Innovation trifft Tradition
Wie sich die Mitgliedsbetriebe der Marteller Erzeugergenossenschaft MEG für die Zukunft rüsten.
Martell - Wenn man an die Erdbeerernte denkt, hat man oft noch das Bild von früher vor Augen: strenge körperliche Arbeit, ständiges Bücken und Ernten am Boden. „Davon müssen wir uns verabschieden“, erklärt Philipp Brunner, Betriebsleiter der Marteller Erzeugergenossenschaft MEG im Gespräch mit dem der Vinschger. Deshalb setze man auf den Stellagen-Anbau. „Etwa die Hälfte der Erdbeeranbaufläche unserer 45 Mitgliedsbetriebe ist bereits darauf umgestellt“, so Brunner. Doch damit nicht genug: Kombiniert wird dieses System mit modernen technischen Möglichkeiten. „Durch Sensoren werden Daten in Echtzeit erfasst und unterstützt durch künstliche Intelligenz verarbeitet“, erklärt der Betriebsleiter. Mit der heurigen Saison ging dieses System erstmals in Betrieb, acht Betriebe – sechs in Martell, einer in Naturns und einer am Tomberg – nutzen dieses bereits. Dabei dürfte bei einer prognostizierten Erntemenge von 400 bis 450 Tonnen auch eine große Menge an Daten anfallen.
„Weg vom Boden“
Innovativ und modern zeigen sich die Marteller Landwirte ohnehin seit jeher. Bereits vor rund 20 Jahren modernisierte man den Anbau durch künstliche Erdwälle, auch Hügelanbau oder Dammkultur genannt. „Der nächste wichtige Schritt war es, vom Boden wegzukommen“, unterstreicht Brunner. Vor drei Jahren begann man deshalb mit dem Stellagen-Anbau. Auf Säulen sind Holzlatten angebracht, auf denen Substratboxen aus Kunststoff – gewissermaßen Kübel – mit den Erdbeerpflanzen stehen. Für die Bewässerung setzt man auf die Tropfberegnung. Überdacht sind die meisten Anlagen generell mit Schutzfolien, um die empfindlichen Früchte vor Regen zu schützen. Der Anbau mit solchen erhöhten Systemen habe viele Vorteile. Allen voran die ergonomische Arbeitsweise und eine bessere Produktivität. Die Erdbeeren seien von höherer Qualität. Durchlüftung und Wachstumsbedingungen seien insgesamt günstiger. „Im Boden können Krankheiten und Schädlinge überwintern“, erinnert Brunner. Zudem werde der Boden in der intensiven Landwirtschaft, wie sie der Erdbeeranbau durchaus auch darstellt, stark beansprucht. „Durch die Stellagen wird der intensive Anbau gewissermaßen auf eine zweite Ebene verlagert, während der Boden selbst unberührt bleibt“, unterstreicht der MEG-Betriebsleiter. Weitere Vorteile seien höhere Hygienestandards, besserer Schutz vor extremen Witterungsereignissen sowie eine bedarfsgerechtere Wasser- und Düngeversorgung. Aber: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Der Stellagen-Anbau habe zwar viele Vorteile, aber auch Nachteile. Einerseits sei die Anbauweise kostenintensiver, andererseits bleibt der Verbrauch von Ressourcen wie Plastik unverändert. Letztlich könne jeder Bauer selbst entscheiden, welchen Weg er einschlagen möchte.
Fast 12.000 Datensätze – pro Stunde
Das System werde durch die Datenanalysen perfektioniert. Unter anderem Wasser- und Nährstoffversorgung können genau überwacht werden. Sensoren erfassen rund um die Uhr wichtige Werte wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Feuchtigkeit im Substrat sowie den Nährstoffgehalt. „Die erhobenen Daten werden an eine zentrale Steuerungseinheit übermittelt“, erklärt Brunner. Insgesamt generieren die acht Betriebe rund 11.820 Datensätze pro Stunde. Diese Daten liefern Erkenntnisse über den Einfluss des Wetters auf das Wachstum sowie auf die Qualität der Früchte. Die gewonnenen Informationen können in den folgenden Jahren genutzt und umgesetzt werden. Geplant ist, die Technologie und die dahinterstehenden Systeme laufend weiterzuentwickeln. In Echtzeit gelieferte Daten können auch direkt auf dem Smartphone des Landwirts angezeigt werden. „Es geht darum, besser zu verstehen, was die Pflanzen tatsächlich benötigen“, so Brunner. In Italien sei diese Art der Datenerfassung noch kaum verbreitet, weshalb man sich hier zu den modernsten Betrieben zählen könne.
Anreize durch Förderungen
Anreize für Stellagen und Digitalisierung konnten durch Förderungen geschaffen werden. Über ein Leader-Projekt der LAG Vinschgau wurden Investitionen in Höhe von rund 400.000 Euro in den Stellagen-Anbau angestoßen. Die Bauern erhielten dafür eine Förderung von rund 50 Prozent für die Stellagen selbst, konkret rund 200.000 Euro. Die Kosten für Bewässerungssysteme mussten die Betriebe allerdings selbst tragen. Die Bezirksgemeinschaft Vinschgau steuerte derweil knapp 50.000 Euro für die Sensoren bei. Zudem konnte die Raiffeisenkasse überzeugt werden, das Projekt als nachhaltige Investition einzustufen. Dadurch wurden den Landwirten vergünstigte Zinssätze im Rahmen des Ethical Banking ermöglicht.
Offen für Fortschritt
Positiv sei, dass viele Betriebsleiter offen für Innovationen seien und voll und ganz auf die Landwirtschaft setzen, lobt Brunner. Noch sind mehrere Betriebe in Martell im Nebenerwerb tätig. Die Genossenschaft versuche aber generell die Mitgliedsbetriebe zu motivieren, in den Haupterwerb zu wechseln. Das bedeute automatisch mehr Weiterbildung und Fortschritt. „Die Landwirtschaft soll keine Alibi-Produktion sein“, so MEG-Betriebsleiter Brunner. Einer der Landwirte im Haupterwerb ist MEG-Obmann Tobias Fleischmann. Der 39-Jährige vom Tasa-Hof in Ennewasser hat vor drei Jahren zunächst überlegt, ob er bei den Stellagen mitmachen solle, und dann damit begonnen. Auch für die Sensoren und Digitalisierung konnte er sich begeistern. Der Grund dafür sei, dass man eine bessere Überwachung benötige und sich innerhalb der Genossenschaft weiterentwickeln wolle. Dafür brauche es Daten, die zentral ausgewertet werden können. „Das Ziel ist es, für die Zukunft zu lernen“, unterstreicht Fleischmann, der wie viele Vollerwerbs-Bauern in Martell auf mehrere Standbeine setzt. „Die Vielfalt, die wir bei uns auf den Höfen im Martelltal haben, ist eine große Chance, birgt jedoch auch Herausforderungen“, weiß er. Der Schwerpunkt bei den MEG-Mitgliedsbetrieben liege zwar auf der Erdbeerernte, angebaut werden aber auch andere Kulturen. So umfasst das Sortiment praktisch die gesamte Beerenpalette mit Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren und Johannisbeeren. Durch die Vielfalt einher gehe jedoch, dass man in vielen Bereichen gleichzeitig Experte sein muss, „bei Erdbeeren und anderen Nischenkulturen ebenso wie in der Viehwirtschaft“, erinnert Fleischmann. Überall werde Professionalität verlangt. Als weitere große Herausforderung nennt Fleischmann die Bürokratie. Für die Zukunft sehe man sich jedoch gut gerüstet und in der Genossenschaft gut aufgestellt. „Wir gehen den innovativen Weg“, bringt es Fleischmann auf den Punkt.