„Unser Leben ist leerer und ärmer geworden“
Publiziert in 15 / 2010 - Erschienen am 21. April 2010
Sie hatten alle ihre eigenen Gründe, an jenem Montag, 12. April, in die Vinschgerbahn zu steigen. Wenige Minuten nach 9 Uhr hat sie das Schicksal tragisch vereint. Neun Menschen fanden im entgleisten Zug den Tod, viele weitere wurden verletzt. „Unser Leben ist leerer und ärmer geworden“, sagte Bischof Karl Golser am Tag nach der Tragödie bei einem Gedenkgottesdienst in der Schlanderser Pfarrkirche. Alle seien stolz gewesen auf die moderne Vinschgerbahn. „Sie schien das sicherste Verkehrsmittel zu sein“, doch durch eine unglückliche, tragische Verkettung von Umständen sei es nun zu diesem Unglück gekommen. „Es wurde uns bewusst, dass wir mitten im Leben vom Tod und von Verletzungen getroffen werden können,“ so der Bischof weiter. Das Unglück sei völlig unerwartet geschehen und werfe viele Fragen auf. Karl Golser versuchte, den Angehörigen der Opfer und der Trauergemeinschaft Trost und Mut zuzusprechen: „Der Trost gründet in unserer Gottesbeziehung. Gott wird einmal alle unsere Tränen abwischen. Es wird ein Wiedersehen geben.“ Halt biete in diesen Stunden der Glaube an die Auferstehung.
Wie schon bei der gemeinsamen Gedenkmesse nahmen in der vergangenen Woche auch an den Sterbegottesdiensten außergewöhnlich viele Menschen teil. In Schlanders wurden die Universitätsstudentin Judith Tappeiner (20) und der pensionierte Lehrer Franz Hohenegger (73) zu Grabe getragen, in Marein/Kastelbell der 66-jährige Rentner Franz Rieger, in Laas die Altbäuerin Regina Tscholl Tappeiner (73), in Taufers im Münstertal die Englischlehrerin Rosina Ofner (36), in Tartsch die 21-jährige Studentin Elisabeth Peer (sie stand im Abschlussjahr an der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe „Claudiana“), in Meran der 25-jährige Lokführer und Familienvater Julian Hartmann, in Martell die 18-jährige Michaela Kuenz (Schülerin an der Fürstenburg) und in Agums die junge Mutter Michaela Zöschg (34).
„Wir alle fragen uns, warum das geschehen ist. Warum konnte der Zug nicht um 3 Sekunden schneller sein?“, sagte Dekan Josef Mair beim Sterbegottesdienst für Judith Tappeiner und Franz Hohenegger in Schlanders. Diese Frage bleibe unerklärbar, „nur eines ist klar: ich weiß, dass ich sterben muss, ich weiß aber nicht, wann, wie und wo. Die Menschheit stößt immer wieder auch unaufhebbare Grenzen. Wir empfehlen die Opfer in Gottes Hände und erbitten Kraft und Stärke für die Angehörigen.“ Gott sei Leben, Licht und Wahrheit, „in ihm findet alles menschliche Sehnen Erfüllung.“
Josef Laner