Meine Seele weint
Graphisches Konzept von Jochen Gasser: es zieht sich durch alle Auskoppelungen des Projektes; auch das Titelbild zeigt ein Werk von Gasser.

„Das Leid der Kinder sieht man oft nicht“

Publiziert in 35 / 2015 - Erschienen am 7. Oktober 2015
„Meine Seele weint“ - Ein Projekt, das aufrütteln und informieren soll, das ein Tabu brechen und zum Hinsehen bewegen soll und das auffordert, Verantwortung zu übernehmen. Südtirol - Gewalt. Ein sehr aktuelles Thema, doch gerade wenn es um Gewalt in der Familie geht, wird dennoch geschwiegen. Die Vinschgerin Monika Habicher hat sich nun zum Ziel gesetzt, dieses Schweigen zu brechen, aufzu­rütteln und zu sensibilisieren, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Nach ihrem Studium der Sozialpädagogik an der Freien Universität Bozen Brixen arbeitet Habicher seit einigen Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mit den Folgen und Auswirkungen von Vernachlässigung und Gewalt wird sie dort fast täglich konfrontiert. „Ich finde, dass es nicht ausreicht, zu intervenieren, wenn eine Seele bereits krank ist. Wir sollten lernen, Verantwortung zu übernehmen und das Problem dort anzugehen, wo es entsteht. Nur so können wir langfristig Änderung bewirken und verhindern, dass die Spirale der Gewalt sich generationsübergreifend weiter dreht“, so die junge Sozialpädagogin. Das Problem sieht sie darin, „dass vor allem in Südtirol die Scham, Probleme anzu­sprechen – und vor allem intrafamiliäre Probleme – noch immer sehr groß ist. Ich finde es falsch, dass es in unserer Gesellschaft als wohlerzogen gilt, sich nicht in die Angelegenheiten anderer ‚einzumischen’“. Das sei der Grund dafür, „dass Gewalt, sowohl in psychischer, physischer als auch sexueller oder finanzieller Form immer weiter unter den Tisch gefegt werden kann, dass Täter immer weiter gedeckt werden!“ Verstummten Kindern Stimme geben Verstummten Kindern Stimme geben ist das Ziel, das die Initiative „Meine Seele weint“ verfolgt. Kinder, die Gewalt erfahren, lernen, dass sie nicht darüber sprechen dürfen. „Aus Angst vor Konsequenzen können sie nicht um Hilfe ­bitten, präsentieren sich oft vielmehr als sehr selbstständig und stark“, erklärt Habicher, Gründerin und Präsidentin der Initiative. „Es ist aber ein Trugschluss anzunehmen, dass Kinder Streit und Gewalt – auch wenn sie nicht selbst zum Opfer werden – nicht wahrnehmen. Sie leiden unter solchen Situationen und speichern diese Emotionen ab. Langfristig gesehen kann auch miterlebte Gewalt sehr schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit und die Entwicklung des Kindes haben.“ Es sei, so Habicher, weiter „unbedingt notwendig, offen über dieses Thema zu sprechen und die Problematik anzuerkennen. Nur dann wird es nämlich möglich sein, Unterstützung zu bieten und Änderung zu erzielen. Hierzu reicht es nicht, Täter zu verurteilen, sondern wir müssen konstruktiv die Chance bieten, Tätern und Opfern gleichermaßen den Ausstieg zu ermöglichen und neu zu starten. Kinder lernen am Beispiel der ­Eltern und das heißt folglich, dass auch ein gewalttätiges Elternteil durch Erfahrungen in seiner Kindheit keine anderen Strategien zur Konfliktbewältigung erlernt hat.“ Die Perspektive des Kindes nachvollziehen Das Projekt legt sein Augenmerk auf die Perspektive des Kindes: Was fühlt ein Kind, wenn es Vernachlässigung, Gewalt und die damit verbundene Angst und den Schmerz leben muss? Was löst dies im Kind aus und wie ändert sich dadurch seine Entwicklung? Dabei wurde das Thema mit verschiedenen Institutionen und den jeweiligen Fachpersonen aufbereitet. Die Informationen dazu sind nun auf der Website „meine-seele- weint.it“ ersichtlich, in einfacher Sprache, nachvollziehbar. „Diese Informationen sollen anregen darüber zu sprechen, worüber meist geschwiegen wird. Das Thema aus allen Blickwinkeln zu betrachten ist wichtig - nicht wegschauen oder unwissend urteilen“, sagt ­Habicher. „Was kann ich tun, wenn ich Gewalt erlebe oder bemerke, dass jemand von Gewalt betroffen ist? Was kann ich tun, wenn ich selbst dazu neige, aggressiv zu reagieren? Warum fällt es so schwer, aus einer Gewaltbeziehung auszusteigen? Solche und ähnliche Fragen stellen sich oft, diese Initiative versucht, verständlich Antworten zu bieten.“ „Ich gebe meine Stimme – für alle Kinder, die heute betroffen sind!“ Monika Habicher hat ein Buch geschrieben. Kein Sachbuch, nein, es ist die Geschichte ihrer eigenen Kindheit, die geprägt war von Gewalt. „Ich habe lange mit mir gehadert, denn diesen Schritt zu gehen ist sehr schwer. Vieles wissen selbst meine besten Freunde nicht und nun teile ich diese Geschichte mit der ganzen Welt“, so die So­zialpädagogin nachdenklich. „Doch ich wusste von Anfang an, dass es keinen anderen Weg geben kann. Ich kann nicht als Sozialpädagogin laut fordern, dass Kinder über ihre schlechten Erfahrungen sprechen dürfen und sollen, wenn ich es selbst - als erwachsene Person, die alles gut aufarbeiten konnte und heute glücklich ist – nicht schaffe. Ich habe mittlerweile die passenden Worte dafür, ich kann die Dynamiken erklären. Dies können Betroffene meist nicht. Und ich glaube, dass ich so den Anspruch erheben kann, mit diesem Thema ernst genommen zu werden. Denn diese Geschichte ist wahr, eine von vielen, die in unserem modernen Land so passiert. Ich weiß, wovon ich spreche!“ Es kommt das Kind von damals zu Wort Habicher erläutert weiter: „Ich lasse in meinem Buch das Kind von damals zu Wort kommen. Mit seiner Sprache, aus seiner Wahrnehmung. Vielleicht ist es nicht einfach, die Geschichte zu lesen, eben weil sie zu verständlich ist.“ Die Schilderung des Kindes lasse aber kein Abschweifen oder Schönreden zu. „Vielleicht schmerzt es. Kann sein, doch betroffene Kinder müssen diesen Schmerz und die Angst tagtäglich tragen und aushalten, allein, nur mit den Mitteln, die einem Kind zur Verfügung stehen. Und mit den damit verbundenen Konsequenzen.“ Das Buch „Meine Seele weint“ ist bei Athesia erschienen und wurde kürzlich in Meran vorgestellt. Gesellschaft reagiert oft mit Unverständnis Nicht reagieren, wegsehen oder gar dem Kind oder Jugendlichen Vorwürfen machen, wenn sie Verhaltensauffälligkeiten an den Tag legen: All das hat zur Folge, dass sich die Betroffenen nicht ernst genommen und aufgefangen fühlen, sondern vielmehr zurückgewiesen. „Und das kann die Situation noch weiter verschlimmern, denn dadurch kommen bei Kindern und Jugendlichen nicht selten noch Schuldgefühle dazu“, so die Sozialpädagogin. Auch aus diesem Grund habe sie in ihrem Buch eine einfache Sprache gewählt, „um ­Laien und Fachleuten gleichermaßen Einblick in das Seelenleben eines Kindes zu verschaffen, das ­extremen Stresssituationen ausgesetzt ist. Ich möchte aufzeigen, wie bestimmte Problematiken entstehen und welche Dynamiken sich daraus entwickeln können.“ Das Wohl eines Kindes geht alle an „Ich glaube, dass wir alle besser hinsehen sollten, denn manchmal schaffen es Eltern nicht, ihr Bestes zu geben. Manchmal brauchen sie selbst Unterstützung. Und dann ist die Unterstützung der Gemeinschaft gefragt. Das Wohl eines Kindes geht uns alle an!“ Die frühere Kinder- und Jugendanwältin Vera Nicolussi-Leck schreibt zum Buch: „Monika ­Habicher weist uns darauf hin, dass Gewalt im Kinderzimmer keine Privatangelegenheit ist, dass auch Kinder eigenständige Menschen sind und dass kein Elternteil dieser Welt das Recht hat seine eigenen Kinder bewusst zu verletzen“ Dabei verweist sie auch auf den Artikel 19 der UN-Kinderrechtskonvention hin: „Jedes Kind hat das Recht auf Schutz vor Vernachlässigung und Gewalt.“ Kampagne „Meine Seele weint“ Mit dem Buch und der Kampagne des Projektkomitees „Meine Seele weint“ soll vor allem auf die Tatsache reagiert werden, dass in Südtirol in 74% der Fälle von Gewalt in der Familie Kinder involviert sind. Treffende Wort zum Buch von Habicher findet Helmut Zingerle, Direktor des Therapiezentrums Bad Bachgart: „Diese Geschichte ist nicht sensationslüstern, sie heischt nicht nach Aufmerksamkeit und Mitleid. Es ist auch keine Anklageschrift. Vielmehr liefert sie in nüchtern metallener Sprache einen authentischen Einblick in die Gefühls- und Lebenswelt eines kleinen Mädchens, das in seinem Leben die Erfahrungen von Gewalt und emotionalem Missbrauch ertragen und verarbeiten musste. Wir wissen heute, dass Gewalterfahrungen biologische Narben hinterlassen, nicht nur seelische. Und aus der neueren Hirnforschung mussten wir erkennen, dass Schmerzen, die anderen zugefügt werden, unser eigenes Schmerzzentrum aktivieren, gerade so, als ob wir sie selbst erleben würden.“ „Soziale Vererbung“ von Gewaltbereitschaft Für sehr viele Menschen sei die Geschichte der eigenen Kindheit auch heute noch eine Geschichte der Gewalt! Für Menschen, die mit einem suchtkranken oder auch psychisch kranken Elternteil aufgewachsen sind, gelte dies besonders. Es liegt laut Zingerle an uns, „ob wir weiter wegschauen wollen. Es liegt auch an uns, ob wir die hohe ‚soziale Vererbung’ von Gewaltbereitschaft von Generation zu Generation weiter geben oder zum wichtigen Präventionsziel machen.“ Der Psychologe und Psychotherapeut Massimo Mery von der Caritas Männerberatung schreibt in seinem Vorwort zum Buch, „dass sich gewalttätiges Verhalten Kindern gegenüber durch nichts und niemand rechtfertigen lässt.“ Er verweist auf das Anti-Aggressions-Training der Caritas Männerberatung und auf die Notwendigkeit, „gewalttätige Männer nicht nur rein als Täter abzustempeln – wie viele es gerne würden – sondern zu erkennen, dass diese Männer dringend Hilfe benötigen“. sepp Leseprobe aus „Meine Seele weint“ (Seite 83): „Die roten Ameisen. Sie wandern durch meinen Körper. Sie fressen mich innerlich, es brennt wie Feuer. Selbst mein Gehirn brennt schmerzhaft, mein gesamter Kopf. Mein Bauch brennt, meine Brust. Meine Knie, selbst die Zehen. Meine Augen. Meine Finger. Ich wage es jetzt nicht mehr, einzugreifen. Die Situation ist zu brenzlig. Hätte früher da sein ­müssen. Mama! Meine Augen fixieren die Tür, als ob ich mit telepathischen Fähigkeiten durchgreifen könnte. Nein! Mein Herz windet sich vor Panik und vor Schmerz. Sucht verzweifelt einen Ausweg...“
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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