„Das wirkliche Großprojekt ist die Bewältigung der Klimakrise“
2003 wurde der Naturnser Tunnel eröffnet. Der Verkehr im Dorf nahm zunächst beträchtlich ab, stieg dann aber wieder kontinuierlich an. Was in Naturns los ist, wenn der Tunnel gesperrt ist und der gesamte Verkehr durch das Dorf führt, zeigt dieses Bild. Noch bis zum 6. März bleibt die Sperre wegen Sanierungsarbeiten im Tunnel aufrecht.

„Das wirkliche Großprojekt ist die Bewältigung der Klimakrise“

Hermann Knoflacher im Interview

Publiziert in 7 / 2020 - Erschienen am 25. Februar 2020

Schlanders/Wien - Am 23. Januar bewertete der Verkehrsplanungsexperte Hermann Knoflacher vier immer noch im Raum schwirrende Verkehrsprojekte, wie z.B. die Umfahrung Forst-Töll-Rabland, eine große Umfahrung Obervinschgau, die Aufwertung der Stilfserjoch-Straße sowie die Untertunnelung des Stilfserjochs. Jetzt legt der Fachmann nach und stellt klar, wohin die Reise nicht nur gehen sollte, sondern, wohin sie gehen muss – wenn sich Südtirol der Klimakrise ernsthaft stellen will.

der Vinschger: Herr Knoflacher, wie bewerten Sie diese vier Großprojekte hinsichtlich des Nachhaltigkeitsprinzips, besonders in Bezug auf die Tatsache, dass der Verkehr in Südtirol rund 44 Prozent der verursachten Treibhausemissionen ausmacht?

Hermann Knoflacher: Es gibt keine Großprojekte oder Kleinprojekte im Verkehr, sondern nur gute oder schlechte Verkehrslösungen. Nur für kleine Geister sind Projekte groß, wenn sie viel kosten. Das wirkliche Großprojekt, vor dem die Gesellschaft heute steht, ist die Bewältigung der anthropogenen Klimakrise. Jeder Eingriff, der die Klimakrise weiter beschleunigt, ist ein Verstoß gegen die Grundregeln einer nachhaltigen Gesellschaft. Er ist ein Umweltverbrechen, weil damit das Leben und die Gesundheit von Mensch und Natur bedroht werden. Investitionen in Maßnahmen, die den Autoverkehr weiter anheizen, sind daher ein Verstoß gegen das Nachhaltigkeitsprinzip mit negativen Folgen – weit über den Vinschgau hinaus.

Wie bewerten Sie diese Projekte hinsichtlich Ihres eigenen Verkehrskonzeptes, das die Bezirksgemeinschaft 2005 eigentlich umsetzen wollte?

Es ist nicht mein „eigenes Verkehrskonzept“, sondern eines der Bezirksgemeinschaft, der Menschen und der Wirtschaft im Vinschgau, die daran mitgearbeitet haben, ebenso wie ich. Um einige der beschlossenen Ziele anzuführen: „Wiederbelebung der Ortskerne, Stärkung der lokalen Wirtschaft, Erhaltung von Landschaft, Stärkung der Natur“ und speziell für die Verkehrsträger: „Entwicklung und Förderung zukunftssicherer und sozial verträglicher Mobilität, mehr Fußgeher, mehr Radfahrer, mehr Fahrgäste in Bussen und Bahn, weniger Autofahrten“. Anschließend geht das Verkehrskonzept auf die Grundsätze für die Umsetzung des Konzeptes ein. Hier nur die Formulierung zu den als Kompromiss aufgenommenen Umfahrungen, die ich damals vermeiden wollte, um diese in der Folge durch Einsicht zu vermeiden: „Umfahrungsstraßen kommen erst dann baulich in Frage, wenn vorher die Fülle der billigeren und schneller umsetzbaren Maßnahmen zur Begrenzung weiteren unerwünschten Autoverkehrs durch den Vinschgau ergriffen worden sind.“ Ich war mehr als verwundert, als mir nach 15 Jahren die Umweltschutzgruppe und Helmut Moroder diese so genannten „vier Großprojekte“ zugesandt haben. Der damals aufgefrischte Wind für eine nachhaltige Zukunft hatte sich offensichtlich gedreht und wieder einen Geist längst überholter schädlicher Projektierung in das Tal gebracht, vorbei an allen beschlossenen Zielen und jeder verantwortbaren Planung. Eigentlich nahm ich an, dass die beschlossene Fassung des Konzeptes - der Verkehr ist ja nur ein Teil davon - ohnehin der Bevölkerung bekannt wäre. Es müsste veröffentlicht werden, um Missverständnisse, wie bei der Diskussion am 23. Jänner entstanden, zu vermeiden. Einige Gemeinden haben jedoch auch Positives umgesetzt, wenn auch nicht viel: Wenn man nur Taufers als Beispiel herausnimmt, ist das eine unglaubliche Leistung. Die Gemeinde hat den schweren, aber richtigen Weg, den Autoverkehr im Ort zu beherrschen, gewählt und kultiviert gelöst. Auch das Land hat mit der Revitalisierung der Vinschgerbahn nicht nur dem Tal, sondern dem ganzen Land einen Weg in eine nachhaltige Zukunft eröffnet. Daher ist es umso verwunderlicher, wie dieser Rückfall in verheerende Denkmuster der „vier Großprojekte“ möglich wurde.

Wie bewerten Sie die genannten Projekte hinsichtlich der Klimakrise? Wie müsste Verkehr gestaltet werden, um den Klimazielen 2050 (Emission 0) gerecht zu werden?

Eigentlich genau so, wie es die beschlossenen Ziele und Prinzipien des Vinschgauer Verkehrskonzeptes vorgeben. Es gibt allerdings eine wesentliche Maßnahme, um die ich mich schon seit Jahrzehnten auch in Südtirol bemühe, die auf Landesebene zu ergreifen ist: Die Abschaffung des in die Bauordnung übernommenen Paragraphen 39 von Hitlers Reichsgaragenordnung aus 1939, in dem zu jeder Baumaßnahme Autoabstellplätze im Gebäude oder in der Nähe zu schaffen sind. Dort liegt der Kern für die Zerstörung nicht nur der Orte, der lokalen Wirtschaft und der Gemeinschaft, die den Vinschgau über Jahrtausende zu dem wertvollen Gebiet gemacht hat, dem heute Beschädigung und Zerstörung droht. Pkws sind, will man eine nachhaltige Zukunft, außerhalb der Orte und der Städte abzustellen. In den Städten geht es schon in diese Richtung.

In die Planung dieser vier Projekte sind bereits große Summen öffentlicher Gelder gesteckt worden. Wie könnte man in Zukunft öffentliche Gelder verwenden, um den Klimazielen, was den Verkehr angeht, gerecht zu werden?

Indem man den Menschen, Gemeinden und Städten beim notwendigen Umbau für eine nachhaltige Zukunft hilft durch: 1. Garagen am Rande der Orte an ohnehin versiegelten Plätzen, wenn die Bevölkerung bereit ist, die Pkws dort abzustellen. 2. Durch Einführung einer Verkehrserreger-Abgabe auf alle Autoabstellplätze außerhalb dieser Übergangseinrichtungen, vor allem bei den Shoppingzentren. 3. Durch den weiteren Ausbau der Vinschgerbahn für einen Viertelstundentakt mit Zubringerbussen und Vorbereitung auf den Gütertransport. Wozu verschwinden sonst die Milliarden in einem Brenner Basistunnel? 4. Durch die Förderung beim Umbau öffentlicher Räume für Fußgänger, Rad- und öffentlichen Verkehr. 5. Durch die im Verkehrskonzept vorgeschlagene Förderung der Revitalisierung historischer Bausubstanz und geschlossener Bebauung. 6. Keine Förderung für die weitere Umwandlung von Natur in versiegeltes Bauland.

Welche Potentiale stecken im Vinschgauer Verkehrsprojekt, bzw. in einem enormen Umstrukturieren des bisherigen Verkehrs?

Es ist ein Konzept, das versucht, den Verkehr dem Leben in seiner umfassenden Vernetzung unterzuordnen. Es versucht, dort wieder anzusetzen, wo der Weg in den Irrtümern der Fachwelt und Wissenschaften - die sich mit den Eingriffen in die komplexe Welt beschäftigen, bevor man sie verstanden hat - verloren wurde. Es versucht zudem begreifbar zu machen, dass es keine Zeiteinsparung im Verkehrssystem im Vinschgau gibt, wenn die Geschwindigkeit erhöht wird. Nur die Wege werden länger – und führen schnell aus dem Vinschgau hinaus. Und mit ihnen die Kaufkraft, Arbeitsplätze; nicht sofort, aber unaufhaltsam, so dass man sie nicht wahrnimmt. Das Problem ist der Autoverkehr – und wie man mit ihm umgeht. Entweder verständnislos, wie es diese Projekte zeigen oder verantwortungsvoll, wie es die Bezirksgemeinschaft 2007 beschlossen hat. Vielleicht hat man die Tragweite und die Konsequenzen der Beschlüsse nicht beachtet? Daher habe ich im Konzept die Bedeutung grundlegender Werte des Lebens und der Evolution besonders hervorgehoben, die es im Vinschgau noch gibt und die sehr schnell verloren gehen, wenn man leichtfertige Entscheidungen fällt. Ich habe versucht, darauf hinzuweisen, dass es weder einen zweiten Vinschgau gibt und jeder Quadratmeter, der versiegelt oder zerstört wird, ein Quadratmeter weniger Lebensnetz bedeutet. Der Vinschgau hat das Potential, nicht nur dem Land, sondern ganzen Regionen Wege aus der scheinbaren Sackgasse unserer Irrtümer der Vergangenheit aufzuzeigen. Dafür müssen falsche Strukturen, die gebauten, die rechtlichen, die finanziellen und auch die der schlechten Gewohnheiten verändert werden. Dafür bietet sich dieses Gemeinschaftsprojekt, wie das Verkehrskonzept Vinschgau vor 15 Jahren, an. Das geht nur, wenn man sich mutig zum mühsamen Weg des Lebens bekennt und diesen so gestaltet, dass die Menschen ihn gerne annehmen und sich nicht ins Auto setzen im Glauben, sie könnten diesen alleine machen, indem sie wegfahren. Wohin übrigens?

Redaktion
Vinschger Sonderausgabe

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