Beim gut besuchten Eröffnungsabend im Kulturhaus in Schluderns; ganz rechts Armin Bernhard
Bei diesem Treffen im Rahmen einer Kulturwanderung ging es um das Thema „Tourismus danach“
Georg Kaser
Kris Krois
Petra Wähning
Die Musiker Marc Perin, David Frank und Stefan Pfattner (v.l.)

Welche Zukunft wollen wir?

„hier und danach 2020“ im Zeichen von Corona und größerer Krisen

Publiziert in 35 / 2020 - Erschienen am 13. Oktober 2020

Schauderns - Seit über einem halben Jahr hält die Covid-19-Pandemie fast die ganz Welt in Atem. Wie lange die Krise noch dauern wird, weiß derzeit niemand. Etwas in den Schatten gestellt hat das Coronavirus eine weitaus größere Krise, die auf die Menschheit und die Erde unaufhaltsam zurollt. Es ist dies der Klimawandel mit allen seinen Folgen. Die Covid-19-Situation war auch der Grund, warum das Projekt „hier und da“, zu dem die Bürgergenossenschaft Obervinschgau (BGO) in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen normalerweise immer im April einlädt, ausfallen musste. Aus diesem Grund entschloss man sich, die Krise zum Thema zu machen und vom 2. zum 4. Oktober das „hier und danach“-Festival zu organisieren. Wie Armin Bernhard im Namen der BGO beim gut besuchten Eröffnungsabend am 2. Oktober im Kulturhaus in Schluderns vorausschickte, „geht es heuer vor allem um die Frage, in welcher Zukunft wir leben wollen.“ Gerade die Covid-19-Situation habe gezeigt, welche Bedeutung der Krisenfestigkeit zukomme. Die Erfahrungen des vergangenen halben Jahres hätten gezeigt, „dass unser gesellschaftliches Zusammenleben verletzlich ist und dass unsere aktuell vorherrschende Art des Wirtschaftens vielfältige Krisen provoziert.“ Eine Alternative für den ländlichen Raum sieht Bernhard in einer nachhaltigen Regionalentwicklung, wie sie bei allen bisherigen Auflagen von „hier und da“ thematisiert worden ist.

Es geht auch anders

Dass es im Gegensatz zu herkömmlichen Wirtschaftsweisen, bei denen vielfach nur die Gewinnmaximierung der oberste Grundsatz ist, auch anderes gehen kann, zeigte der Dokumentarfilm „Zeit für Utopien - Wir machen es anders“ von Kurt Langbein auf. Der Film aus dem Jahr 2018 beschreibt lebensbejahende, positive Beispiele aus mehreren Ländern der Welt, wie man mit Ideen und Gemeinschaftssinn viel erreichen kann. „Zeit für Utopien“ wurde als „inspirierende filmische Entdeckungsreise zu den Einsteigern in eine neue Gesellschaft“ beschrieben. Eine Einsteigerin in eine neue Gesellschaft ist die in München lebende Petra Wähning. „Ich wollte nicht mehr Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung werden“, sagte Wähning im Anschluss an die Filmvorführung in Schluderns. Wähning hat Projekte der „Solidarischen Landwirtschaft“ auf den Weg gebracht: statt ihr Geld im Supermarkt zu lassen, investieren rund 300 Konsument/innen direkt in einen landwirtschaftlichen Betrieb und werden dafür von diesem mit Lebensmitteln versorgt. In Südkorea entdeckte Wähning die Genossenschaft „Hansalim“, deren Bauern und Bäuerinnen 1,5 Millionen Menschen mit regionaler Frischkost in Bio-Qualität versorgen. Der Film schildert außerdem, wie es der Organisation „Fairphone“ gelingt, in den Kobalt-Minen im Kongo faire Produktionsbedingungen für die Metalle zu etablieren, mit denen Smartphones funktionieren. Im Züricher Wohnprojekt „Kalkbreite“ wird vorgelebt, wie man energiesparend und umweltfreundlich leben kann. Auch in die Entstehung und das Wirken der Genossenschaft „Scop-Ti“ (Teeherstellung) in Frankreich führt der Film ein. Musikalisch umrahmt haben den Abend David Frank, Stefan Pfattner und Marc Perin. 

Kulturwanderungen und Werkstätten

Gut besucht waren am Samstag, 3. Oktober, auch verschiedene Treffen und Kulturwanderungen zu den Themen „Regionales Wirtschaften mit Grenzen“, „Tourismus danach“, „Regionales Handwerken“ sowie „Zukünfte: Utopie Südtirol, Utopie Obervinschgau“. Eröffnet wurde der Tag mit Impulsreferaten zur gesellschaftlichen Lage von Petra Wähning und Alexander Agethle. Im Sockerhof in Mals wurden an diesem Tag nicht nur Bienenwachstücher hergestellt, sondern es konnte auch den ganzen Tag geschneidert werden. Im Bistro Vinterra wurde ein Repair Cafè eingerichtet. Viel Zuspruch fanden am Abend die Auftritte von David Frank und Marc Perin sowie der Gruppe „Specktrettl und Schofkas“ im Kulturhaus in Schluderns. Am letzten Projekttag wurden im Schludernser Kulturhaus die Ergebnisse der Konferenz „By Design or by Disaster“ des Masterstudiengangs für Eco-Social Design der Freien Universität Bozen vorgestellt. Es ging um Visionen, Strategien und Praktiken in Anbetracht der vielfachen sozial-ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Krisen. „Diese Krisen sind bedrohlicher und besser erforscht als Covid-19, werden jedoch nicht ebenso entschlossen angegangen, weil dafür unsere gesamten Lebens- und Produktionsweisen in Frage gestellt werden müssen”, gab sich Kris Krois überzeugt, der Leiter des Masterstudiengangs in Eco-Social Design.

Zukunftspakt für Südtirol

Kris Krois stellte in Schluderns auch den „Zukunftspakt für Südtirol“ vor. Während des Lockdowns hatten sich Menschen in Südtirol gefragt, „was wir in dieser Zeit tun können, um den dringend notwendigen Wandel hin zu einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft effektiv zu schaffen.“ Im Laufe der Gespräche hat sich eine Personengruppe mit unterschiedlichen Hintergründen formiert. Eines ist allen klar: für einen tiefgreifenden Wandel braucht es eine breite gesellschaftliche Allianz. Die Eckpunkte der Vision wurden in einem Manifest formuliert. Erstmals öffentlich vorgestellt hat Krois in Schluderns die ins Auge gefasste, weitere Vorgangsweise. Demnach ist geplant, Zukunftskreise zu verschiedenen Themen einzurichten, die sich aus einem Bürgerrat und damit verzahnten Fachräten zusammensetzen. Der auf 15 Jahre ausgelegte Prozess sollte laut Krois gesetzlich verankert werden.

„Bevor alles kollabiert“

Wie ernst und wichtig die Lage in Bezug auf die Folgen des Klimawandels ist, unterstrich der Gletscherforscher Georg Kaser. Wenn es nicht gelingt, die Schadstoffemissionen in relativ kurzer Zeit steil nach unten zu fahren, „sind die Folgen des Klimawandels, die zum Teil schon da sind, nicht mehr aufzuhalten.“ Vor allem sogenannte reiche Länder, zu denen auch Südtirol gehöre, seien gefordert, dringend Maßnahmen zu setzen, „bevor es zu spät ist und alles kollabiert.“ Laut Kaser, der zum Unterstützerteam des „Zukunftspakt für Südtirol“ gehört, „ist es mit einer Zahnhygiene nicht mehr getan. Was es braucht, ist eine radikale Wurzelbehandlung und zwar so schnell wie möglich. Wir müssen alle etwas tun, die Zeit für Spiele und lange Debatten ist nicht mehr gegeben.“ Es müssten jetzt möglichst viele Kräfte in die gleiche Richtung ziehen.

Wie lässt sich die Politik verpflichten?

Bei der Diskussion wurde u.a. geäußert, dass der Zukunftspakt zwar eine sehr begrüßenswerte Initiative sei, dass es aber schwierig werden dürfte, auch die Politik bzw. die starken Verbände für eine „Wurzelbehandlung“ in die Pflicht zu nehmen, denn dass derart einschneidende Veränderungen manchen wehtun werden, sei unvermeidlich und liege auf der Hand. Peter Gasser aus Mals z.B. sieht das große Problem darin, „mit den Füßen auf den Boden zu kommen“, sprich die Visionen und Ziele tatsächlich zur Umsetzung zu bringen. Auch mit mehreren Beispielen dafür, dass es bei vergangenen, an und für sich lobenswerten partizipativen Prozessen nicht gelungen sei, „mit den Fußen auf den Boden zu kommen“, wartete Gasser auf. Er nannte das neue Gesetz für Raum und Landschaft und das Projekt Etschdialog, „das am Ende von einem einzigen Verband, dem Bauernbund, über den Haufen geworfen wurde.“ Die Bürgergenossenschaft Obervinschgau hat mit diesem Festival eine Diskussion über ein zukunftstaugliches Wirtschaften im oberen Vinschgau angestoßen. Diesen wichtigen Prozess will die BGO in der nächsten Zeit weiterführen.

Josef Laner
Josef Laner

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