Der Passo delle Selle in den Händen des Tiroler Geschichtevereins mit dem Referenten Oswald Mederle (stehend). Am unteren Bildrand rechts der Meraner Kulturpublizist Sebastian Marseiler aus Schluderns.
Leben unter der Lawine: Feldwache 1 in der Fangho-Stellung, San Pellegrino-Tal.
Der 80-jährige Standschützen-Ober-jäger und Meisterschütze Martin Hohenegger aus Reschen war im Pellegrino-Tal eingesetzt.

Vinschger am Passo San Pellegrino

Oberinntaler und Vinschgauer Standschützen an der Dolomitenfront

Publiziert in 29 / 2020 - Erschienen am 1. September 2020

Vinschger Oberland/Passo San Pellegrino - Der „Große Krieg“ der Italiener war nicht einmal zwei Monate alt, als die Standschützen des Gerichtsbezirks Ried den Einsatzbefehl erhielten. Drei Kompanien von 475 Mann mit Offizieren und Schützen aus Ried, Pfunds, Nauders, Reschen, Langtaufers, Graun und St. Valentin a. d. H. setzten sich zu Fuß nach Mals in Bewegung. Bataillonskommandant war der Hoader Postwirt und Postmeister Kassian Baldauf. Die 2. Kompanie Nauders-Reschen führte Hauptmann Gottfried von Moos, Bauer in Reschen. Für die 3. Kompanie Graun war als Hauptmann der Grauner Bauer Johann Freitag zuständig. In Mals wurden die Männer in die Dampflok verfrachtet - „einwaggoniert“, wie es hieß - und nach Bozen gebracht. Von dort ging es weiter zu Fuß durch‘s Eggental, über den Karerpass nach Moena und weiter zu den Talsperren im mittleren Pellegrino-Tal. Dort hielten bereits Standschützen aus Welschnofen und Moena die Stellung. Weil man den ladinischen Standschützen nicht sonderlich traute, wurden ihnen nach Ankunft der „Obergerichtler“ und Einheiten des Deutschen Alpenkorps nur mehr untergeordnete Aufgaben zugeteilt. „29 volle Monate verriegelten die Oberinntaler und Vinschger Standschützen das Pellegrino-Tal“, erzählte Oswald Mederle der gut 40 Mann und Frau starken Gruppe des Tiroler Geschichtevereins. Man stand „marschbereit“ unter dem „Passo delle Selle“, in Sichtweite zum Rifugio Taramelli auf 2.040 Höhenmetern und lauschte den Ausführungen Mederles, seines Zeichens Vizepräsident der Sektion Bozen im Geschichteverein und profunder Kenner der „Grande Guerra“ in den Bergen Süd- und Welschtirols. Temperamentvoll wie immer erzählte er von der Bedeutung des Passes als tiefsten Punkt zwischen den Bergkämmen Monzoni und Costabella, von Patrouillengängen, Überfällen, Dolomitenoffensiven der Bersaglieri und Alpini, von Mehrfachangriffen und Rückeroberungen. Das Hin und Her im Fels der Dolomiten hatte nach der für die Monarchie siegreichen 12. Isonzo-Schlacht am 24. Oktober 2017 ein Ende. Doch zwei harte Winter hatten ihren Tribut gefordert. Durch Gefechte, mehr noch durch Lawinenabgänge und Krankheiten waren von den 475 Mann des Standschützenbataillons Nauders-Ried noch 194 übrig geblieben, so Mederle. Nach dem 24. Oktober wurden sie in Kompaniestärke Teil des Standschützenbataillons Vinschgau (Schlanders). Zuerst wurden sie ins Martelltal verlegt. Später lösten sie die Kompanie Stilfs an der Cevedale Front ab.

Günther Schöpf
Günther Schöpf
Vinschger Sonderausgabe

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.