Ein Teilnehmer auf „Ansaldo“ vor dem Hotel „Schöne Aussicht - Bella Vista“
Ein Teilnehmer auf dem Stilfserjoch mit Blick zum Ortler (3.905 m)
Rennfahrer Antonio Ascari am Stilfserjoch, vorbei an den Ruinen des Ersten Weltkriegs
Itala Wagen am Stilfserjoch 1921
Stephan Gander

Abenteuer „Alpenfahrt“

Vor 100 Jahren wurde erstmals wieder um den begehrten Alpenpokal gekämpft.

Publiziert in 27-28 / 2021 - Erschienen am 31. August 2021

Trafoi/Stilfserjoch - Vor 100 Jahren überquerten bekannte Rennfahrer wie Max Sailer, Enzo Ferrari, Ugo Sivocci und Antonio Ascari die Alpen. Der Erste Weltkrieg hatte dieses gigantische Auto-Abenteuer durch die Alpen jäh unterbrochen. 1921 wurde erstmals wieder eine große „Alpenfahrt“ über die Alpen Pass-Straßen ausgetragen. „Während viele Gebäude an der Strecke noch in Trümmern lagen, machten sich die ersten Auto-Pioniere wieder auf dem Weg, es war ein kleines Zeichen des Wiederanfangs“, schreibt Stephan Gander (Hotel „Schöne Aussicht - Bella Vista“ in Trafoi) in einem Aufsatz. Gander hat zum Thema „Alpenfahrt“ recherchiert und auch seltene Fotos dazu gesammelt. Nachfolgend sein Beitrag.  

Zuverlässigkeitstest für Mensch und Maschine

In den frühen August-Tagen des Jahres 1921 fand die erste große Alpenfahrt nach dem Ersten Weltkrieg statt. Zu dieser Herausforderung für Mensch und Automobil hatten sich 30 Rennfahrer und Privatfahrer gemeldet, darunter bekannte Namen wie etwa der deutsche Rennfahrer Max Sailer auf Mercedes, Privatfahrer Graf Sascha Kolowart aus Österreich auf Austro Daimler und der junge Pilot Enzo Ferrari, sein Kollege Ugo Sivocci, aber auch erfahrene Spitzenfahrer wie Antonio Ascari und Giuseppe Campari, allesamt auf Alfa Romeo. Ob Privat- oder Rennfahrer, alle waren geeint vom Pionier-Geist und dem Willen, den begehrten Alpenpokal zu gewinnen. Neben bekannten Marken wie FIAT, waren auch für uns heute unbekannte Automarken wie „Laurin und Klement“, „Nazzaro“, „Amilcar“, „Ansaldo“ oder „Itala“ mit ihren Fahrern gemeldet, Raritäten, die heute Höchstpreise bei Liebhabern erzielen. Bei diesen Alpenfahrten wurden Autos und Fahrer aufs härteste auf ihr Können und ihre Zuverlässigkeit getestet, denn die Straßen waren die steilsten, höchsten Pass-Straßen der Alpen und meist ohne festen Belag. Insgesamt waren 2.306 Kilometer in fünf Etappen quer durch die Alpen zurückzulegen. Am Etappenziel angekommen, durften sich Fahrer und Techniker maximal eine Stunde um Reinigung und Reparaturen am Wagen kümmern. Zum Sieger wurde derjenige Teilnehmer erklärt, der während der fünf Etappen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 48 km pro Stunde halten konnte oder diesem Durchschnitt am nächsten kam, mit so wenig wie möglich Strafpunkten.

In 5 Etappen über die Alpen und durch Südtirol

Die ersten Alpenfahrten waren noch vor dem Ersten Weltkrieg vom österreichischen Automobilclub in den Jahren 1910 bis 1915 ausgetragen worden. Nachdem Österreichs schönste Alpenregionen nach dem Ersten Weltkrieg an Italien gefallen waren, machten die Italiener Gebrauch vom bekannten Begriff der Alpenfahrt. Startpunkt des Rennens war am 7. August 1921 in Mailand, denn die „Coppa delle Alpi“ wurde vom dortigen Automobil-Club organisiert. Die erste Etappe führte von Mailand nach Turin, von Turin nach Meran, von Meran nach Triest, von Triest nach Trient und von Trient zurück nach Mailand. Gestartet wurde jeweils um 5 Uhr in der Früh, in einem Intervall von 5 Minuten. Spannend sind aus Südtiroler Sicht die Etappen 2 und 3, denn diese führen durch unsere Dörfer und über unsere Pass-Straßen. Nachdem die Fahrer am 2. Renntag den Como-See hinter sich gelassen hatten, begann ab Bormio der Aufstieg zum Stilfserjoch.

„Auf der höchsten Straße der Welt“

Der 1921 teilnehmende Journalist beschreibt in seinem Bericht in einer bildlichen und heroischen Sprache die Fahrt über das Stilfserjoch: „Nun ist es an der Zeit, sich dem ‚Riesen Stelvio’ zu stellen, der uns mit seinen 2.756 m Höhe erwartet. Von Bormio (1.123m) bis aufs Joch muss ein Höhenunterschied von 1.633 Metern innerhalb von zwanzig Kilometern überwunden werden. Der Aufstieg beginnt: die Straße wirkt, wie wenn sie in den Berghang eingemeißelt worden wäre, bis zum Pass ist die Straße ein kolossaler Anstieg von Stufen, die durch enge Kurven verbunden sind, die über einem schwindelerregenden Abgrund am Berg hängen. Auf dieser Straße gleiten die Teilnehmer mit einer unglaublichen Geschwindigkeit dahin. Nur in den Kurven wird die Fahrt reduziert, aber gleich danach beschleunigt man wieder und gewinnt den Schwung zurück. Sorgen macht vor allem die Wassertemperatur unseres Autos, in den letzten Kurven war sie gefährlich auf über 100 Grad angestiegen, aber jetzt können wir aufatmen ... oben angekommen genießen wir flüchtig den majestätischen Blick auf diese einmalige Bergwelt. Hunderte von Schaulustigen und Touristen sind von diesem großartigen Schauspiel zwischen dem ‚gigantischen Stelvio’, den Autos und den Fahrern begeistert, sie jubeln uns zu und rufen unsere Namen. Leider müssen wir weiter, die Uhr tickt. Die Abfahrt nach Trafoi ist gleichermaßen faszinierend wie beängstigend: Selbst dem kältesten und ruhigsten Fahrer kann im Angesicht des Abgrunds, der sich immer wieder auftut, schwindlig werden. Wir fahren mit Geschwindigkeiten zwischen 30 und 50 km/h und Spitzen von 70 km/h. Die Bremsen? Werden sie halten? … besser nicht daran denken!

Durch den Vinschgau nach Meran …

Zum Glück gibt es am Stilfserjoch keine Unfälle … unten im Tale lassen wir die Gletscherwelt mit einem wehmütigen Blick hinter uns, in Spondinig angekommen, versetzt ein warmes Licht die schmucken Dörfer, umgeben von Blumenwiesen und Obstalleen, den Betrachter wie in ein ‚Botticelli-Gemälde’. Jetzt fahren wir durch den Vinschgau zwischen Obstgärten und Marmorblöcken hindurch, unserem nächsten Ziel entgegen. Nach kurvigen 515 Kilometern und zehneinhalb Stunden Bergfahrt, kommen wir endlich in Meran an. Der Halt in Meran ist sehr angenehm. Nach der Kälte, oben auf den Bergen des Stilfserjochs, sind wir hier in der warmen und erholsamen Fröhlichkeit in der ‚Stadt der Gärten’ angekommen. Was für eine Freude jetzt ein gutes Bad zu nehmen, nach so einer strapaziösen Fahrt, nach so viel Staub. Der Ruhetag am 10. August 1921 in Meran ist bei allen Teilnehmern höchst willkommen: ein offizieller Empfang durch die lokalen Behörden, begleitet von orchestraler Musik und vielen Gesprächen über die vergangenen und kommenden Tage. Viele Schaulustige bewundern unsere schönen Autos und die mutigen Fahrer: 7 Piloten sind dieselben Zeiten gefahren, unter ihnen: Sailer, Ascari, Sivocci und auch Minoia – Enzo Ferrari befindet sich in Meran noch auf dem 10. Platz.“

Von Meran durch das Pustertal nach Triest …

Eigentlich hätte die Route von Meran nach Bozen über Klausen und Brixen führen sollen, aber aufgrund der Hochwasserkatastrophe in Klausen (09.08.1921) wurde die Route über den Jaufenpass umgeleitet. Ferrari holte bei dieser Etappe auf und platzierte sich bei den Besten. Auf der Rückfahrt von Triest nach Trient über die Pässe Falzarego und das Pordoi-Joch gab es mehrere Ausfälle, sodass bei der letzten Etappe von Trient nach Mailand nur mehr 10 Autos im Rennen blieben. Auf dieser letzten Etappe hat Antonio Ascari einen schlimmen Unfall, er hatte sich verfahren und wollte den Umweg durch eine riskante Aufholjagt wettmachen. Bei Madonna di Campiglio kreuzte er eine Pferdekutsche, vermied einen direkten Zusammenstoß, aber Ascari und sein Team kamen von der Straße ab. Der Wagen überschlug sich und landete im Wald. Max Sailer, Ugo Sivocci und Enzo Ferrari halfen den Verunglückten und brachten sie nach Madonna di Campiglio. Nun wollten alle nur noch nach Mailand, um das Rennen abzuschließen. 7 Fahrer kamen mit gleicher Zeit an. Gewonnen hat den Alpenpokal Sandonnino. Rebuffo wurde Zweiter, Minoia Dritter. Max Sailer wurde disqualifiziert, sodass Ugo Sivocci und Enzo Ferrari (Alfa Romeo) auf die Plätze 4 und 5 nachrückten. Weitere Auflagen der von Mailand aus organisierten „Coppa delle Alpi“ folgten bis zum Jahr 1925, bis schließlich 1928 wieder die wichtigsten nationalen Automobilclubs zusammenfanden, um gemeinsam die „Internationale Alpenfahrt – Coupe International des Alpes – International Alpine Trail“ auszutragen.

Redaktion

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