Spurensuche am Töniegg
Archäologische Untersuchungen in Goldrain. Viele Erkenntnisse, aber auch offene Fragen.
Goldrain - „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, aber es wird immer klarer“, erklärte Christian Terzer, der Direktor des Landesamtes für Archäologie, unlängst bei einer Begehung am Töniegg in Goldrain. Experten aus den verschiedensten Sparten hatten sich an der Ausgrabungsstätte oberhalb von Schloss Goldrain zusammengefunden, um Ergebnisse der Nachforschungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu besprechen und zu versuchen, weitere Fragen zu klären. Im vergangenen Jahr und in den letzten Wochen wurden nämlich seitens des zuständigen Landesamtes unter Projektleiter Hubert Steiner archäologische Untersuchungen der Kirchenruine durchgeführt. Bei der jüngsten Begehung mit dabei waren neben Terzer und Steiner u.a. Archäologe Gino Bonbonato, der für die Ausgrabungen am Töniegg zuständig war, der Kunsthistoriker und Direktor des Südtiroler Landesmuseums für Kultur- und Landesgeschichte Leo Andergassen, Historikerin Elfriede Zöggeler, der Latscher Historiker Hermann Theiner sowie weitere lokale Expertinnen und Experten vom Heimatpflegeverein Latsch. Weiters konnten der Schweizer Archäologe Jürg Goll und der Prader Bauforscher Erich Tscholl, die beide jahrzehntelang im Kloster St. Johann in Müstair gemeinsam tätig waren, für die Mitarbeit am Projekt gewonnen werden. Einen ganzen Nachmittag lang wurde eifrig diskutiert. Auch Ergebnisse wurden ausgewertet. Dabei kam einiges zum Vorschein – vieles steht fest, hinter manchem stehen noch Fragezeichen.
Grundmauern und Fresken
Der Reihe nach: Funde aus der späteren Bronzezeit belegen eine urgeschichtliche Besiedelung des Hügels oberhalb von Schloss Goldrain. In der k. u. k.-Zeit war dort außerdem ein Schießstand. Der historisch bedeutendste Punkt ist die Antoniuskirche, die einst hier stand. Vom Kirchenpatron, dem hl. Antonius Abt, kommt der Name Töniegg. Antonius wurde nämlich auch „Fockn Töni“ genannt, da er mit Glöckchen und Schwein dargestellt wird. Die Kirche trug historischen Überlieferungen zufolge den Namen St. Anton im Weinberg und wurde unter Kaiser Joseph II. in den 1780er Jahren aufgelassen und dem Zerfall preisgegeben. Der Antoniusaltar gelangte in die Goldrainer Kapelle St. Anna in Schanzen. In den 1970er Jahren wurden bei der Antoniuskirche teilweise Grundmauern des eckigen Anbaus an der Nordseite ausgegraben. Im Herbst des vergangenen Jahres begann das Landesamt für Archäologie schließlich mit Grabungen und intensiven Nachforschungen. Unter anderem kamen weitere Grundmauern und Fresken zum Vorschein.
Drei verschiedene Phasen
Bei der Antoniuskirche könne man von drei verschiedenen Bauphasen sprechen, fasst Terzer die bisherigen Ergebnisse zusammen. Die erste, romanische Phase reiche bis ins 12. Jahrhundert zurück; damals wurde ein Kirchenschiff mit einer Flachdecke errichtet. Im 16. Jahrhundert dürften dann Stützpfeiler in die Südwand eingebaut worden sein, um das Gewölbe zu tragen. Noch zu diskutieren sei, ob die dritte Phase – die Errichtung einer Seitenkapelle – zeitgleich mit dem Gewölbebau stattfand oder eigenständig zu betrachten ist. Jedenfalls handle es sich auch hier um ein Bauwerk aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Zudem zeugen Reste von Wandmalereien davon, dass die Kirche in jeder dieser Bauphasen mit Fresken geschmückt war. Diese kommen ins Funddepot des Landes und sollen weiter untersucht werden. Auch an der Grabungsstätte selbst sollen noch weitere Malereien freigelegt werden.
„Es ist spannend“
Viele Rätsel gibt nach wie vor ein Fund auf, der bei Grabungen einige Meter unterhalb der Antoniuskirche gemacht worden war: Apsis und Grundrisse eines bislang unbekannten Gebäudes. Zunächst war vermutet worden, dass es sich um einen älteren Bau als die Antoniuskirche handle und es sogar die älteste Kirche der Gemeinde Latsch sein könnte. Dies konnte mittlerweile widerlegt werden. „Die Diskussion ist noch offen, aber älter ist sie sicher nicht“, unterstrichen Terzer und Steiner. Das Naheliegendste sei, dass es sich um eine Wegkapelle handle, erklärte Terzer. Es sei aber noch nicht einmal ganz klar, ob es sich überhaupt um eine Kapelle handle. Es gelte, noch Mörteldatierungen auszuwerten und Nachforschungen anzustellen. „Es ist spannend“, so Steiner. Für Aufsehen sorgten auch Skelette, die vor Ort gefunden wurden. Mittlerweile konnten die Skelette analysiert und grob datiert werden: Sie stammen demnach aus dem späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert und es handelt sich um die Überreste von zwei Babys. Es könnte sich um eine Bestattung von Babys handeln, die vor der Taufe starben und somit nicht auf einem geweihten Friedhof begraben werden durften.
Buch soll entstehen
In den nächsten zwei bis drei Jahren soll eine Publikation zu den Ausgrabungen am Töniegg erscheinen, mit dem Land als Herausgeber. Auch dabei sollen verschiedene Expertinnen und Experten zu Wort kommen und die Ergebnisse interdisziplinär besprochen werden. Sobald die weiteren offenen Fragen geklärt sind, sollen auch Tafeln auf die Geschichte am Töniegg hinweisen. Ob die Ausgrabungen zugeschüttet werden oder offen bzw. teilweise offen bleiben, muss ebenfalls noch entschieden werden.