Die Suldenstraße
Ein kulturhistorisches Erinnerungsbuch
Das historische Bild zeigt: Nach dem Ende des 2. Weltkriegs kommen wieder die ersten Touristen nach Sulden.
Leopold Frh. v. Hofmann (links) und Theodor Christomannos
„Gruß aus Sulden“: Hotel Post und Hotel Eller, die ersten beiden Hotels in Sulden um 1905.
Buchautor Franz G. Angerer
Fünf Lire Mautgebühr wurde für ein Fuhrwerk mit Bauholz eingehoben.
Bald fand auch der SAD-Bus nach Sulden.
Das Grandhotel Sulden um 1900, vorne die Gampenhöfe
Die Schneeräumung erfolgte lange Zeit mit Keilpflügen, Mitte der 1950er Jahre wurden die ersten Schneefräsen eingesetzt.

Die Lebensader für Sulden

Das Buch „Leopold, Frh. v. Hofmanns Testament und der Weg ins Ortlergebiet“ von Franz G. Angerer ist historische Aufarbeitung, Hommage und kulturgeschichtliches Erinnerungswerk.

Publiziert in 10 / 2026 - Erschienen am 19. Mai 2026

Sulden/Kortsch - Der Autor Franz G. Angerer (Jg. 1948), geboren in Sulden und wohnhaft in Kortsch, stammt aus der traditionsreichen Hoteliersfamilie Angerer (ehemals Posthotel). Seine Biografie umfasst Tätigkeiten in Tourismus, Handel und internationalem Maschinenbau. Seit seiner Pensionierung widmet er sich der Archivierung eines umfangreichen Familiennachlasses, der zahlreiche historische Dokumente des Ortes Sulden enthält. Er ist Mitglied im „Ortler Sammlerverein 1. Weltkrieg“ (OSV), Berg- und Heimatkenner sowie leidenschaftlicher Sammler historischer Objekte. In den letzten Monaten hat Franz G. Angerer das Buch „Leopold, Frh. v. Hofmanns Testament und der Weg ins Ortlergebiet“ geschrieben. Seine regionale Expertise, persönliche Verbundenheit und die familiären Quellen verleihen dem Buch eine besondere Authentizität. Die Bezirkszeitung der Vinschger hat mit dem Autor ein ausführliches Gespräch geführt:

der Vinschger: Herr Angerer, was waren für Sie die Motivation und der zündende Funke, über die Entstehung der Suldenstraße ein Buch zu schreiben? 

Franz G. Angerer: Anlässlich des Jubiläums „200 Jahre Stilfserjoch-Straße“ im Jahr 2025 entdeckte ich im Nachlass meiner Familie ein bislang unbekanntes und historisch äußerst wertvolles Konvolut aus über 300 Originaldokumenten sowie rund 30 Bauzeichnungen zur Entstehung der Suldenstraße (1890–1912). Diese Dokumente wären beinahe entsorgt worden – ihr zufälliger Fund bildet den Ausgangspunkt für ein Buch, das eine fast vergessene Infrastrukturgeschichte Südtirols rekonstruiert. Es handelt sich dabei um Unterlagen, die in Archiven in Innsbruck, Bozen oder Wien nicht mehr existieren. Die Sammlung dokumentiert die Planung, Finanzierung, den Bau und die spätere Verwaltung der Straße von Gomagoi nach Sulden – einer regional bedeutsamen Gebirgsstraße, die das Hochgebirgstal maßgeblich geprägt hat. 

Wovon erzählt das Buch? 

Das Buch erzählt die Geschichte der Suldenstraße als kleine, befahrbare Verbindung zur Außenwelt bis zu ihrer modernen Bedeutung. Es gliedert sich in mehrere historische Abschnitte, wie die frühe Erschließung des Suldentals mit Reisenotizen eines Alpinisten aus dem Jahr 1879, dessen Einblicke bereiten erzählerisch den Boden für die Notwendigkeit einer Fahrstraße, denn das Suldental war lange nur über Saumpfade erreichbar. Erst Alpinisten wie Payer, Tuckett, Pallavicini, Meurer und Johann Stüdl drängten auf einen Fahrweg. Besondere Bedeutung erhält die Rolle des Meraner Rechtsanwalts Theodor Christomannos. Der entscheidende Impuls war aber das Legat von Leopold Friedrich Freiherr von Hofmann (1822–1885), k.k. Minister, Diplomat, Präsident des D.Ö.A.V., denn er verfügte testamentarisch eine Spende von 12.000 Gulden zum Bau der Straße, an die Bedingung geknüpft, dass der Bau binnen fünf Jahren nach seinem Tod gesichert sei. Dieses Legat wird zum Wendepunkt der gesamten Erschließung. Das Buch würdigt außerdem die Wegmacher und Straßenarbeiter, die Planer und Verwalter, die jahrzehntelang um die Finanzierung kämpften.

Das Buch stellt auf Basis der originalen Bauzeichnungen sämtliche Details dar?

Das Originalmaterial zum Bau der Suldenstraße (1891–1892) ist ein einzigartiger Fund. Die Meraner Firma Musch & Lun, eine zentrale Kraft der Südtiroler Baugeschichte, realisierte die 11 km lange Straße unter widrigen alpinen Umständen. Trassierungspläne, Brückenkonstruktionen, Querprofile, Baukorrekturen sowie Verbauungen gegen Mur- und Lawinengefahren werden beschrieben. Die Verwaltung der Straße als sogenannte „Concurrenzstraße“ wurde zu einem komplexen administrativen Vorgang, der im Buch anhand zahlreicher Dokumente nachvollzogen wird. Das Buch deckt im zentralen Teil den Zeitraum von 1890 bis in die 1930er Jahre ab. 

Im Ersten Weltkrieg wurde die Suldenstraße zur Lebensader an der Ortlerfront?

Die Straße wurde zur Lebensader der militärischen Versorgung der Ortlerfront. Truppenverkehr, Materialtransporte, Winterkatastrophen und Kriegsfolgen für Infrastruktur und Bevölkerung werden beschrieben. Interessante Dokumente zeigen den radikalen Verwaltungswechsel der Nachkriegszeit: neue Behörden, neue Reglements, Sprachwechsel und große finanzielle Härten. Nach 1945 fiel die Suldenstraße unter ANAS-Verwaltung. Es folgen Wiederaufbauprogramme und Straßenneubauten, Schneeräumung mit Keilpflügen und modernen Maschinen.
Heute obliegt die Straße (SS 622) von Gomagoi nach Sulden der Verwaltung der Autonomen Provinz Bozen.

Sie erwähnen im Buch, dass, um die Schulden abzubezahlen und die Instandhaltung der Bergstraße zu garantieren, bereits 1912 eine Mautgebühr eingeführt wurde, die auch für Fußgänger, Tiere und sogar Rodeln galt?

Das ist richtig: damals noch in österreichischen Kronen und Hellern. Nach dem 1. Weltkrieg wurden dann in Gand Lire-Tarife einkassiert, beispielsweise für Fußgänger hin und retour 0,20 Lire, für Personenwagen 6-sitzig 20 Lire, für Fuhrwerk mit Bauholz 5 Lire, für Handwagen oder Fahrrad 0,50 Lire, für Rodel 0,20 Lire, pro Stück Vieh 0,10 Lire und für einen Viehtrieb 0,20 Lire! 

Die Suldenstraße ist seit ihrer Erbauung die Lebensader des Hochtals?

Die Straße hat eine enorme Bedeutung für die touristische und wirtschaftliche Entwicklung, ist aber auch eine infrastrukturelle Herausforderung. Die Straße ist der einzige Zugang zum Dorf; sie bringt Gäste ins Hochtal, sichert Arbeitsplätze im Tourismus und schafft Perspektiven für kommende Generationen.

Eine wichtige Tirolensie

Sulden/Kortsch -„Erst mit dem Bau der Suldenstraße konnte sich Sulden zu jenem Tourismusort entwickeln, der heute auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurückblicken kann,“ schreibt der Volkskundler Paul Rösch im Vorwort zum Buch „Die Suldenstraße“. „Heute befahren wir diese Straße mit Selbstverständlichkeit, vorbei an Trockenmauern, Lawinenverbauungen und anderen hochtechnischen Meisterleistungen ihrer Zeit.
Dabei war der Weg bis zur Eröffnung der Straße geprägt von gesellschaftlichen, emotionalen und politischen Auseinandersetzungen.  Mit der vorliegenden Publikation ist Franz G. Angerer ein wichtiger und spannender Beitrag zur Landeskunde gelungen. Die Lektüre der neuen Tirolensie beantwortet viele Fragen und erweckt große Neugierde.“
Das Buch „Die Suldenstrasse. Leopold Frh. v. Hofmanns Testament und der Weg ins Ortlergebiet“ umfasst 170 Seiten mit interessanten Fotodokumenten, Kopien von Briefen, Verträgen, Rechnungen und Plänen. Das Werk ist im Effekt! Buchverlag GmbH Neumarkt erschienen und im Buchhandel erhältlich.
Der Autor Franz G. Angerer wird sein Buch am 29. Mai um 19 Uhr im Gemeindesaal von Stilfs und am 9. Juni um 20.30 Uhr im Innenhof der Schlandersburg vorstellen.

Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher

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