Am Anfang war die Wut
Zum Gegenwert von acht Kühen verkauften die Eltern dieser Achtjährigen ihre Tochter an einen 75-jährigen Mann. Einer der unzähligen Fälle von Zwangsverheiratung und damit Zwangsarbeit sowie täglicher Vergewaltigung von Mädchen in Afghanistan.

Gefangen sein im Trauma

Publiziert in 13 / 2007 - Erschienen am 12. April 2007
Die Frauenärztin Monika Hauser ist in Südtirol keine Unbekannte, ebenso wenig die von ihr gegründete Hilfsorganisation „medica mondiale“, die weltweit für Hilfe für im Krieg traumatisierte Frauen und Mädchen steht. Kürzlich lud die Geschäftsführerin von „medica mondiale“ zur Pressekonferenz nach Laas ein, um über die aktuellen Projekte der Frauenhilfsorgansiation zu berichten. „Der Vinschger“ hat im Anschluss daran ein Gespräch mit Monika Hauser geführt: „Der Vinschger“: Sie haben in den letzten Jahren zahlreiche Preise verliehen bekommen. Bereits zum zweiten Mal wurden Sie für den Friedensnobelpreis nominiert. Das ist eine besondere Ehre. Monika Hauser: Ich wurde 1993 vom Team der ARD Tagesthemen zu dessen „Frau des Jahres“ ernannt. 1999 wurde ich zur „Frau des Jahres“ des Deutschen Staatsbürgerinnenverbandes gewählt. Als erklärte Feministin freue ich mich über diese Anerkennung für mich selbst, vor allem aber für die Organisation. Wir erhalten dadurch eher öffentliche Gelder. Eine besondere Ehre ist natürlich die Nominierung für den Friedensnobelpreis. „Der Vinschger“: Das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1998 haben Sie abgelehnt. Aus welchem Grund? Monika Hauser: Diesen Orden habe ich abgelehnt, weil gleichzeitig die bosnischen Menschen aus Deutschland abgeschoben werden sollten. Das stand für mich im Widerspruch. „Der Vinschger“: Mit dem Krieg im Balkan 1992 hat für Sie alles angefangen. Dort haben Sie ihre anfängliche Wut in Handeln umgesetzt. Monika Hauser: Als angehende Gynäkologin war ich wütend auf die Untätigkeit der Welt und die Hilflosigkeit der seelisch und körperlich zerstörten Frauen in der zentralbosnischen Stadt Zenica. Mir ist es gelungen, westeuropäische und bosnische Frauen für meine Idee zu gewinnen, die traumatisierten Frauen und Mädchen zu betreuen und ihnen eine vorübergehende Zuflucht zu verschaffen. So hat die Hilfsorganisation „medica mondiale“ ihren Lauf genommen. „Der Vinschger“: Wie finanziert sich „medica mondiale“? Monika Hauser: Die Organisation finanziert sich zur Hälfte über institutionelle Gelder wie von der EU oder dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und zur Hälfte über Spenden durch Partnerschaften und freiwillige Spenden. „Der Vinschger“: Auch in Südtirol haben Sie Partner gefunden. Unter anderem auch die Südtiroler Landesregierung. Wie groß ist die Spendenbereitschaft der Südtiroler Bevölkerung? Monika Hauser: Aktuell scheint die Südtiroler Politik keinen Blick dafür zu haben, dass diese Frauenarbeit längerfristig finanziert werden muss. Die Gemeinde Laas und die Südtiroler Bäuerinnenorganisation hingegen unterstützen unser ABC-Projekt im Kosovo. Der Krisenherd Kosovo liegt schon weiter zurück. Da ist es oft schwierig, Spender zu motivieren. Trotzdem konnten wir dank der Hilfe dieser beiden Partner bis heute über 50 000 Euro als Spenden verbuchen. Wir haben im Kosovo Einkommen schaffende Maßnahmen getroffen, damit die traumatisierten Kriegswitwen für sich und ihre Kinder Zukunftsperspektiven haben. „Der Vinschger“: Wie nachhaltig sind diese Maßnahmen? Monika Hauser: 90 Frauen und mit ihnen fast 500 Familienmitglieder leben vom Anbau von Gemüse, Mais, Bohnen und Kastanien, von der Milchwirtschaft und der Honigproduktion. Die Frauen haben bereits ein eigenes Einkommen erzielt, worauf sie sehr stolz sind. Eine kleine Delegation der Südtiroler Bäuerinnenorganisation hat im Sommer 2006 mit uns die ehemaligen Kriegsgebiete und die Kriegswitwen im Kosovo besucht und sich ein Bild von deren Situation und unserem Projekt gemacht. Nachdem wir die Frauen 5 Jahre lang psychologisch gestärkt haben, können sie jetzt dank ihrer eigenen Kraft eine Perspektive für ihre Familien aufbauen. „Der Vinschger“: Finden Sie Parallelen zwischen Südtirol und dem Kosovo? Monika Hauser: Südtirol hat hier eine historische Verantwortung, es hat auch unter Krieg und Fremdherrschaft gelitten. Südtirol ist genauso ländlich und landwirtschaftlich geprägt wie der Kosovo. Aber auch patriarchal; die Südtiroler Bäuerinnen wissen, wovon die Rede ist. „Der Vinschger“: Wie stehen die geistlichen Würdenträger in den Krisengebieten zur Hilfsorganisation „medica mondiale“? Monika Hauser: Die Imam in Bosnien-Herzegowina schickten die Frauen zu uns, die katholischen Priester hingegen nicht. Die Mullahs in Afghanistan stehen der Organisation zum Großteil skeptisch gegenüber. Fundamentalismen gibt es in jeder Religion, diese Feststellung muss ich immer wieder machen. „Der Vinschger“: Sie sprechen den aktuellen Krisenherd Afghanistan, eines der ärmsten Länder der Erde an. Monika Hauser: In den letzten Jahren erwies sich unsere Arbeit dort als zunehmend gefährlich. Immer noch herrscht in weiten Teilen des Landes Krieg. Selbstmordattentate und Entführungen nehmen zu. Ebenso die familiäre und strukturelle Gewalt gegen Frauen. Der Kampf gegen Zwangsverheiratung von Frauen und Kinderheirat ist eine unserer Aufgaben in Afghanistan seit 2002. 60 bis 80 Prozent der Mädchen und Frauen werden in diesem Land immer noch gegen ihren Willen verheiratet – oft bereits im Kindesalter. Sie dürfen dann nicht mehr in die Schule gehen und haben daher keine Chance auf Bildung. Auch die gesundheitlichen Konsequenzen sind verheerend. Die vielen Geburten schwächen die jungen Frauen, die weder die dafür erforderliche körperliche noch psychische Reife haben. „Der Vinschger“: Und wenn sie sich wehren? Monika Hauser: Dann werden sie ins Gefängnis gesteckt, geschlagen, gefoltert, verstoßen und geächtet. Lebenslange Traumatisierungen sowie körperliche und seelische Behinderungen sind die Folgen dieser menschenverachtenden, unvorstellbar brutalen Praxis. „Der Vinschger“: Ihr einziger Ausweg ist der Selbstmord? Monika Hauser: Suizid ist eine Flucht vor Gewalt, wobei die Selbstverbrennung als Methode sehr häufig ist, weil Frauen keine Alternative sehen. Sie können nie das Haus verlassen und haben keinen Zugang zu Medikamenten. Brennstoffe dagegen sind in jeder Küche vorhanden. Es bleiben ihnen nur Kerosin oder Rattengift. In den Monaten Mai bis Juli vergangenen Jahres hat es in Kabul und Herat 106 Selbstverbrennungen gegeben. Die Dunkelziffer liegt um einiges höher. Über 80 Prozent dieser Suizidversuche enden tödlich. Die restlichen 20 Prozent der Frauen sind körperlich entstellt, seelische Wracks und für ihr Leben geächtet. „Der Vinschger“: Gibt es da noch Hoffnung für die afghanischen Frauen und Mädchen? Monika Hauser: In all dieser Misere gibt es auch Lichtblicke. „Medica mondiale“ hat im Jahre 2002 eine Menschenrechtsabteilung aufgebaut, die seit 2005 besonders gegen Kinderverheiratung und Selbstverbrennung kämpft. Wir haben große Kampagnen gestartet, in denen wir die Rechtberatung inhaftierter Frauen und die Schulung von Anwältinnen ausgedehnt haben. Mit Unterstützung von medica mondiale konnten in Herat und Mazar-i-sharif zwei Frauenschutzhäuser eröffnet werden. Wir haben das Gespräch mit den Mullahs, den Dorfältesten und der Familie der betroffenen Frauen gesucht. Es gilt die Polizei zu sensibilisieren und die Justiz zu trainieren, die unlängst sogar den Vergewaltiger einer 5jährigen zu 20 Jahren Haft verurteilt hat. Man kann in diesem Wahnsinn also auch mit Mut und Zähigkeit kleine Erfolge mit großer Signalwirkung erreichen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. „Der Vinschger“: Welches sind langfristig die vorrangigsten Ziele von „medica mondiale“? Monika Hauser: Neben der psychologischen, gynäkologischen und juridischen Unterstützung der Frauen ist es unser Ziel, sie darin zu stärken, ein selbst bestimmtes Leben aufzubauen. Dafür brauchen die Frauen unsere fachliche Parteilichkeit und unsere Solidarität in ihrer schwierigen Lage. Letztes Ziel ist es, dass die Kriegsverbrechen an den Frauen geahndet werden, damit die Straflosigkeit endlich ein Ende hat. Interview: Ingeborg Rechenmacher Monika Hauser wurde 1959 in St. Gallen in der Schweiz geboren und ist dort aufgewachsen. Gemeinsam mit ihrer Familie verbrachte sie ihre Sommerferien immer in Laas, da ihre Eltern beide aus Laas stammen und heute wieder dort leben. Nach dem Medizinstudium in Innsbruck und Bologna absolvierte Monika Hauser ein Praktikum im Krankenhaus von Schlanders. Zahlreiche Reisen führten die junge Medizinstudentin u.a. nach China und Indien, bevor sie in Essen und Köln die Fachärztin für Gynäkologie machte. Anlässlich des Bosnienkrieges machte sich die Frauenärztin Monika Hauser im Jahre 1993 auf den Weg in die Kriegsregion, um vor allem den durch den Krieg traumatisierten Frauen und Mädchen zu helfen. Aus dieser kleinen Initiative ist „medica mondiale“ gewachsen, eine heute international anerkannte Frauenrechts- und Hilfsorganisation, die weltweit Projekte betreut und in 10 Ländern tätig ist. Monika Hauser lebt in Köln mit Klaus-Peter Klauner und dem gemeinsamen 10jährigen Sohn Luca Kerim Philip. Klaus Peter Klauner ist Hausmann, mit einem Vierteljob ist er beim Westdeutschen Rundfunk beschäftigt; „das ist die einzige Möglichkeit, damit ich die Arbeit bei „medica mondiale“ machen und eine Familie haben kann“, so Monika Hauser. Wer Monika Hauser in ihrer Arbeit bei „medica mondiale“ unterstützen möchte, kann dies über die Raiffeisenkasse Laas tun. Kontonummer 000 300 18 724 ABI 08117, CAB 58500. Informationen gibt es unter www.medicamondiale.org
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher

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