Ich schenk dir meine Zeit…
Publiziert in 13 / 2011 - Erschienen am 6. April 2011
Prad - Um moderne Formen der Solidarität und der Betreuung ging es im Rahmen der Prader Gesundheitstage Ende März in der Bibliothek von Prad.
Vizepräsident Josef Tschenett und Sonia De Zordo Abramo von der Zeitbank Schlanders stellten diese zukunftsorientierte Form der organisierten Nachbarschaftshilfe und praktischen Solidarität einem überaus interessierten Publikum vor.
„Zeit statt Geld“ lautet die Devise der Zeitbank, die es seit 2006 auch in Schlanders gibt.
Gegründet von 40 Mitgliedern aus Schlanders, weist die Zeitbank heute 71 Mitglieder deutscher und italienischer Muttersprache im Alter von 18 bis 78 Jahren aus Schlanders und einigen Nachbargemeinden auf; davon 52 Frauen und 19 Männer.
Die Zeitbank ist ein Austausch von unterschiedlichen Ressourcen nach dem Motto: „Ich gebe, was ich kann und gerne tue und ich nehme, ohne Hemmungen, was ich brauche“. Die Mitglieder tauschen untereinander den Zeitaufwand für die Erledigung von kleineren Diensten, die jedoch nicht in Konkurrenz mit Dienstleistungs- oder Handwerksbetrieben stehen. Die für die Leistung aufgewendete oder erhaltene Zeit wird auf einem Zeitkonto für jedes Mitglied verrechnet, wobei jeder Dienst gleich wertvoll ist und die Verrechnungseinheit ausschließlich die Zeit ist.
Seit der Gründung im Jahre 2006 wurden ca. 1.000 Stunden innerhalb der Mitglieder ausgetauscht, wobei folgende Dienste besonders gerne und viel genutzt wurden: Massagen, Haushaltsarbeiten, Kuchen backen. Italienisch-Nachhilfe, kleine Reparaturen oder Transporte, Gartenarbeiten, Reitstunden, Computerarbeiten und Kinderbetreuung.
Referentin Tanja Ortler stellte im Anschluss an den Vortrag in Aussicht, auch in Prad eine Zeitbank zu gründen, sofern der Wunsch aus der Bevölkerung komme. Interessierte können sich bis 15. Mai in der Bibliothek Prad melden.
„Ihr seid
keine Rabeneltern“...
Um das Modell der Kindertagesstätten (Kitas) ging es in einem Referat von Landesrat Richard Theiner. „Wohl kaum ein Thema hat die Gemüter so erhitzt wie das der Kleinkinderbetreuung“, sagte Landesrat Theiner einleitend, „und ob die Bevölkerungszahl eines Landes sinkt oder steigt, hängt maßgeblich vom Angebot an Kleinkinderbetreuungsstätten ab“.
Junge Eltern einer europäischen Durchschnittsfamilie haben tatsächlich keine Wahl, denn sie kommen mit einem Einkommen allein nicht über die Runden. Für Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren gibt es 3 Arten von Betreuungsmöglichkeiten: die Kitas, die Kinderhorte und die Tagesmütter.
Es gibt heute 38 Kitas in 24 Gemeinden Südtirols, Tendenz steigend. Kindertagesstätten bieten flexible Dienste, d.h. auch eine stundenweise Betreuung für wenige Tage in der Woche ist möglich, sie sind unabhängig vom Schulkalender geöffnet, bieten eine familiäre Atmosphäre, denn auf 5 Kinder trifft es eine ausgebildete Betreuungsperson, die max. Aufnahmekapazität einer Kita sind 20 Kinder. „Kinder, die eine solche Betreuungsstätte besuchen, haben eine höhere Sozialkompetenz und bessere sprachliche Kompetenzen“, bestätigte Tanja Ortler, selbst Kindergärnterin. Kitas sind ideal für kleinere Zentren auf dem Land, da eine Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden möglich ist. Die Errichtung einer Kindertagesstätte fällt in die Zuständigkeit der Gemeinde; finanziert wird sie von der Gemeinde, vom Land und von den Eltern zu gleichen Teilen. Die Finanzierung der Tagesmütter soll laut Richard Theiner demnächst an dieses Modell angeglichen werden. Das Land hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: bis 2015 sollen 15 Prozent aller Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren ein Betreuungsangebot haben. Dies bedeutet, dass auch in entlegenen Gemeinden Kinderbetreuungsangebote geschaffen werden müssen, um eine Abwanderung der Familien und ein Aussterben der kleinen Dörfer zu verhindern. Dass diese Dienste teuer sind, bestätigt Theiner, „aber für unsere Kinder müssen wir das nötige Geld haben! Und die Eltern sind gewiss keine Rabeneltern, wenn sie die Angebote der Kinderbetreuung annehmen“, betonte der Landesrat.
Bevor Markus Lutt, der Vorsitzende des SVP-Sozialausschusses, zur Diskussion aufforderte, lud Tanja Ortler interessierte junge Eltern dazu ein, sich gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung Kinderbetreuungsangebote im Lande anzuschauen. Im Zuge des Kindergartenneubaus soll nämlich auch in Prad eine Betreuungsform für Kleinkinder geschaffen werden.
Ingeborg Rainalter Rechenmacher