Saxalb ist gerettet

Fortunat, der Glückliche

Publiziert in 41 / 2007 - Erschienen am 21. November 2007
„Ich habe Glück gehabt…“ sagt Fortunat Gurschler; „ich habe Glück gehabt…“ sagt auch Hermann Müller, beide aus dem Schnalstal und beide durch eine glückliche Fügung miteinander verbunden. Von Ingeborg Rechenmacher Viele Jahre begleitete Fortunat Gurschler aus Unser Frau im Schnalstal als Hirte die Schafherden auf die Sommerweiden ins benachbarte Ötztal. 14 Sommer lang hütete er allein beinahe 2000 Tiere auf den Almgründen im Venter Tal, die im Besitz der Schnalser Bauern sind. Im Herbst hieß es dann immer, einen Job für den Winter zu suchen. Viele Jahre arbeitete er als Schiliftmaschinist bei den Schnalstaler Gletscherbahnen oder als Metzger beim Kleintierzuchtverband in Bozen. Nun hat Fortunat sein Nomadenleben an den Nagel gehängt, er ist sesshaft geworden. Er hat das Hirtenleben gegen das Leben auf einem extremen Bergbauernhof in seinem Heimattal eingetauscht, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Katrin und Töchterchen Pauline. Seit Jänner 2007 lebt die junge Familie auf dem Saxalbhof auf 1363 Meter Meereshöhe. Der sehr entlegene Hof gehört Hermann Müller, der dort oben geboren und mit seinen 9 Geschwistern aufgewachsen ist. Der ursprüngliche Saxalbhof wurde im Ferdinandeum in Innsbruck im Jahre 1358 erstmals urkundlich erwähnt. Der heutige Bauernhof stammt aus dem Jahre 1847 und schien bis vor kurzem vom Auflassen bedroht. Er liegt 400 m über dem Tal, über einer senkrechten Felswand und hat im Umkreis von einer Gehstunde keine Nachbarn. Saxalb ist nur mit einer Seilbahn erschlossen, keine Straße führt dorthin. Auf den ersten Blick ist der Saxalbhof ein beschauliches Ensemble mit herrlichem Blick auf Schloss Juval und auf den mit Schnee bedeckten Similaungipfel, beim näheren Hinschauen fehlt es an allen Ecken und Enden. Noch heute hat der Hof nur ein Plumpsklo; Annehmlichkeiten wie eine Dusche oder gar Badewanne fehlen, ebenso ein Telefonanschluss. Ein kleines, eigenes Stromwerk versorgt den Hof mit elektrischem Strom, vorausgesetzt, es wird nicht bewässert, da braucht man das Wasser für Wichtigeres. Hermann Müller, besser bekannt als „Saxalber Hermann“, wohnte in aller Bescheidenheit auf seinem Heimathof, der denselben Namen trägt wie die Alm und ein hochgelegener Bergsee. Mit fortgeschrittenem Alter fiel es ihm immer schwerer, den Hof und die steilen Felder zu bewirtschaften. In dieser ausweglosen Situation schneiten eines Tages Fortunat und Katrin in die Stube des Bauern und fragten an, ob er Saxalb an sie verpachten möchte. Verpachten, nein, verpachten wolle er den Hof nicht, antwortete Hermann Müller entschieden, „obr i lossn enk, wenn i do bleibm derf“. Überglücklich nahmen Fortunat und Katrin dieses großzügige Angebot an, wenngleich ihnen klar war, welche Bürde sie sich mit diesem vom Verfall bedrohten Hof auferlegten. „Ich hätte mir nicht erwartet, dass jemand bereit ist, auf den Hof zu ziehen“, zeigt sich Hermann Müller heute erleichtert. Er erinnert sich noch an seine Kindheit, als es hieß, täglich, auch bei vereisten Wegen oder drohenden Lawinen unter Lebensgefahr 400 Höhenmeter hinunter ins Tal und dann 300 m hinauf nach Katharinaberg und am Nachmittag in umgekehrter Reihenfolge wieder zurückzugehen. Die Kinder von Saxalb hatten den weitesten Schulweg in ganz Südtirol. „Wenn wir nicht pünktlich um 7.15 Uhr in der Kirche von Katharinaberg waren, schimpfte der Pfarrer mit uns“, erinnert sich Paulina, die Schwester von Hermann. Vorher aber mussten die Kinder noch im Stall helfen und „im Stehen schlangen wir vor dem Schulegehen ein warmes Mus hinunter“. Die kleine Pauline wird es leichter haben, „wenn einmal die Straße kommt“. Die junge Familie hofft darauf, dass so bald wie möglich eine Zufahrtsstraße zu ihrem Hof gebaut wird. Die Gemeinde Schnals habe bereits die ersten Schritte dafür in die Wege geleitet „Wenn auf den Höfen noch jemand bleiben soll, dann müssen sie wenigsten erschlossen werden,“ so Fortunat. Er hat schon Pläne für ein Bad gemacht, Katrin für einen Garten. „Früher haben sie hier Kartoffeln, Leinsamen, Kraut und Futterrüben, Gerste, Roggen und Hafer angebaut“, zählt Katrin auf. Die junge Frau aus Bayern kennt sich aus mit dem Leben in alten Zeiten. Sie hat in Berlin Alt-Amerikanistik studiert; öfters war sie in Kanada und Nordamerika den Irokesen und anderen Indianerstämmen auf der Spur. Im Schnalstal machte sie einen Sommer lang ein Praktikum im ArcheoParc; auf den Spuren Ötzis hat sie irgendwann Fortunat getroffen. Katrin war auch die treibende Kraft, nach Saxalb zu ziehen, gibt Fortunat zu. Ohne das bedingungslose Einverständnis aller Beteiligten wäre das Leben in dieser extremen Lage wohl auch nicht möglich. Die 8 ha Wiesen sind steil und schwer zu bearbeiten. „Eine Hausmagd ist früher beim „Auferden“ des Kartoffelackers samt ihrem Holzkarren über die Felsen ins Tal gestürzt“, weiß Fortunat. Neben 8 Milchkühen hält der Jungbauer 70 Tiroler Bergschafe und 50 Ziegen. „Kuhhaltung ist für diesen Hof zu teuer. Ich muss das Getreide Säckchenweise mit der Seilbahn heraufbringen und bekomme gleichviel Milchgeld wie die Talbauern,“ so Fortunat. Außerdem ist das steile Gelände für Milchkühe überhaupt nicht geeignet. Da bleibt Fortunat lieber seinen Schafen und Ziegen treu. „Da ist man auch nicht so angehängt“, sagt er. Im Gespräch mit Fortunat spürt man noch den Traum von Freiheit und von nomadischer Unabhängigkeit. Zur Zeit drückt Fortunat in der Fürstenburg die Schulbank. Zweimal in der Woche besucht er den Kurs für Späteinsteiger, um den letzten „Schliff“ als Bauer zu bekommen. Inzwischen versorgen wie selbstverständlich Katrin und Hermann die Tiere im Stall. „Hermann hilft uns, wo er kann. Er kennt die Arbeit auf dem Hof so gut wie kein anderer“, zeigen sich Katrin und Fortunat dankbar. Für sie ist klar, dass er auf dem Hof bleibt. „Wir werden auf Hermann schauen, so lange es geht. Auch deshalb ist es wichtig, dass die Strasse kommt…“
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Vinschger Sonderausgabe

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