„2021 kommt es dick“
Manfred Pinzger: Der Tourismus ist kein Selbstläufer
HGV-Präsident Manfred Pinzger

„Wir hoffen auf eine gute Herbstsaison“

HGV-Präsident spricht über die Corona-Krise, die derzeitige Situation in der Tourismusbranche, die Zukunftsaussichten und darüber, warum es im nächsten Jahr für viele Betriebe „richtig dick kommen wird.“

Publiziert in 23/24 / 2020 - Erschienen am 16. Juli 2020

Vinschgau - Besonders hart getroffen hat die Covid-19-Pandemie die Tourismusbranche und Hand in Hand damit viele weitere Wirtschaftszweige, die direkt und indirekt vom Tourismus leben bzw. mit diesem verzahnt sind, wie etwa der Handel, das Handwerk, aber auch die Weinwirtschaft. Ausgestanden ist die Krise noch lange nicht. „Für viele Betriebe wird es erst im nächsten Jahr richtig dick kommen“, sagt HGV-Präsident Manfred Pinzger. Als Hausherr des Wanderhotels „Vinschgerhof“ in Vetzan ist er einerseits persönlich gefordert, das Hotel zusammen mit seiner Familie und dem Mitarbeiterteam durch die Corona-Krise zu führen. Andererseits hat er als Präsident des Hoteliers- und Gastwirteverbandes die Interessen von landesweit rund 5.000 Hoteliers und Gastwirten zu vertreten.

der Vinschger: Herr Pinzger, war die Schließung der Skigebiete bzw. der Beherbergungsbetriebe, wie sie in Südtirol am 10. März erfolgte, im Nachhinein betrachtet richtig?

Manfred Pinzger: Es war eine riskante Entscheidung, aber sie war absolut richtig. Die Weichen für die Schließung wurden am Nachmittag des 8. März in Terlan gestellt. Das war eine „historische“ Sitzung. In Vertretung der Politik saßen der Landeshauptmann Arno Kompatscher und die Landesräte Arnold Schuler und Thomas Widmann am Tisch. Es war auf jeden Fall richtig, dass Südtirol bereits einige Tage vor dem staatsweiten Lockdown die Schließung freiwillig verfügte.

Seither sind bereits etliche Monate vergangen. In der Tourismusbranche kam es während dieser Zeit zu massiven Umsatzeinbrüchen. Gibt es dazu konkrete Zahlen?

Das Institut für Wirtschaftsforschung WIFO hat errechnet, dass es aufgrund des vorzeitigen Endes der Wintersaison und des verspäteten Beginns der Sommersaison auf Landesebene zu Umsatzeinbußen von insgesamt rund 1,3 Milliarden Euro gekommen ist.

Liegt der Vinschgau hier im Landestrend oder gibt es Unterschiede?

Der Vinschgau hat in diesem Punkt am meisten „geblutet“, weil die Monate März und April und zum Teil auch der Mai für die Skigebiete im Schnalstal und in Sulden zu den umsatzstärksten gehören. In Schnals und Sulden fiel sozusagen ein Großteil der Hochsaison aus.

Wie ist derzeit die Stimmung bei den Beherbergungsbetrieben und in der Gastronomie?

Viele Bars und Restaurants sind zwar seit dem 11. Mai wieder geöffnet, aber so wie vor der Corona-Zeit ist die Lage noch lange nicht. Es gibt noch immer ein gewisses Maß an Unsicherheit und Zurückhaltung. Die „Ausgehfreude“, wenn ich das so nennen darf, hält sich noch ziemlich in Grenzen. Nicht zu vergessen ist auch, dass manchen Leuten schlicht und einfach das Geld fehlt. Eine bestimmte Zurückhaltung im Konsum ist durchaus verständlich, denn alles kostet Geld. Trotz allem hoffe ich, dass sich die Lage in der Gastronomie wieder langsam einpendeln wird.

Wir schreiben heute den 9. Juli. Wie steht es zum derzeitigen Zeitpunkt mit den Gästebuchungen im Vinschgau?

Vorausschicken darf ich, dass die Nachfrage in den vergangenen Wochen gestiegen ist. Die effektiven Buchungen lassen noch zu wünschen übrig. Im Vinschgau wie auch in den anderen Landesteilen. Es gibt einerseits Vorzeigebetriebe, die mit besonderen Angeboten am hart umkämpften Markt präsent sind, und anderseits dürfen wir auf eine doch stattliche Anzahl an Stammgästen zähen, die den Vinschgau lieben. Wir als Gastwirte, samt unseren Mitarbeitern sind enorm gefordert und müssen uns beim Schnüren unserer Angebote sowie bei der Bewirtung besonders bemühen.

Glauben Sie, dass es zu Betriebsschließungen kommen wird?

Dass der eine oder andere Betrieb schließen wird, ist durchaus möglich. Besonders schwierig gestaltet sich die Lage für manche Pachtbetriebe. Wenn die Verpächter nicht bereit sind, den Pächtern in dieser besonderen Situation in angemessener Weise entgegenzukommen, kann es für manche schon brenzlig werden. Das belegen auch Rückmeldungen, die ich diesbezüglich immer wieder erhalte.

Apropos Unterstützung: Wie bewerten Sie die Maßnahmen des Landes zur Unterstützung der Tourismusbranche?

Angesichts der angekündigten und öffentlich vermittelten Unterstützungsmaßnahmen seitens des Landes sind die konkreten Hilfen bisher sehr mager. Es soll jedoch laut Ankündigung der Politik noch ein konkretes Unterstützungspaket folgen. Betriebe mit bis zu 5 Mitarbeitern konnten für einen Verlustbeitrag beim Land ansuchen. Sehr viele haben diesen in Anspruch genommen. Von 2.000 Euro bis 10.000 Euro je nach Mitarbeiteranzahl wurde ausbezahlt. Das war bisher die einzige Unterstützung im Sinne von direktem Zuschuss an die Betriebe. 

Und was ist mit den vergünstigten Krediten?

Hierfür wurde ein Einvernehmensprotokoll mit den lokalen Banken und Garantiegenossenschaften unterzeichnet. Es wurde vereinbart, den Betrieben Darlehen mit einer Laufzeit von bis zu 6 Jahren zu gewähren, wobei die ersten 2 Jahre zinsfrei sind. Für die restliche Laufzeit wurde ein maximaler Zinssatz von 1,9 Prozent festgeschrieben, wobei allerdings bei den meisten Krediten dieser Höchstzinssatz zur ungeschriebenen Regel geworden ist.

Gibt es nicht auch Hilfen seitens des Staates?

Neben einem Aufschub der Zahlung von Steuern und Abgaben wurden im sogenannten Cura-Italia-Dekret auch Ausgleichszahlungen für Betriebe vorgesehen, die im April nachweislich einen bestimmten Umsatzausfall hatten. Auch unser Betrieb hat angesucht. Wir waren total überrascht, aber dieses Geld ist schon auf dem Konto. Wenn man sich vor Augen führt, wie schleppend und schwerfällig in Italien manche Anträge bearbeitet werden, ich nenne etwa die Lohnausgleichszahlungen seitens des Fürsorgeinstitutes INPS, war das fast wie ein kleines Wunder.

Von der Gemeindeimmobiliensteuer GIS sollen die Tourismusbetriebe heuer aber befreit werden, obwohl der Gemeindenverband erreichen möchte, dass Gemeinden, die als Tourismushochburgen gelten, dennoch 20% der GIS einheben können.

Zum Thema GIS möchte ich grundsätzlich vorausschicken, dass es nicht mehr länger angeht, Hotel- und Restaurantbetriebe wie Luxuswohnungen zu besteuern. Wir sind Produktionsbetriebe, die sichere Arbeitsplätze bieten und Wertschöpfung generieren, und es gibt daher keinen Grund, warum wir im Vergleich zu anderen Produktions- und Gewerbebetrieben ein Vielfaches an GIS zahlen müssen. Wir fordern schon lange eine Neuklassifizierung unserer Betriebe im Gebäudekataster. Was die GIS für heuer betrifft, hoffe ich sehr, dass der diesbezügliche Beschluss der Landesregierung hält und nicht im Landtag umgekrempelt wird. Abgesehen davon, dass die Gemeinden 80% der GIS-Ausfälle vom Land/Staat rückerstattet bekommen, sehe ich in den Gemeinden genug Möglichkeiten, den 20-prozentigen Ausfall wettzumachen, zum Beispiel mit Einsparungen. Bereiche, wo das möglich ist, dürfte es überall geben.

Wird die GIS im nächsten Jahr wieder zu zahlen sein?

Wir als HGV hoffen sehr, dass es auch 2021 eine Befreiung oder zumindest eine Reduzierung geben wird. Erste politische Signale dafür sind da. Angesichts der Tatsache, dass die Saison nur zaghaft läuft, dass Kredite gestundet, Zahlungen aufgeschoben und zum Teil neue Kredite aufgenommen wurden, ist zu befürchten, dass es für nicht wenige Betriebe im Jahr 2021 richtig dick kommt, sprich eng wird. Aufgeschobene Zahlungsverpflichtungen bleiben ja aufrecht und werden alle im nächsten Jahr fällig.

Was unternimmt der HGV, um beim Aufflammen von Infektionsherden in Beherbergungsbetrieben gerüstet zu sein?

Das vom HGV auf den Weg gebrachte Projekt „Südtirol testet“, bei dem wir als Verband eine Vorfinanzierung leisteten, läuft sehr gut. In nur zwei Tagen haben sich landesweit 22.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hotel- und Gastgewerbe sowie Betriebsinhaber zum Test auf das Coronavirus angemeldet. In 21 Standortgemeinden werden die Tests vom Weißen Kreuz, das dafür vom Land bezahlt wird, durchgeführt. Im Vinschgau wird in Latsch und in Mals getestet. Das Mitarbeiterteam unseres Betriebs und auch wir Inhaber ließen uns gestern (8. Juli, Anmerkung der Redaktion) in Latsch testen. Alle ca. 300 Tests, die gestern in Latsch durchgeführt wurden, waren negativ.

Was ist das Ziel dieser Tests?

Es geht in erster Linie darum, mit den Tests die Sicherheit zu erhöhen und ein Signal dafür zu setzen, das wir nachweislich eine sichere Urlaubsdestination sind. Das wird dann in Zusammenarbeit mit IDM Südtirol auch entsprechend in internationalen Medien kommuniziert, vorwiegend im deutschsprachigen Raum. Der Großteil unserer Gäste stammt nach wie vor aus Deutschland. Im Vinschgau liegt der Anteil dieser Gästeschicht bei über 50 Prozent.

Wird es infolge der Corona-Krise in Zukunft weniger Investitionen in der Tourismusbranche geben?

Davon ist sicher auszugehen. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich froh bin, bereits im letzten Winter in die Erneuerung der Rezeption, des Buffet-Bereichs und der Bar investiert zu haben. Müsste ich heute darüber entscheiden, würde ich es mir zehn Mal überlegen.

Ist mit einem Verlust von Arbeitsplätzen zu rechnen?

Dass auch im Tourismus Arbeitsplätze verloren gehen, zumindest vorläufig, ist klar. In sogenannten normalen Zeiten ist unsere Branche mit rund 36.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der größte private Arbeitgeber im Land. Auch das zeigt, welcher Stellenwert der Branche zukommt. Ein Selbstläufer ist der Tourismus nicht, auch er braucht Unterstützung.

Braucht es nach dem großen Aufschwung der vergangenen Jahre nicht auch ein Umdenken?

Ich bin überzeugt, dass es aufgrund der Covid-19-Pandemie eine Nachdenk-
phase über die weitere Entwicklung braucht und dass es diese Phase auch geben wird. Nicht das Motto „Immer mehr, immer größer, immer schneller“ sollte künftig im Vordergrund stehen, sondern Regionalität, Bodenständigkeit und auch das Prinzip des gerechten Preises.

Also mehr Nachhaltigkeit?

Ja, und zwar auf allen Ebenen und nach Möglichkeit im gesamten Alpenraum. Die Erarbeitung nachhaltiger Tourismusleitlinien im Alpenraum ist auch das Ziel der Plattform „Vitalpin – Wir leben Alpen“, bei der ich für Südtirol im Vorstand mitarbeiten darf. Es geht uns darum, eine sachliche öffentliche Diskussion in Gang zu bringen, die auf Fakten fußt und eine ganzheitliche Betrachtung zulässt. Wir wollen nicht trennen, sondern die Menschen, die Wirtschaft und die Alpen als Lebensraum verbinden und verantwortungsvolle Wege zwischen Naturschutz- und Entwicklungsinteressen einschlagen.

Wie sind ihre Prognosen für die kommende Herbst- und Wintersaison?

Vorausgesetzt, dass die Infektionskurve weiterhin stabil nach unten geht, hoffen wir schon, dass die Herbstsaison einigermaßen erfolgreich verläuft und die Ausfälle des Tourismusjahres 2020 zumindest teilweise etwas wettgemacht werden können. Was die kommende Wintersaison betrifft, ist derzeit noch vieles offen. Ein enges Zusammensitzen in den Gondeln wird wohl kaum möglich sein und auch beim Après-Ski und anderweitigen Feiern dürfte mit Einschränkungen zu rechnen sein.

Warum würden Sie sich als deutscher Bundesbürger für einen Urlaub in Südtirol entscheiden?

Weil es hier viel Raum und viele freie Gebiete mit Wandermöglichkeiten in der Natur und in den Bergen gibt, weil ich Ruhe finde, weil es kaum große Menschenansammlungen gibt, weil ich den Schnittpunkt zweier Kulturen besuche, wo ich auch ein mediterranes Flair vorfinde, weil ich gut essen und trinken kann, weil Südtirol auch in Zeiten wie diesen erreichbar ist, sprich Auto bzw. Bahn statt Flugzeug, und nicht zuletzt, weil mir in Südtirol ein Preis-Leistungs-Verhältnis geboten wird, das einfach top ist.

Josef Laner
Josef Laner

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