Der Teufel im Video von Corinne Rose: Martin Tappeiner und Anna Hauser als Kaufmann; Fotos: Franz Grassl

Wo Gott auf der Apfelkiste vom Himmel schwebt

Publiziert in 23 / 2010 - Erschienen am 16. Juni 2010
Laas – Das Laaser Spiel vom ­Eigenen Gericht, in der Bühnen­fassung von Toni Bernhart: Ein Stück über Leben und Tod, Reue, Sünde. Ein Laaser Jedermann, der am 4. Juni seine Uraufführung feierte. Die Schauspieler der Volksbühne Laas probten zwei ­Monate lang mit Regisseur Toni Bernhart­ und der Kostüm- und Raumgestalterin Janina ­Janke. Die Sprache ist eigen, rund 250 Jahre soll es her sein, dass Johann Herbst die verdammt oder selig Sterbenden, Gottvater und Luzifer, Engel und Teufel in seinem Spiel um Laster, Sünde und Reue vereinte: „O allerhögster Richter, eß ist doch einmal Zeiht, dass solliche sindenstifter, strafst nach gerechtigkeit“. Die Sprache kann nicht jeder verstehen, manches Wort wird extra leise gesprochen, die Bühne ist bevölkert von Typen, anstelle von Charakteren. Langsam schleppt sich das Stück. Zu langsam? Die grünen Obststeigen oder der großartig trippelnde Hanswurst, dessen klar strukturierte Gesichtskonturen fantastisch gut geschminkt sind, der glänzend gelackte Luzifer: visuell ist die Inszenierung weitaus weniger unaufregend als der Anfang des Stückes. Doch der vermeintlich langsame Anfang scheint ein Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer zu sein. Die Erkenntnis setzt ein: falsch ge­urteilt und – weitaus zu früh. Die Videokunst der Corinne Rose setzt ein, die Schauspieler spielen die letzte Szene des Stückes nun als Figuren eines Videos auf der Wand der Markus-Kirche, kunstvoll ­inszeniert, nein, es ist Kunst. Das Video greift ein zweites Mal vor, die Filmszene erst, dann die Bühnenszene. Das doppelte Spiel ist nicht langweilig, die Aha-Effekte regen an. Was anfänglich langsam wirkte, lässt im Laufe des Stückes erkennen: so ist Platz und Zeit für den Zuschauer geschaffen, genau aus diesem Grund werden Szenen zum Kleinod des Erlebens. Im Video schwebt Gott auf der Apfel­kiste an den Engeln vorbei, auf die Erde zu, köstlich, leise, mit feiner Ironie. Das Laaser Spiel vom Eigenen Gericht bezieht das Lokale ein und bleibt doch universell. Teuflischen Spaß spürte man den großartigen Teufeln Hildegard Horrer und Martin Tappeiner an, selbst rustikalere­ ­Gaudi kennt die Inszenierung. Wer in die Hölle muss, den begleiten die Teufel, schön grausam klingt es, wenn sie die gefallenen Sünder unter das Gitter des Kirchenbodens schieben, die Hölle kennt Kaminwurzen, ein Glück! Ein Glück auch ­diese Inszenierung. Eine perfekt bespielte Kirche, aus deren Glasfenster sich der Hanswurst verdrückt, eine glückliche Hand des Regisseurs, der Bühnenbildnerin, der Filmkünstlerin, des Ensembles, ein Glück für Laas, das Laaser Spiel vom ­Eigenen Gericht. Johann Herbst: Das Laaser Spiel vom Eigenen Gericht, Toni Bernhart, Hg., Folio Verlag, Wien/Bozen 2010 Laas, St.-Markus Kirche, Kartenreservierung bei Lore ­Stecher, Tel. 377 186 9082 Freitag, 18. Juni 2010, 21 Uhr Samstag, 19. Juni 2010, 21 Uhr Sonntag, 20. Juni 2010, 21 Uhr
Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein

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