Auch einige wenige Leihgaben zum ­Thema Schwabenkinder sind im ­Vintschger Museum ausgestellt.

Schwabenkinder

Publiziert in 45 / 2012 - Erschienen am 12. Dezember 2012
Eine neue Dauerausstellung im Vintschger Museum widmet sich einem leidvollen Kapitel der Vinschger ­Sozialgeschichte. Schluderns – In der Zeit vom 17. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zogen jährlich tausende Kinder aus Tirol und ­Vorarlberg sowie aus der Schweiz und anderen Alpengebieten zu Fuß nach Oberschwaben. Der Hautgrund, jeden März über die Pässe zu marschieren und bis gegen Oktober als Hütejungen, Mädge oder Knechte bei Bauern im Schwabenland zu arbeiten, war die Armut, die in ihren Herkunftsgebieten herrschte. Einen Einblick in die rund 300-jährige Geschichte der Schwabengängerei vermittelt die neue Dauerausstellung „Schwabenkinder“, die am 30. November im Vintscher Musuem in Schluderns eröffnet wurde. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Interreg IV-Projekt Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein, dessen Ziel es war und weiterhin ist, das Thema der Schwabengängerei grenzüberschreitend und aus mehreren Blickwinkeln zu untersuchen, geschichtlich aufzuarbeiten sowie in Museen und Ausstellungen darzustellen. Die Ausstellung in Schluderns zeigt, unter welchen Umständen die Menschen im Vinschgau, speziell im Obervinschgau, zur Zeit der Schwabengängerei lebten, warum viele im Kindesalter als Arbeitskräfte in die Fremde ziehen mussten und wie es ihnen in Oberschwaben erging. Auch in das Thema „Kinderarbeit heute“ wird eingeführt. „In anderen Ländern gibt es heutzutage ähnliche Wanderungen aus unterschiedlichen Gründen, aber mit denselben Folgen,“ sagte Christine Brugger aus Oberschwaben, die Koordinatorin des Projekts „Schwabenkinder“. Bei der Projektarbeit in Oberschwaben seien die Namen von fast 10.000 Schwabenkindern gefunden worden. Viele Pfarrarchive und Familienbücher durchforstet Andreas Paulmichl aus Laatsch, der bezüglich der Schwabengängerei vor allem in den Pfarr­archiven von St. Valentin a.d.H., Laatsch, Taufers i.M. sowie Stilfs nachgeforscht, aber auch Familienbücher und andere Quellen konsultiert hat, bezifferte die Gesamtzahl der Vinschger Schwabenkinder mit rund 1.300, „es waren aber vermutlich mehr.“ Als Gründe der Schwabengängerei führte Paulmichl neben der Armut auch die Realerbteilung an, die Bodenknappheit, den Bevölkerungsanstieg, die soziale Ausgrenzung und auch den Umstand, dass in den meisten Familien viele Kinder lebten. Um ins Schwabenland ziehen zu können, brauchte es eine Entlassungsbescheinigung der Schule, eine so genannte Dispens. Die Jüngsten waren 6 Jahre alt Die jüngsten Vinschger Schwabenkinder waren laut Paulmichl 6 Jahre alt. Neben vielen Kindern zogen aber auch Jugendliche und Erwachsene als Arbeitskräfte ins Schwabenland. Auf die meisten Eintragungen von Schwabenkindern stieß Paulmichl in Prad/Agums (ca. 190), Schlanders mit Kortsch, Göflan sowie Nörders- und Sonnenberg (ca. 130), Graun (ca. 110), Stilfs (ca. 80), Laatsch (ca. 70) und Schluderns (ca. 40). Als letzte Schwabengängerin aus dem Vinschgau scheint in der Datenbank Aloisia Plangger aus Graun auf, die noch 1917 als Dienstmädchen in Blitzenreute arbeitete. In die Datenbank der Schwabenkinder kann man auch im Internet einsehen (www.schwabenkinder.eu). Kristian Klotz dankte bei der gut besuchten Ausstellungseröffnung im Namen des Vintschger Museums allen Beteiligten. Er nannte Klaus Wallnöfer aus Agums, der das Projekt geschrieben hat, die Museumspädagogin Irene Hager, die ihm zur Seite stand, die öffentlichen Geldgeber EU, Bezirksgemeinschaft Vinschgau und Gemeinde Schluderns sowie die Raiffeisenkassen des Vinschgaus und die Firma HOPPE als Sponsoren. Die Stiftung Südtiroler Sparkasse habe mitgeholfen, die Mediathek zu verbessern. Irene Hager führte in die drei Ausstellungsbereiche ein: Einführung in das Projekt und Datenbank, der Vinschgau während der Zeit der Schwabengängerei sowie das damalige Schwabenland. „Es gab sicher auch tragische Schicksale, aber den meisten Schwabenkindern ging es im Schwabenland gut,“ sagte Irene Hager. Auch ­einige private Leihgaben zum Thema Schwabenkinder sind ausgestellt. Die Bibliothek Schluderns hat zudem passende Bücher ins Museum gebracht. Musikalisch umrahmt hat die Eröffnung der Kirchenchor Schluderns unter der Leitung von Robert Ruepp, der ein von ihm verfasstes Mundartgedicht zum Thema Schwabenkinder vortrug. INFOS: Außer am 24. und 25. Dezember ist das Vintschger Museum bis zum 6. Jänner 2013 von Dienstag bis Samstag von 14 bis 17 Uhr geöffnet, sowie an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr. In dieser Zeit bleibt der Eintritt frei. Der ordentliche Museumsbetrieb beginnt wieder am 20. März 2013. Sepp Laner
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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