der kann Wellen schlagen. „Please say many thanks to your people“, sagte Antony. Die Südtiroler Gruppe hat bereits ein weiteres im Waisenheim integriertes Projekt vor: „Wir wollen etwas für die vielen Witwen tun, die in Indien ebenfalls ohne Rechte und Zukunft dahinvegetieren. Die Zeiten, in denen sie lebend gemeinsam mit ihrem toten Mann verbrannt wurden, sind noch nicht so lange her. Heute dürfen sie zwar leben, doch wer einmal erlebt hat wie, kann die Augen vor diesem Elend kaum mehr schließen“, ist sich die Gruppe einig. Die Witwen sollen im Waisenheim Arbeit und Brot finden. Wer die Arbeit dieser Gruppe unterstützen möchte, dem sei bereits jetzt gedankt. Spenden für die Kinder oder die Frauen werden gerne entgegengenommen: Volksbank Naturns- Stichwort Indien: c/c –1063799 ABI: 5856 CAB: 58630. Infos gibt es bei: Christine Losso Tel. 348 22 18868
Vinschger Sonderausgabe

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