Ernte gut, alles gut?
Die Herausforderungen für die Zukunft des Apfelbaus
VIP-Obmann Thomas Oberhofer (links) und VIP-Direktor Martin Pinzger
Cosmic, eine vielversprechende Sorte der Zukunft.
Im Bild (von links): Trude Venset Sleire (Executive vice President Commercial), Anne Leonie Dehli Person (Director of sustainability & quality), Martin Pinzger (Direktor VIP), Torbjorn Billing (Sustainability advisor), Viktoria Alber (Nachhaltigkeitsverantwortliche VIP), Hilde Ohnstad (Product manager apples), Rudi Gluderer (Verkauf VIP) und Bent Andersen (CEO BAMA)

Die Zukunft liegt in den hohen Lagen

VIP-Direktor und VIP-Obmann im Interview.

Publiziert in 19 / 2026 - Erschienen am 20. Oktober 2026

Vinschgau - Viele europäische Obstbaugebiete leiden seit mehreren Jahren unter den Folgen des Klimawandels. Aufgrund mäßiger Erlöse und gestiegener Kosten ist in diesen Gebieten der Grundtenor sehr schlecht und die Produktion wird auch in den nächsten Jahren rückläufig sein. Im Vinschgau zeichnet sich dieses Bild derzeit nicht ab, im Gegenteil, VIP-Direktor Martin Pinzger und VIP-Obmann Thomas Oberhofer zeigen sich optimistisch, auch wenn die Vinschger Obstwirtschaft großen wirtschaftlichen und klimatischen Herausforderungen gegenübersteht. Die Bezirkszeitung der Vinschger hat mit Martin Pinzger und Thomas Oberhofer ein Gespräch geführt.

der Vinschger: Wie war die Ernte 2026 aus Ihrer Sicht?

Martin Pinzger: Wir haben nun das vierte Jahr in Folge eine extrem stabile Ernte auf einem guten Niveau. Diese Stabilität ist in der Vermarktung sehr wichtig. Auf europäischer Ebene erwartet die Prognosfruit für diese Ernte einen Rückgang von 16 Prozent. Wir im Vinschgau dürften bis zum Ende der Erntesaison knapp 15.150 Waggon Golden Delicious einfahren; geschätzt haben wir 16.000 Waggon, d.h. es fehlen ca. 5,3 Prozent auf unsere Schätzung.

Der Apfel hat in den vergangenen Jahren deutlich an Sorten- und Geschmacksvielfalt gewonnen und damit sein Profil als Produkt verändert. Wie ist die Nachfrageentwicklung für die Vertragssorten auf dem Markt? Kann diese Sorteninnovation zur Folge haben, dass der Anbau des Vinschger Golden zu sehr zurückgeht?

Martin Pinzger: Seit es die VIP gibt, haben die Vinschger Obstbaubetriebe erstmals unter 50 Prozent Golden, genauer 48 Prozent produziert. Im vergangenen Jahr waren es noch 51 Prozent. Und das ist gut so, da sich die Rahmenbedingungen für die Sorte Golden verändern: Zum einen reduziert sich der Konsum der Sorte Golden kontinuierlich, und zum anderen reduziert sich auch der Anbau des Golden auf europäischer Ebene. Der Anbau dieser Sorte hat im Vinschgau eine lange Tradition und ist deshalb erlernt und perfektioniert. Wir haben das Glück, dass wir das richtige Mikroklima für den Golden-Anbau haben, das gibt es nur mehr vereinzelt. Wir sind imstande, mit der über Generationen gewachsenen Erfahrung im Golden-Anbau einen Qualitätsgolden das ganze Jahr hindurch anzubieten. Die Nachfrageentwicklung für die neuen Vertragssorten ist mit Geduld zu verfolgen bzw. voranzutreiben. Sie ist kein Selbstläufer. Die Einführung einer neuen Sorte auf dem Markt ist ein jahrelanger Prozess. Nehmen wir das Beispiel der neuen Clubsorte Cosmic: Es ist ein langer Weg, bis diese Sorte in den Köpfen der Konsumenten verankert ist. Wir müssen den Markt stimulieren, aber wir müssen den Konsumenten die Zeit geben, die Geschmacksrichtung, das Geschmackserlebnis und die verschiedenen Momente für den Apfelverzehr kennenzulernen. 

Thomas Oberhofer: Gerade bei den Clubsorten ist es wichtig, dass die Qualität der Ware hervorragend ist, denn die zweite Qualität ist deutlich weniger wert auf dem Markt. 

Gibt es Visionen für weitere neue Sorten?

Martin Pinzger: Wir haben in den vergangenen zehn Jahren eine proaktive Sorteninnovation mit der Einführung der Premiumsorten Cosmic, Envy, Kanzi und Ambrosia vorangetrieben. Nun heißt es Geduld haben. Wir verfolgen aufmerksam die Sortentestung, aber die Sorten, die heute getestet werden, können vielleicht in zehn Jahren auf den Markt kommen. Derzeit fassen wir keine weitere Sorte konkret ins Auge.

Thomas Oberhofer: Wir können uns das auch leisten, denn in der Vergangenheit haben wir einige Alternativen zum Golden angeboten. Unseren größten Erfolg können wir mit Cosmic verzeichnen. Da haben Karl Dietl, Sepp Wielander und unsere Projektpartner von VOG den richtigen Riecher gehabt, denn um diese Sorte haben sich viele europäische Mitbewerber gerissen. 

Die Sorte Gala hat heuer unter den Bedingungen des Sommers gelitten. Wie sehen Sie die Zukunft dieser Sorte?

Martin Pinzger: Der Klimawandel war bei der Sorte Gala am deutlichsten zu spüren. In den wärmeren Anbaugebieten hat es sehr große Ausfälle gegeben. Auch im Vinschgau hat die Sorte Gala unter der Hitze gelitten. Eine höhere Erntemenge bei Gala, als geschätzt, zeigt, dass wir jedoch mit einem blauen Auge voraussichtlich davonkommen.

Der Apfelkonsum in Deutschland schwächelt; wie ist die Lage auf den Kernmärkten im IP-Bereich?

Martin Pinzger: In den vergangenen 12 Monaten hat es einen starken Einbruch beim Apfelkonsum in Deutschland gegeben. Dabei muss man zur Kenntnis nehmen, dass auch Deutschland eine starke Produktion hatte, und sehr viel schlechte Ware im Obstregal landete.

Eine große Herausforderung für die Zukunft des Obstbaus sind der Klimawandel und damit verbunden die häufigeren Wetterextreme, die frühere Blüte, die Schädlinge und die zunehmende Wasserknappheit? 

Thomas Oberhofer: Trotz all dieser Herausforderungen bin ich zuversichtlich. Wenn die nächste Generation motiviert ist, kann sie getrost den Hof übernehmen. Die Zukunft im Obstbau liegt in den hohen Lagen. Ein großes Thema europaweit ist das Wasser, denn in vielen Anbaugebieten gibt es keine Bewässerung bzw. gibt es Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung. Unsere Väter haben Gott sei Dank die Bewässerung gebaut, und wir haben in den letzten Jahren mit Investitionen in die Tropfberegnung unsere Hausaufgaben auch erledigt. Wo wir reagieren müssen, ist die Erweiterung des Frostberegnungsnetzes, natürlich wo umsetzbar, und die Errichtung von Hagelnetzen, denn mittelfristig brauchen wir einen aktiven Schutz unserer Anlagen gegen die Wetterextreme. Wir haben bisher 80 Prozent Tropfberegnung und 40 Prozent Frostberegnung installiert und 35 Prozent Fläche mit Hagelnetzen geschützt. Ein großer Risikofaktor ist die klimabedingte Zunahme von Krankheiten und Schädlingen. In den letzten 10 Jahren sind in Europa im Gegenzug viele Pflanzenschutzmittel weggefallen. Die Prüfung von neuen Wirkstoffen ist in Europa aufwändig und sehr teuer, entsprechend sind kaum neue nachgekommen. Und das, obwohl ein Umdenken auf EU-Ebene stattgefunden hat, dass ein Mittel erst dann wegfallen darf, wenn eine brauchbare Alternative da ist. Darum müssen wir alle gemeinsam kämpfen. Wir stehen zu Nachhaltigkeit, aber die bedeutet für mich wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit.

Martin Pinzger: Der Klimawandel bringt uns riesige Herausforderungen in dieser Hinsicht. Da geht es um Existenzen. Wir brauchen Produktionssicherheit und die Möglichkeit eines adäquaten Pflanzenschutzes. Um heute einen effizienten Obstbau zu betreiben, benötigt es alle Rahmenbedingungen: ein ideales Klima, gut ausgebildete Landwirtinnen und Landwirte sowie die Strukturen für Lagerung, Verpackung und Vertrieb, sprich die Genossenschaften. Wir sind sehr gut aufgestellt, denn die Expertise unserer landwirtschaftlichen Betriebe ist über Generationen gewachsen. Das Jobangebot für junge Menschen außerhalb der Landwirtschaft ist enorm und geht in alle Richtungen, die vorherige Generation hatte bedeutend weniger Optionen. Gepaart mit der demografischen Entwicklung gibt es bedauerlicherweise auf vielen Höfen keine Nachfolge. Dennoch sind wir zuversichtlich, denn die nächste Generation hat einen enormen Wettbewerbsvorteil. Wir werden derzeit von allen beneidet: um unsere Produktion, unsere Genossenschaftsstrukturen und unsere Organisation. Die eigene Stärke müssen wir und unsere Produzentinnen und Produzenten wahrnehmen.

Thomas Oberhofer: Um den Obstbau auch in Zukunft erfolgreich zu gestalten, müssen wir junge Menschen dafür gewinnen, sich zu engagieren – auch wenn der Apfelanbau trotz aller Innovationen, technischen Hilfsmittel und künstlicher Intelligenz eine anspruchsvolle, zeitaufwändige und herausfordernde Aufgabe bleibt. Uns ist auch bewusst, dass von den 1.400 Obstbaubetrieben jedes Jahr einige weniger werden. Wichtig ist, dass die gesamten Flächen weiterhin bewirtschaftet werden.

Wie ist die Situation im Bio-Anbau?

Martin Pinzger: Der Bio-Anbau ist europaweit am meisten betroffen von der Reduktion an Flächen und Produktionsmengen. Bei uns ist die Anbaufläche erfreulicherweise stabil. Die heurige Ernte wird wiederum positiv ausfallen nach einer Rekordernte im vergangenen Jahr. Wir glauben fest an die Zukunft des biologischen Apfelanbaus im Vinschgau, und VIP ist in Europa der Marktführer in Bezug auf Menge, Qualität und Service. Trotz einer herausfordernden Produktionsphase setzen wir weiterhin auf den Bio-Anbau und wir vertrauen in dessen Erfolg. Der Bio-Anbau, aber auch der IP-Anbau müssen ausreichend entschädigt werden, damit die Risiken und Kosten ausreichend gedeckt werden können.

Thomas Oberhofer: Was der Direktor gesagt hat, teile ich zu 100 Prozent. In der Obstwirtschaft darf man nicht nur ein einzelnes Erntejahr bewerten, sondern eine Periode. Wenn ich einen Schnitt von fünf Jahren betrachte, schaut die Sache ganz anders aus.

Von den Landwirtinnen und Landwirten wird ein flexibles Erntemanagement gefordert. Die Ernte kann überraschend drei oder vier Tage früher losgehen als gewohnt, und durch den schnelleren Reifungsprozess verkürzt sich zudem das Erntefenster. 

Thomas Oberhofer: Ja, hier muss der Obstbaubetrieb sehr schlagkräftig und flexibel sein. Aber das ist auch die Stärke unserer kleinstrukturierten Landwirtschaft im Vinschgau.

Martin Pinzger: Im T-Stadium können wir bereits berechnen, wann der Erntebeginn ungefähr sein wird. In Ermangelung an Alternativen müssen wir derzeit leider mit Abzügen für eine verspätete Anlieferung gegenüber unseren Produzenten arbeiten. Vielleicht bringen uns die technischen Fortschritte auf den Sortieranlagen langfristig treffsichere Bewertungen für schwächelnde Haltbarkeit, um hier vor dem Produzenten gerechter und somit mit weniger Diskussionen unterwegs zu sein. 

Anderes Thema: Wie stark sind die Genossenschaften bzw. die VIP als Arbeitgeber?

Thomas Oberhofer: VIP und die Genossenschaften bieten den jungen Menschen ein spezialisiertes und strukturiertes Umfeld mit zukunftssicheren Arbeitsplätzen. Natürlich stehen andere Branchen im Wettbewerb zu uns, aber wir versuchen, zeitgerechte Arbeitsplätze auf allen Ebenen anzubieten. Wir sind stets bestrebt, das Arbeitsklima und den Arbeitsplatz kontinuierlich zu verbessern.

VIP erhält BAMA Sustainability Award

Der Verband der Vinschgauer Produzenten (VIP) ist kürzlich im Rahmen der Branchenmesse „Fruit Attraction“ in Madrid mit dem BAMA Sustainability Award ausgezeichnet worden. Der Preis würdigt den ganzheitlichen Ansatz der Genossenschaft: Nachhaltigkeit umfasst bei VIP alle Bereiche der Lieferkette und ist in konkreten Maßnahmen sichtbar. „Es ist wirklich bemerkenswert, wie VIP Nachhaltigkeit zu einem integralen Bestandteil der Arbeit in der gesamten Genossenschaft macht“, sagt Anne Person, Leiterin für Nachhaltigkeit und Qualität bei BAMA. Besonders hebt sie hervor, dass VIP seine langfristigen Ziele in nachvollziehbare Maßnahmen für das Netzwerk mit rund 1.500 Erzeugerinnen und Erzeugern übersetze. Dazu zählen die Förderung des ökologischen Landbaus, ein verantwortungsvoller Umgang mit Wasser und die Optimierung von Verpackungen. „Diese Auszeichnung würdigt unseren ganzheitlichen Ansatz“, sagt Viktoria Alber, Nachhaltigkeitsbeauftragte bei VIP. Der Award rückt damit auch die Arbeit an messbaren und überprüfbaren Ergebnissen in den Mittelpunkt. Für VIP ist die Auszeichnung eine Bestätigung des eingeschlagenen Weges und des Anspruchs, ein transparenter und werteorientierter Partner zu sein.

Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Vinschger Sonderausgabe

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