Die Winterruhe trügt
In der Landwirtschaft ist vieles in Bewegung
Bei der Verleihung der Erbhofurkunde an die Familie Mitterer vom Angergut-Hof (v.l.): Landesobmann Leo Tiefenthaler, SBB-Direktor Siegried Rinner, Rosmarie, Andreas, Magdalena, Ulrike, Theodor, Anna Theiner und Tobias mit dem kleinen Matthias, Bezirksobmann Raimund Prugger und LR Arnold Schuler.
Gastreferent Thomas Aichner

„Diskussionen über Monokultur sind fehl am Platz“

Bezirkstagung des Bauernbundes mit vielen Themen. Neue Herausforderungen stehen an.

Publiziert in 4 / 2018 - Erschienen am 6. Februar 2018

Schlanders - Dass sich die Landwirtschaft in ständiger Entwicklung befindet und immer neue Herausforderungen, aber auch Chancen auf die Bäuerinnen und Bauern zukommen, zeigte sich einmal mehr bei der Bezirkstagung des Bauernbundes, die am 5. Februar im Kulturhaus in Schlanders stattgefunden hat. Bezirksobmann Raimund Prugger blickte im Anschluss an die Begrüßung zahlreicher Ehrengäste kurz auf das Landwirtschaftsjahr 2017 zurück. Der Berglandwirtschaft habe die extreme Trockenheit im Frühjahr zu schaffen gemacht. Bezüglich der Milchwirtschaft sei vieles im Gespräch, „die Preise sind Gott sei Dank halbwegs stabil.“ Der Obstbau mache eine Durststrecke durch. Zu argen Schäden hätten im Vorjahr der Frost und der Hagel geführt. Beim Weinanbau gebe es einen jährlichen Zuwachs von ca. 2 Hektar. Die Zusammenarbeit zwischen der Weinwirtschaft und der Gastronomie fuktioniere gut, „in anderen Bereichen gibt es in punkto Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus noch reichlich Luft nach oben.“ Stabil geblieben seien auch die Preise im Gemüseanbau. Zugesetzt habe die Kälte auch den Beeren und Kirschen. Die Imker könnten sich über ein überdurchschnittlich gutes Ertragsjahr freuen.

Etliche Dauerbrenner

Die nicht selten geführten Diskussionen über Monokultur seien laut Prugger fehl am Platz. Vor allem im Vinschgau sei die Vielfalt im Anbau riesig. Als Dauerbrenner, die den Bauernbund laufend beschäftigen, nannte der Bezirksobmann u.a. den Nationalpark, die Wildschäden in höheren Lagen, den Wildverbiss, den Wassernutzungsplan und die Großraubtiere Bär und Wolf. Auch auf einige „Aufreger“ im Jahr 2017 verwies Prugger. Er bezog sich auf das Schiebel-Buch und bestimmte Äußerungen zum Thema Pflanzenschutz. Prugger forderte mehr Verständnis für die Arbeiten in der Landwirtschaft: „Wir tun nichts, was wir nicht tun dürfen.“  Über neue Anforderungen an den Verband referierte SBB-Direktor Siegfried Rinner. Er blickte auf die Geschichte des Bauernbundes zurück. Über 90% der derzeit rund 280 Mitarbeiter seien im Bereich der Dienstleistungen beschäftigt. Dennoch sei die politische Arbeit des Bauernbundes nach wie vor sehr wichtig. Die Bedeutung der politischen Arbeit auf allen Ebenen sei nicht zu unterschätzen. „Wir sind Lobbyisten im positiven Sinn. Wir sind die Gewerkschaft der 20.000 bäuerlichen Familien in Südtirol. Wir haben Glaubwürdigkeit und sind zu einer Referenz für viele Partner geworden“, so Rinner. Als besondere neue Herausforderungen nannte er die Digitalisierung der Dienstleistungen, den weiteren Ausbau der Aus- und Weiterbildung, Online-Kurse inbegriffen, sowie neue Modelle der Zusammenarbeit zwischen Landwirten.

„Regelung ist notwendig“

Landesrat Arnold Schuler schnitt eine Reihe von Themen an. Bezüglich Bär und Wolf rief er dazu auf. „dieses Thema realistisch zu sehen.“ Wenn es nicht gelingt, eine neue Regelung zu finden und vom absoluten Schutzstatus des Wolfes wegzukommen, „stehen uns schwierige Jahre bevor.“ Ziel sei es, „bestimme Entnahmen in einem bestimmten Ausmaß zuzulassen.“ Allerdings sei das politisch sehr schwierig, weil der Druck der Gesellschaft für den absoluten Schutz sehr groß sei. Auch Möglichkeiten der Prävention gelte es auszuloten. Ein wolffreier Alpenraum ist in den Augen Schulers eine „totale Utopie“. 

„Angriffe gegen die Landwirtschaft“

Eine neue Dimension hätten im Vorjahr die Diskussionen zum Thema Pflanzenschutz erreicht. Die Landwirtschaft sei mehrfach mit weit hergeholten Vorwürfen angegriffen worden, auch über Medien im Ausland. Er wolle nichts beschönigen und weitere Verbesserungen seien sicher noch möglich und notwendig, „aber es muss alles in einem bestimmten Rahmen bleiben“, so Schuler. Ohne Dialog komme man nicht weiter. Verbesserungsbedarf gebe es auch in der Kommunikation. In diesem Punkt müsse sich die Landwirtschaft selbst an die Brust klopfen.

Unsicherheit führt zu Emotionen

Wie wichtig die Kommunikation ist, vor allem auch seitens des Bauerbundes und der gesamten Landwirtschaft, zeigte Thomas Aichner (IDM Südtirol, Bereich Marketing) in seinem vielbeachteten Gastreferat zum Thema „Landwirtschaft am Brennpunkt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ auf. Die Landwirtschaft ernähre die Gesellschaft, bestimmte den Jahresrhythmus und präge die Kultur. Der Südtiroler Bauernbund habe gute Wurzeln und müsse weiterhin eine Referenz bleiben. In Zeiten des Internets habe sich eine Gesellschaft von Experten gebildet. Weil das Internet aber nicht zwischen wahr und falsch unterscheidet, kommt es zu Unsicherheiten und diese führen zu emotionalen Reaktionen.

„Bio aus Protest“

Nach Bio wird laut Aichner manchmal nur deshalb gerufen, weil man protestieren will. Zwischen der Landwirtschaft und den Verbrauchern gebe es oft arge Informationslücken. Als stärkste Waffe gegen die Desinformation nannte Aichner den Vertrauensaufbau. Das gelte auch für den Bauernbund: „Die Leute müssen wissen, wem sie in Zeiten, in denen alle alles wissen, noch vertrauen können.“ Festgemacht hat der Gastreferent seine Aussagen an der Pestizid-Diskussion und am Thema Großraubtiere. Bei diesen und weiteren Themen stünden oft nicht die Fakten im Vordergrund, sondern die Emotionen.

Inspirierende Kommunikation

Zum Thema „inspirierende Kommunikation“ zitierte Aichner eine Aussage von Walther Waldner: „Die gesamte Südtiroler Obstwirtschaft und damit auch jeder einzelne Obstbauer muss der Öffentlichkeit auf allen Ebenen verständlicher kommunizieren und erklären, wie und warum wir so produzieren, und sie über die Fortschritte informieren, die es fast jedes Jahr in der Produktionsweise gibt.“  4 Dinge sollten die Bauern laut Aichner bewahren: ein nachhaltiges Denken zum Erhalt des Hofes und der Natur für die nächste Generation, die Wertschätzung der Familien- und Dorfgemeinschaft als Grundlage für den Erfolg und die Bewältigung schwieriger Lebenslagen, den Sinn für das Machbare und den Sinn für das Übernatürliche. „Es gilt, die Tradition zu wahren, zugleich aber innovativ zu handeln und vor Neuem nicht Angst zu haben.“ Für die Zukunft riet Aichner den Bäuerinnen und Bauern, ihre Existenzgrundlage zu sichern, die Ressourcen langfristig nutzbar zu halten, auf den sozialen Frieden zu achten und Perspektiven zu entwickeln.

„Basiswahl kam sehr gut an“

Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler informierte über aktuelle Gesetze und Gesetzentwürfe, welche die Interessen bzw. Anliegen der Landwirtschaft direkt berühren. Ausdrücklich gelobt hat er den Gesetzentwurf für die „Soziale Landwirtschaft“. Als „unbürokratisch und sehr demokratisch“ bezeichnete er die Basiswahl des Bauernbundes zur Ermittlung der 4 Kandidaten des SBB für die Landtagswahlen im Herbst. Die Basiswahl sei sehr gut angekommen. Gewonnen haben die Wahl Maria Hochgruber Kuenzer, Sepp Noggler, Franz Locher und Joachim Reinalter.

Erbhofurkunde verliehen

Der Höhepunkt der Bezirkstagung war die Verleihung der Erbhofurkunde an die Familie Mitterer vom Angergut-Hof in Kastelbell (Obst- und Weinbau sowie Buschenschank). „Unser Südtiroler Erbhöfe sind ein Spiegelbild unserer Geschichte und Entwicklung. Der Angergut-Hof ist ein gutes Beispiel hierfür“, sagte Landesrat Schuler. An der Bezirkstagung haben auch viele Vertreter bäuerlicher Organisationen und landwirtschaftlicher Genossenschaften teilgenommen sowie auch Vertreter verschiedener Landesämter, der Jagd, der Forstbehörde, des Straßendienstes und weiterer Behörden sowie der Politik (Kammerabgeordneter Albrecht Plangger, L.Abg. Maria Hochgruber Kuenzer, Regionalassessor Sepp Noggler, mehrere Bürgermeister und Referenten). Abgeschlossen wurde die Tagung mit einem köstlichen Imbiss, den die Bäuerinnen des Bezirks vorbereitet hatten.

Josef Laner
Josef Laner
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