„Karl, insr Korn geat auf!“
Kinder haben im Herbst 2011 auf diesem Acker nicht unweit der Ottilia-Kirche Winterroggen und Dinkel gesät.

Es geht um das Sein, nicht um das Haben

Publiziert in 25 / 2012 - Erschienen am 27. Juni 2012
Wenn auf der gegenüberliegenden Seite des Tals in den Ställen die ersten Lichter angehen, wird auf der Tschenglsburg noch immer diskutiert und ­debattiert. Was geht da ab? Tschengls - Mit dem Gartenschlauch in der Hand bewässert er am frühen Morgen die Weiden und Kräuter vor der Burg. „Wir haben wieder einmal bis in die frühen Morgenstunden diskutiert,“ rechtfertigt Karl Perfler seine schlaftrunkenen Augen. Und er redet weiter, denkt weiter, träumt weiter. Über was wurde denn so lange diskutiert? „Über Gemeinwohl-Ökonomie. Ich weiß selbst nicht, wie ich das erklären soll. Der Grundgedanke ist einfach: Vom Wirtschaften sollen alle etwas haben. Der Arbeitgeber ebenso wie der Arbeiter. Anstelle des Profitdenkens einiger weniger tritt das Wohl aller in den Vordergrund. Dieses Wirtschaftsmodell fußt auf Vertrauen, Respekt und Achtung vor der Schöpfung. Warum müssen wir Dinge kaufen, bei deren Herstellung Kinder als Arbeitskräfte missbraucht werden?“ Und noch mit weiteren Beispielen wartet der Wanderführer und Kulturwirt auf. Ein Mann kommt in den Innenhof. Er bringt Ziegenkäse. Karl dankt und bezahlt. Und weil sie nicht aufhört zu winseln, lässt er auch die Schlosshündin Leila frei, „Auch ich bin frei“, kommt es ihm über die Lippen: „Ich habe kein Auto, keinen Besitz, kein Geld.“ Er strotzt aber vor Energie, Überzeugung und Geisteskraft. Kraft und Energie, die er seit einem Jahr der Tschenglsburg einhaucht. „Es gab bisher nie einen Streit in der Burg“ Die alten Mauern des Kulturgasthauses haben schon viele Gesichter gesehen: Bankleute, Politiker, Unternehmer, Landwirte, Touristiker, Künstler, Kinder, Menschen mit besonderen ­Fähigkeiten und vor allem Tschenglser und Tschenglserinnen. Karl Perfler: „Das ist nicht meine Burg. Es ist die Burg der 499 Einwohner von Tschengls. Ohne sie würde es kein Leben auf der Burg geben.“ Und was ist der Unterschied zwischen einem „normalen“ Gastbetrieb und einem Kulturgasthaus? „Wir versuchen, die Burg als Kulturraum und Ort des respekt- und liebevollen Umgangs zu führen. Es geht nicht nur um das ‚kalte’, rhythmische Verabreichen von Getränken und Speisen, es geht um das Zuhören, um das Reden, um das Stillsein, um das Nachdenken und den Austausch von Gedanken. Natürlich ist auch der wirtschaftliche Aspekt wichtig, doch der kommt von allein, wenn das Ambiente stimmt,“ ist Karl Perfler überzeugt. Seit der Wiedereröffnung am 12. Juni 2011 bis jetzt habe es nie einen Streit gegeben, „und heuer am Herz-Jesu-Sonntag waren die Musikkapelle hier, die Schützen, ja das ganze Dorf.“ Ist auch das Gemeinwohl-Ökonomie? Karl Perfler: „In einem bestimmten Sinn ja. Wir alle müssen uns auf den Weg machen, um uns als Personen und als Region zu festigen. Hier auf der Burg versuchen wir, diese Suche nach dem Sinn unserer Existenz zu begleiten. Auch mit Musik, Kunst, Gesprächen und Begegnungen.“ Person und Region festigen Wonach sollen wir suchen? „Wir wiegen uns in vermeintlichen ­Sicherheiten, die aber Trugschlüsse sind. Bisherige Ansichten und Systeme brechen zusammen wie Kartenhäuser, ich nenne nur das Bankensystem, die ganze ­Finanzwelt, die Politik, die Folgen der Globalisierung,“ philosophiert der Kulturwirt. Und was wäre der richtige Weg? „Wir müssen uns von auferlegten Zwängen frei machen und zu unserer wahren Identität finden, als Menschen und als Region. Wir müssen zu Beobachtern werden, die selbst denken und handeln, und die so die Angst vor den großen Wirklichkeiten überwinden.“ Heimat umfasse mehr als „nur“ die Naturschönheiten des Vinschgaus: „Wir sind nur ‚Gäste’ im Tal der jungen Etsch. Wir besitzen das Tal nicht. Wir müssen uns mehr fragen, wer und was wir sind und weniger, was wir haben.“ Und hier bringt Karl Perfler die Ausstellung ins Spiel, bei der Menschen mit Behinderungen von der Werkstätte Prad auf der Tschenglsburg ihre Werke ausstellten: „Es war für alle ergreifend und berührend, wie stolz und selbstbewusst diese Menschen auftraten. Die Gelegenheit, einmal für kurze Zeit im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, haben sie leider sehr selten.“ „Wir besitzen das Tal nicht, wir sind nur ‚Gäste’“ Zu den bisher wertvollsten Erfahrungen seines Wirkens auf der Tschenglsburg zählt der Kulturwirt auch die Erkenntnis, dass jeder von uns gefordert ist, nachzudenken, sich Zeit zu schenken und anderen mit Respekt zu begegnen: „Jeder kann seine Gedanken frei einbringen. Jede Meinung hat ihren Wert, egal wer sie äußert.“ Die schönsten Worte, die er auf der Burg bisher gehört hat, kamen aus dem Mund von Kindern, die im Herbst 2011 zu ihm kamen und riefen: „Karl, insr Korn geat auf!“ Sie hatten das Korn auf einer Wiese in der Nähe der Ottilia-­Kirche gesät. Weitere Ackerflächen sollen in Zukunft dazu kommen. An seiner Überzeugung, den Vinschgau als Kornkammer neu aufleben zu lassen, in erster Linie am Sonnenberg, hält Karl nach wie vor fest. Und noch viel weitere Träume wollen er und sein Team wahr werden lassen. So soll die friedliche Strahlkraft, die von Burg ausgeht, nach und nach das ganze Tal erobern. Dort, wo sich zurzeit ein ungenutzter Stadel befindet, soll in freiwilliger Zusammenarbeit mit Handwerkern aus Tschengls ein Kulturraum entstehen, bei der Auflage 2013 von „marmor & marillen“ sollte auch das Brot miteinbezogen werden und außerdem planen wir,...Stopp für heute. Karl muss aufbrechen, eine Konzertwanderung steht an. Sepp Laner
Josef Laner
Josef Laner

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