Tatort-Ermittlerinnen Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher (v.l.) und die Drehbuchautoren Stefan Brunner und Lorenz Langenegger (v.l.)

Tumler-Preisträger als Drehbuchautor

Nachgehakt bei Lorenz Langenegger, der für den Schweizer Tatort schreibt.

Publiziert in 38 / 2020 - Erschienen am 5. November 2020

Laas/Zürich - Lorenz Langenegger gewann 2009 den Franz-Tumler-Literaturpreis. Gemeinsam mit Stefan Brunner schrieb er bereits drei Drehbücher für den Schweizer Tatort. Am 18. Oktober wurde mit „Züri brännt“ der erste Tatort aus Zürich ausgestrahlt, Konzept und Drehbuch stammen von Brunner und Langenegger.

der Vinschger: Herr Langenegger, nach „Hier im Regen“, wofür Sie den Tumler-Preis erhielten, folgten drei weitere Romane. Kürzlich wurde der Auftakt der neuen Zürcher Tatort-Reihe, wofür Sie und Ihr Freund und Kollege Stefan Brunner das Drehbuch verfassten, ausgestrahlt. Für die beiden Schauspielerinnen – es gab erstmalig in einem Schweizer Tatort zwei Kommissarinnen – hatten Sie sich eingesetzt. Warum?

Lorenz Langenegger: Weil sie großartige Schauspielerinnen sind. Die Bindung des Publikums an den Tatort passiert immer über die Ermittler. Sie sind die Konstanten, wegen ihnen schalten wir ein. Wir haben sehr intensiv an der Figurenentwicklung gearbeitet. Wir wollten vielschichtige, emotionale Charaktere. Und genau das setzen die beiden perfekt um.

Eine der Kommissarinnen stammt aus der Westschweiz und spricht mit französischem Akzent, die andere stammt aus Zürich. Was in Bundesratsdebatten und Interviews mit Schweizer Politiker*innen gang und gäbe ist, war im Tatort bislang wenig zu beobachten: Der hörbare Akzent, weil man oder frau nicht in der Muttersprache spricht. War es Ihr Anliegen, die Vielsprachigkeit der Schweiz zu thematisieren?

Wir wollten eine Figur, die fremd ist in Zürich. Die Sprache ist ein gutes Mittel, das spür- und hörbar zu machen. Dazu kommt, dass die Mehrsprachigkeit der Schweiz in der Tatort-Welt ein Alleinstellungsmerkmal ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass eine der Hauptfiguren nicht aus dem Schweizerdeutschen synchronisiert werden muss. Die Synchronisation war in der Vergangenheit immer ein Problem. Sie schafft Distanz zwischen dem Publikum und den Figuren.

Es soll keine Vorgaben gegeben haben für das Drehbuch. Aber eine rudimentäre Vorstellung, wohin die Reise inhaltlich gehen soll, schon?

Wir waren tatsächlich komplett frei. Unsere Idee war, dass wir in der ersten Geschichte nicht nur den zwei Ermittlerinnen, sondern auch Zürich als neuer Tatort-Stadt eine Hauptrolle geben.

Thema in „Züri brännt“ sind die Jugendunruhen der 1980er Jahre in Zürich, der Titel selbst stammt von einem 1981 veröffentlichten Dokumentarfilm über diese Vorkommnisse. Warum war diese Thematik für Sie von Interesse? Was beinhaltet diese Zeit, dass sie für Sie heute noch relevant ist?

Das gegenwärtige Zürich ist wesentlich geprägt von 1980. Was die Bewegten damals erkämpft haben, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Es wird nicht nur das Opernhaus großzügig gefördert, sondern die Kultur in ihrer ganzen Breite. Zürich ist die reichste aller Tatort-Städte. Da der Kapitalismus die unschlagbare Eigenschaft hat, sich alles einzuverleiben, ist die Kommerzialisierung ebenfalls ein Thema.

Gehen die zwei Protagonistinnen, also zwei Frauen als Ermittlerinnen, auf Ihr Drehbuch zurück?

Wir haben zuerst ein Konzept für den neuen Tatort Zürich entwickelt, in dem wir die Hauptfiguren mit ihrer Herkunft, ihren Fähigkeiten und ihren Konflikten genau beschreiben. In einem zweiten Schritt haben wir uns für diese Figuren die ersten zwei Fälle ausgedacht.

Sie sollen im Vorfeld bereits gesagt haben, dass Sie mit Kritik am Drehbuch rechnen. Warum?

Das Schöne und das Schreckliche am Tatort ist, dass jede und jeder eine Meinung dazu hat. Der Sonntagabendkrimi ist das einzige Format im deutschsprachigen Fernsehen, das in jeder Zeitung besprochen und am Montag im Büro diskutiert wird. Natürlich gibt es da auch Kritik.

Sie schreiben die Drehbücher zu zweit – und arbeiten schon seit langem per Skype; Brunner wohnt in Bern, Sie in Wien und Zürich. Wie schnell kommt man da voran? Wie lange dauert ein gemeinsames Schreiben für ein Drehbuch? Welche Konflikte birgt die Teamarbeit?

Bei der Entwicklung eines Drehbuchs gibt es zwei Phasen. Zuerst denken wir uns die Geschichte aus. Das passiert gemeinsam, entweder am Kaffeehaustisch in Wien, in der Schweiz oder, wenn die Situation das Reisen erschwert, auch am Computer. Steht die Geschichte, geht es an die Umsetzung in Szenen und Dialoge. Da wechseln wir uns ab. Der eine überarbeitet, was der andere geschrieben hat. Dabei fliegen natürlich Späne. Und es kommt nicht selten vor, dass so ein Span dem anderen besonders am Herzen liegt. Entweder gibt es dann ein Missverständnis, das geklärt werden muss, oder es gilt die alte Regel: Kill your darlings.

Ihr letzter Roman „Jahr ohne Winter“ ist 2019 erschienen. Welche Thematik spielt dort die Hauptrolle?

Der Protagonist wird von seiner schwerkranken Ex-Schwiegermutter nach Australien geschickt, um ihre Tochter, also seine Ex-Frau, zurückzubringen, die dort an einem Schweigeseminar teilnimmt. Das Buch ist ein Trost für alle, die dieses Jahr nicht in die Ferne reisen konnten. So toll ist es dort auch nicht. Schon auf den ersten Seiten denkt der Protagonist darüber nach, dass er, wenn es eine Hölle gibt, die ewige Verdammnis in einem Strandhotel absitzen wird. Die Sommerhits der letzten Jahre in Endlosschleife …

Haben Sie sich den Tatort angesehen? Wie fanden Sie die Umsetzung? Und wovon handelt der nächste Zürich-Tatort?

Mir gefällt der Film sehr. Ich schaue den zwei Ermittlerinnen gerne zu. Die Themen spiegeln sich in den Figuren. Die Geschichte wirft Fragen auf, über die es sich lohnt, nachzudenken. Die Bildsprache, der Schnitt, die Musik, alles spielt ineinander und macht den Film zu einem gelungenen Ganzen. Der zweite Tatort aus Zürich heißt „Schoggiläbe“. Der Titel verrät, worum es geht, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein

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