Hartwig Tschenett: Auf dem Weg zu Transparenz und Bürgernähe

„Wir müssen in der Energiepolitik mit einer Stimme sprechen“

Publiziert in 26 / 2010 - Erschienen am 7. Juli 2010
Stilfs – Bürgermeister Hartwig Tschenett ist als Gemeindepolitiker ein Routinier. Der geographisch „zweithöchste“ Bürgermeister des Tales ist seit 1990 ununter­brochen im „Geschäft“, zuerst als Rat, dann als Referent, von 2000 bis 2005 als Vizebürgermeister und wieder als gemeiner Rat. Er sitzt seit Mai 1300 Meter über dem Meer in einem bescheidenen und beengten Gemeindehaus, dessen Umbau wegen notwendigeren ­Projekten immer verschoben wurde. Hartwig Tschenett, der Lehrer für Deutsch, Geschichte und Erdkunde an der Mittelschule in Mals, hat mit einer Diplomarbeit über die „Ortlerfront im 1. Weltkrieg“ sein Geschichte­studium an der Universität Innsbruck abgeschlossen. „Der Vinschger“: Müssen Sie gerade Handbücher über den Nationalpark und über Verwaltungsangelegenheit lesen, statt ans Meer zu fahren? Hartwig Tschenett: Ja, ich bin dabei, mich einzuarbeiten und mich einzulesen (lacht und zeigt auf den mächtigen Stapel an Büchern, Zeitungen und Fotokopien im winzigen Bürgermeisterzimmer). Aber es ist längst losgegangen. Erst kürzlich war ich in der Bezirksgemeinschaft wegen des Stromes. Da ist auch der Park zur Sprache gekommen. Den Vorsitz im Park-Rat übernimmt schon wieder der Bürgermeister der Gemeinde Stilfs? Hartwig Tschenett: Das ist nicht gesagt; darüber muss noch gesprochen werden. Sie sind früher nie in Parkangelegenheiten einbezogen worden? Hartwig Tschenett: Nein, nie. Was war die allererste Handlung, als Sie ins Gemeindehaus eingezogen sind? Hartwig Tschenett: Ich habe am Tag nach der Wahl in der Schule von meinem Wahlsieg erfahren. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet. Die Freude war um so größer. Schon am 2. Tag haben wir „Bamlfest“ gehabt, bei den Drei-Brunnen in Trafoi, die Kinder der ganzen Gemeinde, Grund­schule und Kindergarten waren dabei. Das war richtig nett. Das hat große symbolische Bedeutung. Der neue Bürgermeister feiert in jener Frak­tion seinen Einstand, die als Sorgenkind der Gemeinde gilt. Hartwig Tschenett: (schmunzelt) Mein Vorgänger, Josef Hofer, war noch dabei. Er hat seines Amtes gewaltet. Gibt’s eigentlich Spielraum, anders zu verwalten als der Vorgänger inmitten der Sachzwänge? Wie will sich der Neue vom alten Bürgermeister unterscheiden? Hartwig Tschenett: Es gibt Unterschiede. Es muss mehr in Richtung Transparenz gehen, zu mehr Bürgernähe. Das war auch eines der Hauptargumente bei der Wahl. Wir werden Versammlungen einberufen und die Bürger und vor allem die Ratsmitglieder mehr einbeziehen. Im Rat ­sitzen viele Neue; neun Mitglieder sind zum ersten Mal dabei. Der Ausschuss ist ebenfalls erneuert und der Redakteur unserer Gemeindezeitung, Referent Hannes Hofer, hat in der letzten Nummer auch angekündigt, dass bei der Sitzung Ende Juli weitere Bereiche den einzelnen Gemeinderäten zugeteilt werden. Gibt es Bereiche oder Projekte, die man bisher vor sich hergeschoben und die nun einfach anzugehen sind? Hartwig Tschenett: Die gibt es. Dringend ist die Trinkwasserversorgung von Trafoi, wo wir unbedingt die Quellen sanieren müssen. Schon am Montag (5. Juli) habe ich die Umweltverträglichkeitsprüfung und im Herbst wollen wir die Arbeiten ausschreiben. Ähnlich ist es in Sulden; dort ist die Situation inzwischen unerträglich. In einem Hotel ist im Winter mehrmals das Wasser ausgeblieben. Dies müssen wir dringendst angehen. Und natürlich ­müssen wir die ­alten Sachen abschließen. Was wären alte Sachen? Hartwig Tschenett: Ein Teil der Ab­wasserleitung in Sulden. Dort sind wir gerade dabei. Was wir unbedingt angehen möchten, ist die Energie. Wir haben in der Gemeinde noch eine große Möglichkeit, das wäre der Flussabschnitt Sulden-Gomagoi. Doch es gibt Probleme. Es gelingt uns nicht, einheitlich aufzutreten. Wir haben in Sulden die Energiegenossenschaft, die das Fernheizwerk gebaut und bereits ein Projekt zur Energiegewinnung am Suldenbach eingereicht hat. Wenn es uns nicht gelingt, in Bozen als Gemeinde mit einer Stimme zu sprechen… (der Satz blieb unvollendet). Auf diese Situation hab ich erst kürzlich (30. Juni) bei einer Informationsversam­mlung in Sulden mit Reinhold Messner und dem vermutlichen Nachfolger von Walter Klaus, Werner Netzer, hingewiesen. In der Nutzung der Wasserkraft hat doch wohl der Park das entscheidende Wörtchen mitzureden. Hartwig Tschenett: Sicher. Es wird schwierig, aber es ist in den nächsten Jahren anzugehen. Es ist die einzige Möglichkeit, dass die Gemeinde an finanziellem Spielraum gewinnt. Und natürlich ist ein großes Anliegen auch der Neubau dieses Hauses (schaut sich skeptisch in seinem Büro um). Aber es wird sehr schwierig, haben wir doch so viele dringlichere Sachen zu erledigen. Trotzdem, wir denken nach, auch über den Standort, ob im Neu- oder im Altdorf. Ich glaube es ist notwendig, dass es hier bleibt, sonst stirbt das Dorf. Aber das entscheide ich nicht allein. Zurück zur Gemeinde Stilfs als geo­graphische Tatsache und den Fraktionen, die alle ihre spezifischen Anliegen und Probleme haben. Welches sind die Anliegen von Stilfs, Sulden und Trafoi… Hartwig Tschenett: …und vom Joch, von Gomagoi, Stilfserbrücke und den Höfen. Bei Stilfs angefangen ist das größte Problem wohl die Abwanderung. Hier müssen wir Schwerpunkte setzen. Positiv in Stilfs ist sicher das gut funktionierende Vereinsleben. Sulden hat seine Probleme mit der Tennishalle, ein Riesenproblem. Es steht fast immer leer. Trafoi steht und fällt mit dem Lift. Es schaut nicht schlecht aus. Das Joch wiederum ist in einer prekären Lage. Hier muss man auf den Ausbau der Straße hoffen. Vielleicht gelingt es mit dem Bau der Panoramastraße auch das Joch aufzuwerten und herzurichten. Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Bormio wird entscheidend werden. Gomagoi hat viele Betriebe; dort läuft‘s nicht schlecht. Es gibt aber zwei Objekte, die aufgewertet werden müssen, das Post-Hotel und die Festung. Für die Festung wird es im Zusammenhang mit der Panoramastraße eine Zweckbestimmung geben. Die 92 Einwohner von Stilfserbrücke, mehr als Gomagoi, haben praktisch nichts. Nicht einmal ein kleiner öffentlicher Platz lässt sich finden, um eine Sprechstunde abzuhalten. Die Schule ist bekanntlich verkauft worden. Ein Wort zum Lebenselixier der Gemeinde, zum Tourismus. Sie haben den Bereich auf mehrere Schultern verteilt. Die Referentin aus Trafoi, Manuela Angerer, hat ihn im Aufgaben-Bereich, ebenso wie Vizebürgermeister Franz Heinisch in Sulden und auch der Bürgermeister ist mit von der Partie. Müsste dieser entscheidende Wirtschaftszweig nicht absolute Chefsache sein? Hartwig Tschenett: Tourismus ist das, worin der Großteil der Bevölkerung beschäftigt ist und dort müssen wir in Zusammenarbeit mit allen, mit Seilbahnen, mit Reinhold Messner, einfach mit allen uns besser vermarkten. Da müssen wir als Gemeinde auch verstärkt einsteigen. Die Dreiteilung war von vielen Räten gefordert worden. Damit die Sitzungen, vor allem des Tourismusvereines – der ist ja mit dem der Gemeinde Prad in der Ferienregion zusammengeschlossen – immer auch von mehreren besucht werden können. Natürlich sind wir alle drei für den Tourismus in der gesamten Gemeinde zuständig und wir werden uns auch immer alle drei kurzschließen, wenn wichtige Sachen anstehen. Wie ist der letzte Stand der Mautfrage? Was tut sich in dieser Richtung? Hartwig Tschenett: Es tut sich was, wir wissen aber weder wann, noch genau wie. Das Konzept ist viel versprechend und gefällt mir gut. Übrigens es soll nicht Maut heißen, sondern es soll eine Art Eintrittskarte werden. Was mir noch fehlt, was mir zu wenig ist, ist die Einbindung von Taufers im Münstertal und von Bormio. Wichtig ist, dass man das Konzept des Norwegers Kjetil umsetzt und nicht von der Jochstraße Spondinig-Pass, sondern Spondinig-Bormio spricht. Das ist meine persönliche Meinung. Wenn dann der Gemeinderat anders entscheidet… Es ist alles nicht so einfach. Ich werde sicher in die Arbeitsgruppe gehen. Hat sich nicht Architekt Arnold Gapp mit der Panoramastraße intensiv befasst? Kann er sein Wissen mit einbringen? Hartwig Tschenett: Ich habe ver­sprochen, ihn jedesmal einzubeziehen. Außerdem hoffe ich, dass er in die Baukommission geht. Noch ein Wort zum Park. Wie wird er von den Stilfsern empfunden? Als Hemmschuh wie in Martell? Hartwig Tschenett: Nicht so negativ. Es ist einiges erreicht worden fürs Dorf. Natürlich ist auch bei uns die Jagd ein ­Thema. Es gibt Dinge, die der Bevölkerung auf dem Magen liegen. Übrigens. Wo fängt eigentlich die Gemeinde­ Stilfs an, wenn man von Prad kommend Richtung Gomagoi fährt? Hartwig Tschenett: Draußen bei der kleinen Galerie. (Bürgermeister Tschenett machte sich eine Notiz: Ortsschild auf­stellen!). Interview Günther Schöpf
Günther Schöpf
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Vinschger Sonderausgabe

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