Innovatives Projekt mit hehren Zielen
Publiziert in 30 / 2010 - Erschienen am 1. September 2010
Schlanders – Die Ankurbelung der Bauwirtschaft, die Nutzung alter Bausubstanz, die Aufwertung der Ortskerne, die Sicherung von Arbeitsplätzen, die Verbesserung der Beschäftigungslage und nachhaltige Entwicklungen gegen die Abwanderung: Dies sind die wichtigsten Ziele des innovativen Projektes „Bau-, Energie- und Sanierungsberatung“, das am 26. August am Sitz der Bezirksgemeinschaft Vinschgau in Schlanders vorgestellt wurde.
Das Konzept, in Auftrag gegeben und finanziert von der Landesabteilung Arbeit, ist das Ergebnis mehrerer Aussprachen, Diskussionen, Untersuchungen und Auswertungen. Rund ein Jahr lang haben die Vorarbeiten gedauert. Mitgearbeitet haben mehrere Bürgermeister, Wissenschaftler des EURAC-Instituts für Public Management, Wirtschaftsvertreter mit der SWR-Bezirkspräsidentin Rita Egger an der Spitze sowie Planer, Architekten und weitere Dienstleister.
Dass nach attraktiven Beschäftigungsfeldern im Tal zu suchen ist, zeigte sich vor über einem Jahr, als sich die Beschäftigungssituation aufgrund der Wirtschaftskrise zuspitzte. „Vor allem im Vinschgau und im Pustertal war Handlungsbedarf gegeben“, sagte Helmuth Sinn, Direktor der Landesabteilung Arbeit. Als geeignetes Handlungsfeld und als Möglichkeit der Ankurbelung der Bauwirtschaft insgesamt habe sich im Vinschgau der Sektor Bau-, Energie- und Sanierungsberatung herauskristallisiert.
Josef Bernhart, der stellvertretende Leiter des EURAC-Instituts für Public Management, und Sylvia Pinzger, wissenschaftliche EURAC-Mitarbeiterin, blickten auf die Vorarbeiten zurück und stellten das Projekt im Detail vor. Der Kernpunkt ist die Schaffung von Anlaufstellen in den Gemeinden, um interessierten Bauherren ein gebündeltes Beratungspaket anzubieten. „So sollten der Bauamtsleiter der Gemeinde, der Landessachverständige der Baukommission und der Steuerberater der Gemeinde zusammen mit einem externen Energieberater einmal im Monat in den Rathäusern erste wichtige Informationen geben“, spezifizierte Sylvia Pinzger. In der Gemeinde Laas werde dieser Dienst demnächst versuchsweise angeboten. Weitere Gemeinden, wie etwa Schluderns, sollen folgen. Bereits im Gang sind ähnliche Projekte in Martell (20-Häuser-Programm) und in Glurns (regelmäßige Beratungsstunden der Architekten).
„Die Nutzung leer stehender Bausubstanz, speziell im mittleren und oberen Vinschgau, und die damit verbundene Aufwertung der Ortskerne sind für uns schon seit längerem wichtige Anliegen“, sagte Andreas Tappeiner, Vizepräsident der Bezirksgemeinschaft und Bürgermeister von Laas. Das Angebot, im Grünen zu bauen, sei derzeit leider immer noch zu verlockend. Im neuen Projekt, das nun ausgehend von Laas als Pilotgemeinde umgesetzt werden soll, sieht Tappeiner „keine Konkurrenz zur Planerschaft, sondern eine Hilfestellung.“ Mit diesem Projekt werde die Peripherie insgesamt gestärkt.
205.000 Kubikmeter leer stehende Bausubstanz
Das Potential der Nutzung leer stehender Bausubstanz im Vinschgau ist immens. Zwischen Graun und Laas liegen schätzungsweise 205.000 Kubikmeter „brach“, rund 70.000 davon allein in Schluderns. Der Schludernser Bürgermeister Erwin Wegmann (im Bild) erinnerte an die Bemühungen seiner Gemeinde, die Landes-Förderungsbestimmungen abzuändern: „Unser Vorschlag, den Ankauf bzw. die Sanierungskosten alter Bausubstanz mit Beiträgen bis zu 50 % zu unterstützen, sofern die Bausubstanz für den geförderten Wohnbau genutzt wird, wurde im Landtag angenommen. Die Durchführungsbestimmungen zum Gesetz werden in Kürze erlassen.“
Auf die derzeit noch fehlenden Durchführungsbestimmungen verwies auch Arnold Schuler, der bisherige Präsident des Gemeindenverbandes. Der Verband trägt die neue Initiative im Vinschgau mit. Bedauerlich ist laut Schuler, „dass Neubauten derzeit stärker gefördert werden als Sanierungen von Altbauten.“ Was es brauche, seien faire Voraussetzungen und günstige finanzielle Rahmenbedingungen für die Sanierung von Altbauten, „ganz gleich ob diese sich im landwirtschaftlichen Grün oder in den Dorfkernen befinden.“ Der Mehraufwand, der bei Sanierungen zwangsläufig anfällt, sei mit öffentlichen Beiträgen auszugleichen. Schuler sprach sich auf für eine neue Einstellung und für mehr Sensibilität der alten Bausubstanz gegenüber aus: „Nur weil ein Bau neu ist, muss das nicht bedeuten, dass er gleichzeitig gut ist. Gut sanierte Altbauten bieten oft eine unvergleichbare Atmosphäre und höchste Wohnqualität.“
Bei der Diskussion wurde mehrfach geäußert, dass sanierungswilligen Besitzern von Altbauten leider immer noch oft angeraten werde, auch seitens von Planern und Ämtern, die alte Bausubstanz abzubrechen und neu zu bauen. „Der Wert alter Bausubstanz wird leider noch vielfach verkannt bzw. zu wenig geschätzt,“ bedauerte Architekt Siegfried Tappeiner aus Laas. In diesem Punkt könnten ruhig auch die Medien aktiver werden.
Der Marteller Bürgermeister Georg Altstätter regte an, anstelle von mehreren Anlaufstellen in den Gemeinden ein einziges zentrales Kompetenzzentrum für das ganze Tal einzurichten. Andreas Tappeiner riet davon ab, weil die raumplanerischen und andere Gegebenheiten von Gemeinde zu Gemeinde verschieden seien.
Was das Projekt „Bau-, Energie- und Sanierungsberatung“ tatsächlich bringen wird, bleibt abzuwarten. Gehofft wird darauf, dass es sowohl den Bauherren einen Nutzen bringt (kostenlose und gebündelte Erstinformation sowie bürokratische und rechtliche Hilfestellung), als auch den Gemeinden (Ankurbelung der Ortskernentwicklung und der lokalen Wirtschaft insgesamt) und schließlich auch den Unternehmen.
Sollte sich das Projekt bewähren, wird es auf andere Landesteile ausgedehnt. Das Konzept fließt außerdem in das grenzüberschreitende Gemeindenetzwerk „GemNova.net“ ein, dessen Ziel es ist, innovative Verwaltungsprojekte zu initiieren. Der 6. „GemNova.net“ Kongress unter dem Motto „Gemeinden gestalten Regionen” findet übrigens am 28. Oktober 2010 in
Schluderns statt. „Damit das innovative Konzept im Vinschgau greift, ist das Zusammenwirken mehrerer Kompetenzen vor Ort nötig“, so Josef Bernhart.
Josef Laner