„Ich habe in den 15 Jahren als Pfarrer und Dekan in Mals viel dazugelernt“
Publiziert in 29 / 2009 - Erschienen am 26. August 2009
Mals – Mit 1. September 2009 verlässt Dekan Hans Pamer seine 15-jährige Seelsorgstätigkeit als Pfarrer und Dekan von Mals. Er wird Pfarrer und Dekan von Meran.
„Der Vinschger“: Wenn Sie auf Ihre Seelsorgstätigkeit zurückblicken – wie lautet Ihr Resümee?
Dekan Pamer: In den vergangenen letzten Tagen und Wochen dachte ich mehr als vorher über den zurückgelegten Weg nach und hatte plötzlich den Wunsch, noch einmal anzufangen. Ich habe in den 15 Jahren als Pfarrer und Dekan in Mals viel dazugelernt. Ich glaube fast, dass das, was ich entgegennahm, größer und wertvoller ist als jenes, was ich gegeben habe. Mit dieser Ausstattung wäre wieder ein Anfang zu setzen. Er würde weniger zaghaft ausschauen. Die große Familie der fünf Pfarreien und des Dekanates Mals stand plötzlich vor mir; dabei erkannte ich viele Gesichter. Jedem galt mein Dank. Einer hat mir die Augen geöffnet, eine andere hat meine Ohren geschärft; der eine hat meine Sprache geschult, die andere lehrte mich das Schweigen. Es waren solche, die es mir leicht machten, an das Gute zu glauben. Es gab auch solche, deren Bosheit mich erschrecken ließ. Immer wieder stieß ich auf solche, die Vergessen und Verzeihen weckten. Ein großes Netz wurde gespannt, das alle, die den Sprung ins Glaubensleben wagten, auffing. Wo solche Beziehungen geknüpft werden, dort wird der erahnt und gespürt, der sich auf unsere Seite gestellt hat und der trotz vielfacher Enttäuschung unter uns bleibt – der liebende und verzeihende Gott. Beglückende Verbindungen mit Menschen bringen jenen zum Aufscheinen, der in allen Beziehungen und Begegnungen zu uns unterwegs ist. Diese Vertiefung im Glauben ist wohl die wertvollste Mitgift der 15 Jahre hier in Mals.
Mit 1. September übernehmen Sie das Dekanat Meran. Mit welchen Gefühlen, Hoffnungen, Erwartungen treten Sie dieses Amt an?
Dekan Pamer: Ein Abschied von Liebgewordenem fällt immer schwer. Viele Fragen stellen sich in den Weg: Wie wird der Abschied von Mals ausfallen, wenn es mit Ende des Monats ernst wird? Wie der Einstand in Meran? Der Wechsel von Mals in die Stadt nach Meran wird doch eine große Umstellung, eine Herausforderung sein, die verbunden sein wird mit pastoralen Aufgaben und Arbeiten, die neu sein werden. Aber auch hier gilt wie bereits im Dekanat Mals: Ich brauch nicht alles allein zu tun; viele fleißige und engagierte MitarbeiterInnen werden mir zur Seite stehen. Sie sind das große Potential jeder Pfarrgemeinde.
Der Priesternachwuchs in Südtirol ist nahezu zum Stillstand gekommen. Die Zahl der Pfarreien ohne Priester vor Ort wird größer. Der Dekan von Schlanders sagt, „Pfarreien ohne Priester sind amputierte Pfarreien“. Sehen Sie dies ähnlich?
Dekan Pamer: Ganz zum Stillstand ist der Priesternachwuchs nicht gekommen. Mals kommt immer noch in den Genuss eines jungen Kooperators! Wir müssen schon weiterhin daran glauben, dass der Herrgott uns geistliche Berufe schenkt, und unser Beten um geistliche Berufe muss halt auch intensiver werden. Ob es „amputierte Pfarreien“ werden, muss man abwarten. Ich denke und hoffe, unsere engagierten MitarbeiterInnen draußen in den einzelnen Pfarreien ohne eigenen Pfarrer werden sich in Zukunft noch viel stärker einbringen müssen ins Leben der Pfarrgemeinde. Ich habe das ja in meinen 15 Jahren hier als Pfarrer bereits erleben dürfen. Sicher wird es für viele Leute (auch für uns Priester und Diakone) eine große Herausforderung und Umstellung werden, aber auch die Chance, den manchmal so oberflächlichen Glauben zu hinterfragen. In Zukunft werden viele vor die Frage gestellt: Was ist mir ein Sonntag ohne Messfeier wert? Ist in meiner Pfarrei an diesem Sonn- und Feiertag keine Eucharistiefeier, ist mir und meiner Familie die Eucharistiefeier aber sehr wichtig, so fahren wir halt ins Nachbardorf zur Hl. Messe.
Damit das Pfarrleben auch in priesterlosen Pfarreien lebendig bleibt und die Pfarrei nicht Gefahr läuft, aufgelöst zu werden, werden die Laien stärker in die Pflicht genommen. Ihre Erfahrungen mit der Laienarbeit?
Dekan Pamer: Zum Teil bereits in den Fragen vorher beantwortet. Ohne Laienmitarbeit kann ich mir eine lebendige Pfarrei nicht mehr vorstellen. Vieles bliebe auf der Strecke. Sicherlich müssen wir aufpassen, die Laien – viele sind ja berufstätig und in manchen anderen Vereinen tätig! – nicht zu überfordern.
Wie stehen Sie zu den Seelsorgeeinheiten, die im Laufe der nächsten Jahre entstehen sollen?
Dekan Pamer: In den bereits existierenden Seelsorgeeinheiten wirken viele Menschen an vorderster Front mit: Pfarrer, Pfarrer in P., Seelsorger, Diakone, PGR, Katholische Frauen- und Männerbewegung, ReligionslehrerInnen usw. Ich hatte in meinen fünf Pfarreien – Gott sei Dank! – das Glück, immer einen Kooperator (insgesamt 8 in 15 Jahren), Patres des Klosters Marienberg, pensionierte Pfarrer und ständige Diakone zur Seite zu haben. Das war für mich immer ein riesiges Potential, das die pastorale Arbeit im Dekanat erleichterte, ohne jetzt die Arbeit der Laien zu schmälern. Wenn dieses Potential nicht mehr vorhanden ist, wird es schwieriger werden.
Die Anzahl der Kirchenbesucher sinkt. Religion wird für immer mehr Menschen zur Belanglosigkeit. Eine düstere Zukunft für die Kirche?
Dekan Pamer: Die Besucherzahl sinkt, das stimmt. Doch dass Religion für immer mehr Menschen zur Belanglosigkeit wird, kann ich noch nicht akzeptieren und werde es auch nicht tun. Religion wird immer noch zu sehr gemessen an der Quantität des „Kirchengehens“. Die Kirche der Zukunft wird anders sein; d.h. wir alle werden Ausschau halten müssen nach – vielleicht auch neuen - Formen, damit Religion und die Liebe zur Kirche wieder mehr Freude bereiten.
Dekan Hans Pamer Jahrgang 1947, stammt aus Platt in Passeier. Er besuchte nach der Volksschule die Mittel- und Oberschule im Johanneum in Dorf Tirol. Das Theologiestudium absolvierte er im Priesterseminar in Brixen. 1974 wurde Hans Pamer im Dom zu Brixen zum Priester geweiht, im selben Jahr feierte er in seiner Heimatpfarrei Platt die Primiz. Es folgten das Pastoraljahr in Latzfons und vier Jahre Kooperator in Schenna, bis er für zehn Jahre als Erzieher und fünf Jahre als Regens ins Johanneum nach Dorf Tirol berufen wurde. Die Ernennung als Pfarrer in Mals und Planeil und als Dekan im Dekanat Mals erfolgte 1994. Ab 1997 betreute Dekan Pamer auch die Pfarre Tartsch, ab 2000 jene von Schleis und ab 2007 auch jene von Laatsch.
Hermann Schönthaler