Der Nanga Parbat (im Bildhintergrund) ist der Schlüsselberg von Reinhold Messner.
Um die Covid-19-Sicherheitsvorgaben einhalten zu können, wurden „nur“ rund 320 Personen zur Filmpremiere zugelassen.

„Mein Schlüsselberg“

Kinopremiere mit Reinhold Messner in Sulden. Spielfilm und Dokumentation in einem.  

Publiziert in 28 / 2020 - Erschienen am 25. August 2020

Sulden - Soll ich beim Bergsteigen bleiben oder einen bürgerlichen Beruf erlernen? Diese Frage stellte sich Reinhold Messner, als er nach der Nanga-Parbat-Expedition vor 50 Jahren ohne seinen Bruder Günther aus dem Westhimalaya nach Hause zurückkehrte. Zu seinem 75. Geburtstag kehrte Messner in die Region des neunthöchsten Berges der Erde, den die dortige Bevölkerung Diamir (König der Berge) nennt, mit seinem Sohn Simon und dessen Freundin Anna zurück. „Der Nanga Parbat ist des Schlüsselberg meines Lebens, wo ich die schlimmste Geschichte meines Lebens erlebte“, schickte Reinhold Messner voraus, als am 5. August in der Tennishalle in Sulden sein Film „DIAMIR – König der Berge“ erstmals vorgeführt wurde. In seinem bisher wohl persönlichsten Film erzählt Messner die Nanga-Parbat-Tragödie von 1970 mit originalen Filmaufnahmen aus dem Jahr 1970 und mit neuen Filmszenen nach.

Spielfilm in Dokumentarform

Der 80-minütige Streifen wurde laut Messner als „Spielfilm in Dokumentarform gemacht.“ Die Zuschauer - in Sulden waren es rund 320, die aufgrund der Covid-19-Situation Masken trugen und den vorgegebenen Abstand einhielten - werden einerseits in die menschlichen Schicksale und Tragödien vieler Bergsteiger eingeführt, die am „König der Berge“ ihr Leben verloren, und gewinnen andererseits einen ungeschminkten Einblick in die gewaltige Größe des 8.125 Meter hohen Nanga Parbat sowie auch in das Leben der Bergvölker, die am Fuße des Riesen leben. Bei der älteren Generation der heimischen Bevölkerung ist die Erinnerung an die Expedition von 1970 nicht erloschen. Einige erinnern sich noch an den völlig erschöpften, halluzinierenden und mehr toten als lebendigen jungen Mann, den einige Männer am Fuße der Diamirseite des Berges fanden und ihn eine ganze Nacht lang ins Leben „zurücksangen“.

Ins Leben „zurückgesungen“

Nicht unerwähnt ließ Reinhold Messner, dass seine verstorbenen Eltern und seine Geschwister viele Jahre unter bestimmten Vorwürfen und unwahren Behauptungen im Zusammenhang mit dem Tod von Günther Messner gelitten haben. Reinhold Messner hatte stets gesagt, dass sein Bruder und er zu einem Notbiwak in der Merkl-Scharte unweit des Gipfels gezwungen waren, da ein nächtlicher Abstieg über die Rupalwand aufgrund Günthers Erschöpfung und Höhenkrankheit unmöglich erschien. Es wurde daher ein Abstieg über die etwas leichtere Diamirwand ins Auge gefasst. Der mehrtägige Abstieg, der zur zweiten Überschreitung eines Achttausenders führte, brachte die Brüder Messner an die Grenze ihrer Kräfte. Günther wurde von einer Lawine verschüttet, Reinhold gelang nach weiteren Tagen der Weg von der Welt der Gletscher hinunter ins Grüne. Wie Messner im Film erzählt, wäre es manchmal leichter und weniger schmerzhaft gewesen, sich einfach in den Tod fallen zu lassen, „aber der Selbsterhaltungstrieb war stärker.“

„Sterben wäre leichter gewesen“

Im August 2005 wurden sterbliche Überreste eines Bergsteigers auf der Diamirseite gefunden. Reinhold erkannte Schuhe und Jacke seines Bruders Günther wieder. Am 8. September 2005 wurden die Überreste nach tibetischer Tradition am Fuße des Nanga Parbat auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Im Oktober 2005 bestätigten Wissenschaftler in Innsbruck nach einer DNA-Analyse von Gewebeproben des Toten, dass es sich bei der entdeckten Gletscherleiche wahrscheinlich um die sterblichen Überreste Günther Messners handelt. Demnach starb Günther auf Diamirseite des Berges und nicht auf dem Aufstieg durch die Rupalwand. Auch Filmszenen vom Besuch der Geschwister Messner an der Grabstätte von Günther am Fuße des Nanga Parbat sind zu sehen. Ebenso gezeigt werden punktuelle Hilfsaktionen und Initiativen von Reinhold Messner zugunsten der Bergbevölkerung am Fuße der Achttausender, so etwa die Errichtung bzw. Unterstützung von 4 Schulen. 

„Ich lebe mit den Bildern von damals“

Die Erfahrungen, die er 1970 in sein zweites Leben mitgenommen habe, hätten dazu geführt, „dass ich alle romantischen Vorstellungen im Zusammenhang mit dem Bergsteigen verloren habe“, so Messner. Er lebe heute mit den Bildern von damals. Der Film trägt stark die ganz persönliche Handschrift von Reinhold Messner: „Es ist mein Film und ich werde nichts ändern, obwohl das einige möchten.“ Es sei seit jeher seine Art gewesen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen: „Ich bin ein normaler Mensch wie alle anderen, hatte aber das Glück, schon früh das machen zu können, was ich gerne getan habe.“ 

Josef Laner
Josef Laner

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