Arbeitsmarkt der Zukunft
Perspektiven für die Jugend im ländlichen Raum
Im Mittelpunkt der gut besuchten Herbstveranstaltung der Plattform Land in der Bibliothek Schlandersburg stand das Thema „Arbeitsplätze für die Jugend im ländlichen Raum.“
Beim Umtrunk im Anschluss an die Tagung wartete der Sprachkünstler Alex „Giovi“ Giovanelli mit Einlagen auf.

„Silicon Vinschgau“

Was ist zu tun, damit junge Menschen im Tal bleiben und gute Arbeitsplätze finden?

Publiziert in 42 / 2018 - Erschienen am 4. Dezember 2018

Schlanders - Was muss getan werden, damit junge Menschen den Vinschgau nicht verlassen? Wo liegen derzeit die Schwächen und Stärken? Welche Maßnahmen sind zu setzen, um die Arbeitsmarkt-Situation im ländlichen Raum zu verbessern? Das waren die Kernfragen der gut besuchten Tagung „Arbeitsplätze für die Jugend im ländlichen Raum“, die am 29. November auf Einladung der Plattform Land in der Bibliothek Schlandersburg stattgefunden hat. Die Plattform Land wurde 2013 als Interessensgemeinschaft vom Südtiroler Bauernbund und dem Gemeindenverband ins Leben gerufen. Mit der Gründung des Vereins Plattform Land im Vorjahr wurde die Zusammenarbeit institutionalisiert und gefestigt.

Attraktivität steigern

„Das Hauptziel der Plattform ist es, die Attraktivität des ländlichen Raums zu steigern“, sagte Vize-Präsident Leo Tiefenthaler im Namen des Präsidenten Andreas Schatzer und des gesamten Plattform-Ausschusses. „Im Vordergrund steht die Erhaltung der Lebensqualität in der Peripherie“, so Tiefenthaler. Derzeit sei die Arbeitsmarkt-Situation zwar gut und es gebe sogar einen Fachkräftemangel in vielen Bereichen, „aber diese Situation könnte sich auch ändern und wir tun gut daran, vorauszudenken und vorbeugend zu handeln.“ Neben dem Bauernbund und dem Gemeindenverband sind mittlerweile auch das Land, die Handelskammer, der HGV, der lvh, der Unternehmerverband, die Freiberufler, der Raiffeisenverband, der KVW, der Jugendring, der Verband der Seniorenheime (VdS) und die Kammer der Architekten Mitglieder der Plattform. 

Attraktive Berufsbilder

Die Tagung in Schlanders fand im Rahmen des Projekts ALPJOBS statt. Bei diesem Projekt, das in den EUSALP-Prozess (Makroregionale Strategie für den Alpenraum) eingebettet ist, geht es um das Aufzeigen von Trends im Arbeitsmarkt für Jugendliche und junge Erwachsene in benachteiligten Gebieten im Alpenraum zusammen mit Partnern aus dem Trentino, Tirol, der Schweiz und Slowenien. Mit konkreten Fakten und Befragungsergebnissen aus dem Vinschgau wartete Urban Perkmann vom Wirtschaftsforschungsinstitut der Handelskammer Bozen auf.

Die Schwächen

„Ein Abwanderungsgebiet ist der Vinschgau nicht mehr“, schickte Perkmann voraus. Die Bevölkerungsentwicklung aber war von 2005 bis 2015 im landesweiten Vergleich weniger dynamisch: landesweit gab es einen Zuwachs von 7,9%, im Vinschgau waren es nur 1,3%, wobei es innerhalb der Vinschger Gemeinden erhebliche Unterschiede gibt. Während etwa in Prad und Laas im genannten Zeitraum ein Zuwachs von je 5% zu verzeichnen ist, sank die Einwohnerzahl in den Gemeinden Stilfs und Schnals um jeweils 10%. Knapp ein Viertel der Vinschger Oberschüler pendeln derzeit nach Meran. Als Schwächen des Vinschgaus nannte Perkmann die unzureichende Erreichbarkeit, die nicht genügende Digitalisierung, die nicht zufriedenstellende Zusammenarbeit zwischen den Sektoren, z.B. zwischen Landwirtschaft und Tourismus, die Zentralisierung bzw. Reduzierung öffentlicher Dienste in den Bereichen Schule und Sanität, den Fachkräftemangel in vielen Sektoren, wobei zu wenige Jobs für Akademiker angeboten werden, und die mangelnden Sprachkenntnisse (Italienisch). Auch die Verschlossenheit der Gesellschaft wird als Schwäche genannt.

Die Stärken

Als Stärken wurden bei den Befragungen die starke Landwirtschaft genannt, der Tourismus, die familiengeführten Klein- und Mittelbetriebe, die gute berufliche Ausbildung, die internationalen Unternehmen, die geringe Arbeitslosigkeit, die Vinschger Bahn als Impulsgeber für die Region und das Innovations- und Gründerzentrum BASIS in Schlanders. Als große Wünsche kristallisierten sich unter dem Schlagwort „Silicon Vinschgau“ schnelles Internet sowie hohe digitale Kompetenzen bei den Unternehmen, der öffentlichen Verwaltung und den Bürgern heraus. Die Liste der Wünsche für eine ideale Arbeitsmarkt-Situation im Vinschgau umfasst auch ein gutes Bildungssystem, attraktive und gut bezahlte Arbeitsplätze, die Diversifikation der Wirtschaftssektoren, eine dynamische Bevölkerungsentwicklung, ein breites Angebot an öffentlichen Diensten, gute Verkehrsinfrastrukturen, hohe Lebensqualität und leistbares Wohnen. Um diesen Idealzustand zu erreichen, sind laut Perkmann vor allem folgende Maßnahmen notwendig: öffentliche Dienste vor Ort, Erhalt der Bildungsangebote, speziell der Oberschulen in Mals und Schlanders, Schaffung von Wohnraum, Erhalt des Krankenhauses, digitale Infrastrukturen sowie Ausbau des Eisenbahnnetzes in Richtung Schweiz bzw. Österreich. Ebenso seien lokale Kreisläufe zu stärken und die Region zu fördern, und zwar mit lokalen Arbeitsplätzen, lokalem Konsum und lokalem Angebot.

Die Jugend tickt anders

„Geld und Status sind für die Jugend zwar wichtig, aber nur mehr zweitranging. An erster Stelle werden Umwelt, Gesundheit und andere Werte stehen.“ So skizzierte Enrico Zuliani (HOPPE AG) den Wandel, der sich in der neuen Generation in der Einstellung zur Arbeit abzeichnet. Als derzeit größte Herausforderung für die Unternehmen bezeichnete er den Fachkräftemangel. Die HOPPE bräuchte zurzeit 40 Lehrlinge, finden könne sie nur 10. Um auf den Fachkräftemangel zu reagieren, sollten die Unternehmen ihr Profil vermehrt über die Social Media pflegen und die Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens vorstellen. Um den teils neuen Ansprüchen der neuen Generation gerecht zu werden, seien u.a. ein positives Arbeitsumfeld, eine kooperative statt konkurrierende Arbeitskultur sowie flexible Arbeitszeiten notwendig. Außerdem sollten Möglichkeiten geschaffen werden, um Berufliches mit Privatem zu verbinden. Wichtig seien auch Transparenz, Digitalisierung, professionelle Mitarbeiter-Führung sowie die Fähigkeit, mehrere Generationen zusammenarbeiten zu lassen. 

Neue Jobprofile

Über das Projekts ALPJOBS in Poschiavo (Puschlav), einer Gemeinde in Graubünden in der Schweiz, informierte Cassiano Luminati, Direktor des „Polo Poschiavo“. Vor allem in den Bereichen Innovation, duale Ausbildung und Bildung insgesamt sieht Luminati neue Chancen. In bestimmten Bereichen im Alpenraum fehle qualifiziertes Personal. Es gehe daher darum, die Zusammenarbeit zu fördern, Kompetenzen auszutauschen und territoriale Besonderheiten zu stärken. In Poschiavo sei dies zum Beispiel mit der Initiative „100% Bio Valposchiavo“ gelungen. Die Auswertung von Befragungen im Val Müstair in Graubünden hat laut Luminati u.a. ergeben, dass zu viel Subventionismus die Kreativität hemme.

„Magnet“ Schweiz

Bei der Diskussion und auch bei den Erfahrungs-Statements junger Vinschgerinnen und Vinschger (siehe eigenen Bericht) tauchte immer wieder ein Thema auf: viele Fachkräfte und Arbeiter aus dem Vinschgau pendeln wegen der hohen Löhne in die Schweiz. Es könne nicht angehen, dass Betriebe im Vinschgau Lehrlinge ausbilden und diese dann von der Schweiz „aufgesogen“ werden. Beanstandet wurde zudem, dass auch öffentliche Arbeitgeber Fachkräfte abziehen. Stefan Luther, Direktor des Landesamtes für Arbeitsmarktbeobachtung, wies diese Kritik zurück: „Die öffentlichen Arbeitgeber leiden genauso unter dem Fachkräftemangel wie die Privatwirtschaft.“ Zur Frage, wann endlich mit einer öffentlichen Lehrlings-Ausbildung zu rechnen sei, meinte Luther: „Die Einführung einer Lehre seitens der öffentlichen Hand ist längst überfällig, aber es hapert nach wie vor an den gesetzlichen Bestimmungen.“ 

„Home Office“

Als notwendigen dritten Entwicklungsschub für den Erhalt der Berglandwirtschaft nannte Bauernbundbezirksobmann Raimund Prugger nach der Wegeerschließung und der Elektrifizierung die Digitalisierung, sprich das schnelle Internet, damit sich auch das „Home Office“ (von zuhause arbeiten) etablieren kann. Er appellierte an die Landespolitik, die Gemeinden bei den hohen Ausgaben für den Bau der „letzten Meile“ des Breitbandnetzes finanziell zu unterstützen. Ein weiteres Thema waren die mangelhaften Italienisch-Kenntnisse im Vinschgau. „Der Großteil der Maturanten schreibt und spricht besser Englisch als Italienisch“, gab Siegmar Trojer zu bedenken. Der Landtagsabgeordnete Franz Locher lobte in seinem Statement die Bemühungen und Ziele der Plattform Land. Als wichtige Voraussetzungen für die Stärkung des ländlichen Raums nannte er u.a. leistbares Wohnen, gute Erreichbarkeit, eine Entbürokratisierung und höhere Löhne. „Wir haben derzeit viele unterbezahlte Jobs“, so Locher. Laut Moritz Schwienbacher, dem Präsidenten des Verbandes der Seniorenwohnheime Südtirols, ist der Fachkräftemangel auch im Bereich der Betreuung und Pflege der älteren Mitbürger zu spüren. Eine wohnortnahe Pflege und Betreuung sei speziell im ländlichen Raum zu gewährleisten. Neben Locher war auch die Landtagsabgeordnete Jasmin Ladurner aus Partschins zur Tagung nach Schlanders gekommen.

Josef Laner
Josef Laner
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