Frédéric Todenhöfer filmt in Mossul im Irak (2018)
Jürgen Todenhöfer in Jemen
Jürgen Todenhöfer (links) und sein Freund Paul Hanny auf Madritsch.
„Die große Heuchelei“ rangiert bereits jetzt auf mehreren Bestsellerlisten weit oben.

Die große Heuchelei

Jürgen Todenhöfer zieht in seinem neuen Buch gegen die „kurzsichtige Interessenpolitik“ des Westens zu Felde und nimmt auch die Medien in die Mangel.

Publiziert in 13 / 2019 - Erschienen am 9. April 2019

Sulden - Zwei Jahre lang hat Jürgen Todenhöfer unter der Mitarbeit seines Sohnes Frédéric an seinem neuen Buch „Die große Heuchelei“ gearbeitet. Das kürzlich bei Propyläen, einem Verlag der Ullstein Buchverlage, erschienene, 304 Seiten umfassende Buch, hat es in den Bestsellerlisten bereits weit nach oben geschafft. „Mindestens die Hälfte des Buches habe ich hier in Sulden geschrieben“, verriet der Besteller-Autor am 3. April bei der Vorstellung seines neuesten Werks in der Madritsch-Hütte. Organisiert hatte die Buchvorstellung und das Gespräch mit Medienvertretern Jürgen Todenhöfers Freund Paul Hanny. Worauf sich der Titel des Buches „Die große Heuchelei“ bezieht, bringt bereits der Untertitel auf den Punkt: „Wie Politik und Medien unsere Werte verraten.“

„Der Westen verrät seine Werte“

Die weltweiten Militärinterventionen des Westens dienen laut Todenhöfer bereits seit Jahrhunderten weder den Menschenrechten noch anderen edlen Werten und Zielen, „sondern stets ökonomischen oder geostrategischen Interessen.“ Der Autor belegt diese These in seinem neuen Buch mit Reportagen aus den Krisengebieten der Welt und auch mit historischen Analysen. Die Recherchen zum Buch hat Todenhöfer mit seinem Sohn und Co-Autor Frédéric vor Ort in den gefährlichsten Krisengebieten der Welt recherchiert. In Afghanistan, im Irak, in Syrien, in Gaza, in Libyen, Gaza, im Jemen, bei den Rohingya in Bangladesh und Myanmar, in Saudi-Arabien, im Iran und auch in Nordkorea. Es wurde stets versucht, mit allen Konfliktparteien zu sprechen. „Ich schreibe über das, was ich gesehen habe und was mir die Menschen vor Ort erzählten“, so Todenhöfer. Zusammenfassend sei er zum Schluss gekommen, „dass die Geschichte des Westens eine Geschichte brutaler Gewalt und großer Heuchelei ist.“ Mit „Westen“ meint er weite Teile Europas und die USA. Der Westen sei zwar die erfolgreichste Zivilisation, „aber auch die heuchlerischste.“ Nirgendwo auf der Welt kämpfe der Westen für die großen humanitären Werte wie Freiheit, Gleichheit oder Brüderlichkeit, „sondern ausschließlich für seine kurzsichtigen Interessen.“ Dem Westen gehe es nur um Macht, Märkte, Geld oder geostrategische Interessen. Für die Leiden anderer Völker und Kulturen interessiere sich der Westen nicht.

„Mogelpackung“ Außenpolitik

Eine Mogelpackung sei insbesondere die Außenpolitik des Westens. „Wenn der Westen seine heuchlerische Interessenpolitik weltweit fortsetzt, wird er alle Katastrophen seiner Geschichte erneut erleben“, ist Todenhöfer überzeugt. Außerdem sei die Heuchelei der westlichen Außenpolitik eine Gefahr für die Demokratie, weil die Bevölkerung in der Frage von Krieg und Frieden systematisch belogen und dadurch von jeder echten demokratischen Willensbildung ausgeschlossen werde. Und weil das viele Menschen spüren, „wenden sie sich antidemokratischen, populistischen, rassistischen und nationalistischen Parteien zu.“ Was der Westen brauche, sei eine gewaltfreie humanistische Revolution: „Statt die Werte seiner Zivilisation zur Vergewaltigung anderer Völker und Kulturen zu missbrauchen, sollte er seine jahrhundertealten Versprechen gegenüber der Menschheit einlösen.“ Macheliten und Politiker würden ihre Initiativen und ihr Tun oft nur in „edle Werte“ verpacken, obwohl es in Wirklichkeit um pure Interessen geht.

„Offen sagen, nicht heucheln“

Von der Politik fordert Todenhöfer, „dass sie zumindest offen sagt, dass es um Interessen geht, und dass sie nicht lügt und heuchelt.“ Und sollten bestimmte Interessen berechtigt sein, „gibt es keinen Grund, sie zu verheimlichen.“ Bezüglich der Medien ist Todenhöfer überzeugt, „dass sie sich zu oft als Verbündete der Mächtigen sehen.“ Sie würden deren Heuchelei decken und oft „Fankurven-Journalismus“ betreiben, statt sie zu enttarnen. Sollte sich das nicht ändern, „werden die Menschen ihre Informationen noch häufiger jenseits der klassischen Medien suchen.“ Überzeugt ist der Autor auch davon, dass der Westen untergehen wird, „wenn er seine Werte weiterhin so schamlos verrät.“ Auf die Frage des der Vinschger, wer angesichts dieser Prognose was tun kann, meinte Todenhöfer: „Jeder von uns kann etwas tun.“ Alle haben die Möglichkeit, immer und überall für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, für Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einzustehen und zu kämpfen. Es gehe darum, „die Werte unserer Zivilisation vorzuleben und nicht nur vorzuheucheln.“ Als Beispiel, dass auch Einzelpersonen Großes leisten bzw. anstoßen können, nannte er die junge Schwedin Greta Thunberg, deren Engagement für den Klimaschutz weltweit Wellen geschlagen hat und weiterhin schlägt. Das Buch „Die große Heuchelei“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Humanismus und Wahrheit als Grundlage der westlichen Politik, und für eine humanistische Revolution des Denkens. Der Buch-Reinerlös des Autors geht wiederum an schwerverletzte Kinder in Syrien. 

Zu den Autoren

Jürgen Todenhöfer, geboren 1940 in Offenburg, war von 1972 bis 1990 CDU- Bundestagsabgeordneter. Von 1987 bis 2008 war er Stellvertretender Vorsitzender des Burda-Medienkonzerns, von 2017 bis 2018 Herausgeber der Wochenzeitschrift „Der Freitag“. Seit 2001 ist er als Publizist tätig und zählt zu den schärfsten, konsequentesten aber auch sachkundigsten Kritikern der westlichen Interventionen im Mittleren Osten. Die Zahl seiner Kritiker stieg und stieg, die Zahl seiner Anhänger auch. Seine in zahllose Sprachen übersetzten Bücher sind allesamt Bestseller. 
Frédéric Todenhöfer, geboren 1983 in Tübingen, arbeitete nach dem Abitur ehrenamtlich ein halbes Jahr in Afghanistan, und war gleichzeitig als Kolumnist für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung tätig. Frédéric studierte Wirtschaftswissenschaften in New York, ist Musikproduzent und seit 6 Jahren der engste politische Berater seines Vaters, den er auf Recherche-Reisen in Kriegsgebiete begleitet, wobei er filmt, fotografiert sowie Ereignisse und Gespräche dokumentiert.

Josef Laner
Josef Laner
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