Moderator Andreas Tappeiner, Landesrat Arnold Schuler, Luca Pedrotti, Günther Unterthiner und Andreas Agreiter (von links).

Der verbissene Vinschgau

Publiziert in 15 / 2015 - Erschienen am 22. April 2015
Was alle wussten, ist jetzt dreifach untersucht und belegt: Schutz- und Nutzwälder im Vinschgau sind durch Wildverbiss schwer beschädigt. Mals - Freiwillig oder auch unfreiwillig, aber auf jeden Fall optisch hatten Waldeigentümer, Jäger, Förster, Bergbauern, Fraktionsverwalter, Nationalparkvertreter, Zivilschützer und Gemeindepolitiker den von Landesrat Arnold Schuler geforderten Schulterschluss schon vollzogen. Es fehlten Touristiker und Freizeitgestalter, sofern sie nicht gleichzeitig Jäger oder Jägerinnen waren. Die Stimmung der etwa 150 Anwesenden im Saal des Zivilschutzzentrums war erwartungsvoll, aber emotional immer auch labil. Darum bemühten sich Bürgermeister Andreas Tappeiner (Laas) als Moderator und Landesrat Arnold Schuler, in der Einleitung die Sachebene nicht zu verlassen. Nur kurz blendete der geschäftsführende Direktor des Landesamtes für Jagd und Fischerei, Andreas Agreiter, in seinem Vortrag „Entwicklung der Schalenwildbestände im Vinschgau“ ein Bild von Klaus Bliem ein. Auf einer Geländekante in der Planeiler Flur Orgles genossen etwa 50 Hirsche eng aneinander gedrängt die Morgensonne. Dadurch wurde es mehr als glaubhaft, dass die Statistik pro 100 ha Wald im Obervinschgau 9 Exemplare, im Mittelvinschgau 14 und im Wipptal 1 Rotwildexemplar auswies. Günther Unterthiner, Direktor des Landesamtes für Forstplanung, ging im Referat „Wildeinfluss und forstliche Planung“ auf die besondere Bedeutung des Waldes im Vinschgau ein. Während in Südtirol 58% der Waldfläche als Standortschutzwald gegen Lawinen und Muren sichern, sind es im Forstinspektorat Schlanders 72%. Stichprobenerhebungen zum Zustand der Verjüngung in Graun, Laatsch, Matsch, Göflan und Schlanders hätten 2014 „zum Großteil eine katastrophale natürliche Verjüngungssituation“ ergeben. „Die Ergebnisse der Studie des Wildeinflusses auf die Waldverjüngung im Vinschgau“ stellte der Wildbiologe und wissenschaftliche Koordinator des Nationalparks Stilfserjoch, Luca Pedrotti, vor. In seinen Schlussfolgerungen legte er klar, dass der Anteil des Wildverbisses an fast allen ­Baumarten inzwischen „jede Toleranzgrenze überschritten“ hätte. Alarmierend sei die Situation im Mittelvinschgau. Pedrotti deutete aber auch an, dass vermehrter Strauchbestand und eine gute Durchmischung des Waldes den Verbiss einschränken. Aus den Wortmeldungen im Anschluss kamen zur Ratlosigkeit und zur Aufforderung „zu schießen und wieder zu schießen“, Einsicht und Erkenntnis dazu, dass Handlungsbedarf im Jagdsystem bestehe und dass das Problem umfassender anzugehen sei. Man wäre froh, wenn Wildbiologen eingeschaltet würden, um endlich zu wissen, was wann zu entnehmen sei. Forst-Abteilungsleiter Paul Profanter meinte: „Wir müssen reduzieren, dann aber Maßnahmen in der Bejagung ändern und dem Wild Lebensräume einrichten und sichern.“ s
Günther Schöpf
Günther Schöpf

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