Überfluss 

Publiziert in 3 / 2019 - Erschienen am 29. Januar 2019

Um den täglichen Broterwerb muss sich heute in westlichen Gebilden kaum mehr einer sorgen. Ja auch Kleidung, Freizeitangebote, Unterhaltungselektronik sind heutzutage reichlich vorhanden. Luxus ist in der westlichen Welt seit Jahrzehnten für den Großteil der Bürger zur Massenware geworden. Zufriedenheit wird hingegen immer mehr zur Mangelware. Oder anders ausgedrückt: Die Unzufriedenheit im Wohlstandswunderland nimmt generell zu. In unserer Wohlstandgesellschaft haben wir so gut wie alles im Überfluss, nur eines nicht – die zwischenmenschliche Nähe. Diese scheint abhanden gekommen. In reichen, strukturstarken Gebieten sind wir heute mit einer anderen Art von Armut konfrontiert, als in den sogenannten „Entwicklungsländern“. Es ist eine Armut, die sich häufig vor allem auf die Psyche der Menschen auswirkt. Überfluss und die Schnelllebigkeit der Gesellschaft machen vielen zu schaffen. Kürzlich meinte ein bemerkenswerter Mensch, der unter anderem als Helfer in Indien tätig ist, in einem Gespräch, dass er überlege ob er sein mittlerweile volljähriges Patenkind für eine Zeit nach Südtirol holen solle. Er stehe der Idee jedoch skeptisch gegenüber, weil er nicht wisse, wie der in ärmsten Verhältnissen aufgewachsene junge Inder mit unserer Armut klarkommt. Verständlich. Er würde wahrscheinlich in vielen Situationen Mitleid mit uns haben. 

Michael Andres
Michael Andres

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.