„Pioniere des Fernsehens“
1978 wurde in Naturns der erste deutschsprachige Privatsender Europas in Betrieb genommen.
Naturns/Schlanders - Ein kleiner TV-Sender aus Naturns schreibt Ende der 1970er Jahre Fernsehgeschichte: TSV erobert schnell die Herzen und Wohnzimmer der Südtirolerinnen und Südtiroler. Die Geschichte von „TVS – Television Südtirol“ haben Helmut Lechthaler und Alexander Lechner im 85-minütigen Dokumentarfilm „Pioniere des Fernsehens – Europas erster deutschsprachiger Privatsender TVS“ nachgezeichnet. Der Film wird am Sonntag, 12. Oktober, um 18 Uhr im Kulturhaus Karl Schönherr in Schlanders gezeigt. Fernsehmacher aus Deutschland und Österreich blickten 1978 mit Verwunderung und Staunen nach Naturns, wo der Privatfernsehsender seinen Betrieb aufnahm. Bis 1986 hatte der Sender seinen Sitz in Naturns.
Wer steckte dahinter?
Hinter dem Unternehmen „TVS – Television Südtirol” steckte die Familie Gamper, die bis heute einen Campingplatz in Naturns führt. Sohn Karlheinz Gamper hatte zuvor bei der Freien Welle Südtirol erste Radioerfahrungen gesammelt und war beseelt vom Gedanken, einen Südtiroler Fernsehsender zu gründen. Zu seinem 18. Geburtstag war es soweit. Gemeinsam mit seinem technisch versierten Schwager Horst Dieter Hanebutt gelang es Gamper innerhalb kürzester Zeit, einen Sender hochzuziehen, der technisch und inhaltlich seiner Zeit voraus war. Das Programm umfasste tägliche Nachrichten, ausführliche Sportberichterstattung, aufwendige Live-Übertragungen und ein vielseitiges Angebot an Kultur-, Aerobic-, Kinder- und Musiksendungen. Der Privatsender wurde schnell zu einem Fixpunkt in der damals noch öden Fernsehwelt. In Südtirol waren zu jener Zeit noch keine deutschsprachigen Programme aus dem Ausland zu empfangen und RAI Südtirol (damals RAI Sender Bozen) hatte nur eine kurze Sendezeit für die täglichen Nachrichten zur Verfügung. Zudem war Privatfernsehen im deutschsprachigen Raum verpönt und rechtlich noch gar nicht möglich. In Italien dagegen wurde Mitte der 1970er Jahre der Rundfunkmarkt liberalisiert. Neben vielen deutschsprachigen Radiostationen war TVS am Fernsehmarkt der einzige Anbieter. Die finanziellen und technischen Mittel waren von Anfang an begrenzt. Auch beim Personal musste die Familie Gamper erfinderisch sein. Über Aufrufe im Fernsehen wurden Mitarbeitende gesucht. Der spätere Chefredakteur Siegfried Giuliani musste beim ersten Vorsprechen in Naturns einen Nachrichtentext lesen, allerdings gleich live auf Sendung.
Wie schaltet man Kamera ein?
Auch Kameramann Hubert Grüner hatte keine Vorkenntnisse. „Wir haben kaum gewusst, wie eine Kamera einzuschalten geht“, erinnert er sich. Um einen Jahresrückblick rechtzeitig fertigzustellen, haben Sportmoderator Alex Tabarelli und Kameramann Helmut Lechthaler 27 Stunden lang „durchgeschnitten“. Für die zeitversetzten Sportübertragungen mussten Motorradkuriere Kassetten quer durchs Land bringen. Mit dem Film „Pioniere des Fernsehens“ kehrt Filmemacher Helmut Lechthaler zu seinen Wurzeln zurück. Wie viele andere hat auch er beim Sender sein Handwerk von der Pike auf gelernt und konnte in Naturns den Grundstein für seine spätere Karriere legen. Gemeinsam mit Zeitzeugen, Experten und den Sendergesichtern taucht der Film in das damalige Südtirol ein: Das Zweite Autonomiestatut beginnt zu greifen, Reinhold Messner verbucht seine größten Rekorde, Tourismus und wirtschaftlicher Aufschwung ziehen ins Land. Fernsehmomente von damals lassen die Zeit wieder aufleben. Das TVS-Archiv galt lange Zeit als verschollen. Als 2024 der letzte Besitzer den Archivbestand dem Amt für Film und Medien zur Verfügung stellte, war die Zeit gekommen: Endlich konnte der Bestand digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Regisseur Alexander Lechner wertete die Filmbänder aus. Das Archiv-Material ermöglicht Rückschlüsse auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen jener Zeit sowie auf den Zustand der Medienvielfalt im Land. Der Film bringt zum Ausdruck, mit welchem Pioniergeist seinerzeit Probleme als Herausforderungen wahrgenommen wurden. Interviewpartner im Film sind Kurt Duschek, Heinz Gamper, Siegfried Giuliani, Hubert Grüner, Helene Höllrigl, Karin Kochenrath, Helmut Lechthaler, Gerhard Leimstädtner, Hertha und Erich Mair, Reinhold Messner, Oskar Peterlini, Elmar Pichler-Rolle, Vera Preimess, Klaus Romen, Alex Tabarelli und Karl Zöschg.