Heinrich Noggler: Mit Tatendrang ins kalte Wasser

„Zusammenschluss Schöneben-Haideralm muss kommen“

Publiziert in 25 / 2010 - Erschienen am 30. Juni 2010
Graun – 7 neue Bürgermeister bescherte uns der Wahltag am 16. Mai 2010. Eineinhalb Monate nach dem politischen Wirbelsturm, der von Graun bis Partschins durch das Tal fegte, haben sich die 7 Neuen schon mehr oder weniger eingearbeitet. Mit viel Tatendrang und neuen Ideen geht der neue ­Grauner Bürgermeister Heinrich Noggler zu Werk. Er ist der Erste, mit dem „Der Vinschger“ im Zuge einer Interview-Serie, bei der alle neuen Bürgermeister zur Wort kommen sollen, ein Gespräch geführt hat. Heinrich Noggler wurde mit 822 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Sein Mitbewerber Franz Prieth, der im Ausschuss mitarbeitet, kam auf 576 Stimmen. Besonders wichtig sind für Heinrich Noggler der Zusammenschluss der Skigebiete ­Schöneben und Haideralm sowie die Suche nach einer Lösung für das desolate Hallenbad in Graun. Zur Energiepolitik hält er fest, „dass der Vinschgau weiterhin gemeinsam vorgehen soll, auch wenn es möglicherweise zu einem Richtungswechsel kommt.“ „Der Vinschger“: Wie war der Umstieg von der Schulwelt in die Gemeindeverwaltung? Heinrich Noggler: So ganz verabschiedet habe ich mich von der Schulwelt noch nicht. Ich wollte meine Schüler, die ich seit vier Jahren begleitet habe, nicht im Stich lassen und deshalb führe ich sie auch noch durch die Abschlussprüfungen, die allerdings in diesen Tagen enden. Den Einstieg in die Gemeindeverwaltung empfand ich schon ein bisschen wie einen Sprung ins kalte Wasser. Mittlerweile habe ich mir aber einen Überblick verschafft. Sehr zugute kommen mir dabei meine 10-jährige Tätigkeit als Sekretär der Fraktionsverwaltung St. Valentin, sowie der Gemeindesekretärslehrgang mit anschließendem Praktikum und mein Wirtschaftsstudium. Also schon alles im Griff im Rathaus? Heinrich Noggler: Mehr oder weniger ja. Die Arbeit jedenfalls ist sehr interessant und abwechslungsreich. Als Verwalter haben wir derzeit mit einer Vielzahl von Projekten und Vorhaben zu tun, die abzuschließen oder weiterzuführen sind. Sehr hilfreich ist uns das gesamte Mitarbeiterteam im Rathaus. Neue Ideen werden wir aber in nächster Zukunft mit Sicherheit andenken. Inwiefern unterscheidet sich Ihr Politikstil von dem Ihres Vorgängers Albrecht ­Plangger? Heinrich Noggler: Für mich steht eine bürgernahe Politik ganz oben auf der Liste der Aufgaben, die ich mir als Bürgermeister auferlegt habe. Die Bürger sollen in aus­reichendem Maß die Möglichkeit haben, mit mir und allen anderen Verwaltern zu reden. Die Leute sollen grundsätzlich mehr mit einbezogen und im Falle von Großprojekten auch befragt werden. Sie sollten zudem auch laufend informiert werden, um somit auch eine Transparenz zu gewährleisten. Sind Sie Vollzeitbürgermeister und haben schon vor der Wahl versprochen, regelmäßig Sprechstunden in allen Dörfern abzuhalten. Wann treffen Sie die Bürger wo an? Heinrich Noggler: Im Rathaus in Graun habe ich jeden Dienstag von 8.30 bis 10.30 Uhr Sprechstunde. Die genauen Zeiten für Reschen, St. Valentin und Langtaufers sind noch festzulegen, jedenfalls werde ich in allen Dörfern einmal im Monat anzu­treffen sein. Auch die Sprechstunden der Referenten stehen fest. Meine Stellvertreterin Karoline Gasser Waldner ist jeden Dienstag von 8 bis 9 Uhr im Rathaus anzutreffen, ­Peter Eller und Franz Prieth jeden Dienstag von 16.30 bis 17.30 Uhr und Thomas Santer jeden Montag von 8 bis 9 Uhr. Welches sind die häufigsten Anliegen, mit denen die Bürger zu Ihnen kommen? Heinrich Noggler: Das sind meistens alltägliche Probleme, die für die einzelnen Bürger jedoch sehr wichtig sind und egal womit die Bürger an mich herantreten – meine Aufgabe ist es, ihnen so gut wie möglich zu helfen. Der „Abi“ war doch ein politisches Schwergewicht in der Gemeinde und darüber hinaus. Empfinden Sie das irgendwie als Hemmschuh oder als Bereicherung? Heinrich Noggler: Weder das eine noch das andere. Albrecht Plangger ist seit kurzem der neue Obmann des Vinschger Energie­konsortiums VEK. In Energiefragen und speziell in „Stromsachen“ verfügt er über ein Wissen wie kaum ein Zweiter. Wo stehen Sie in der Energie-Frage? Heinrich Noggler: Das Know-how, über das Albrecht Plangger verfügt, sollte auf keinen Fall verloren gehen. Ich hoffe und wünsche mir, dass er uns als Gemeinde und dem ganzen Vinschgau als Berater erhalten bleibt. Die Einstellung von Plangger und seinen Mitstreitern der SEL und den Bozner „Strompolitikern“ gegenüber ist ebenso bekannt wie der Zusammenhalt der bisherigen Vinschger Bürgermeister in dieser Frage. Werden auch Sie diese Linie weiterfahren oder beginnt diese Front nun zu bröckeln? Heinrich Noggler: Für mich ist in erster Linie wichtig, dass der Vinschgau weiterhin zusammensteht, wie immer auch die künftige Haltung zu diesem Thema sein wird. Niemand kann vorgeben, dass an der bisher eher SEL-feindlichen Linie ohne Wenn und Aber festzuhalten ist. Es könnte auch in eine andere Richtung gehen. Wir werden uns als Bürgermeister absprechen und vereinbaren, was und wohin wir wollen. Für mich ist wichtig, dass wir alle denselben Weg gehen. Womit haben Sie zurzeit am meisten ­Bauchweh? Heinrich Noggler: Mit zwei Vorhaben, die in der Gemeinde Graun schon lange im Raum stehen, für die aber bisher noch nicht endgültige Nägel mit Köpfen geschlagen wurden. Weder beim Zusammenschluss der Skigebiete Schöneben und Haideralm noch bei der Hallenbad-Frage ist es unter der früheren Verwaltung zu einem wirklichen Durchbruch gekommen. Aber ihr Vorgänger Albrecht Plangger hat sich sehr wohl für einen Zusammenschluss der zwei Skigebiete im Oberland eingesetzt. Heinrich Noggler: Eingesetzt schon, so richtig aber erst während des letzten Verwaltungsjahres. Wobei aber bis heute noch keine endgültige Lösung auf dem Tisch liegt. Wie steht es zurzeit um den Zusammenschluss? Heinrich Noggler: Eine entscheidende Grundlage für die weitere Entwicklung sehe ich im Schreiben, das die Landesregierung noch kurz vor den Wahlen dem Bürgermeister Albrecht Plangger geschickt hat. Darin unterstreicht der Landeshauptmann Luis Durnwalder, dass das Land bereit ist, für den Zusammenschluss den höchstmöglichen Beitrag, also 75 % der Kosten, zu tragen, allerdings unter der Voraussetzung, dass der Zusammenschluss von allen Beteiligten gewollt und befürwortet wird und dass es zu einer gemeinsamen Führung der Skigebiete kommt. Bei der Haider Alm AG hält die Gemeinde mit 59,89 % die Mehrheit der Gesellschaftsanteile, bei der Schöneben AG steht sie „nur“ mit 25,44 % in der Tür. Glauben Sie, dass beide Gesellschaften voll hinter einem Zusammenschluss stehen, und noch wichtiger, wird auch die Gemeinde finanziell einspringen? Heinrich Noggler: Natürlich müssen vorab die Gesellschaften entsprechende Be­schlüsse fassen. Im Hinblick darauf werde ich demnächst mit den zwei Präsidenten ­Oswald Folie (Schöneben) und Hans Sprenger (Haideralm) eingehende Gespräche führen. Grundsätzlich soll es darauf ­hinauslaufen, dass ein skitechnischer Zusammenschluss und eine gemeinsame Führung zustande kommen. Das Land ist bereit, die kostengünstigste und umweltschonendste der drei vorliegenden Zusammenschluss-Varianten mitzufinanzieren. Wir als Gemeindeverwaltung wollen hier eine aktive Rolle übernehmen und werden im Rahmen unserer Möglichkeiten auch Geldmittel aus dem Haushalt der Gemeinde bereitstellen. Was bringt so ein Zusammenschluss? Heinrich Noggler: Unheimlich viel. Zum einen würden Kosten gesenkt und zum anderen würde im Oberland ein großes, attraktives und konkurrenzstarkes Skizentrum entstehen. Angebote, mit denen Skigebiete dieser Größenordnung aufwarten können, werden vor allem von den Gästen sehr geschätzt. Ich betreibe zusammen mit meiner Frau einen kleinen Beherbergungsbetrieb und beobachte immer wieder, wie sehr die Gäste die Abwechslung und die Vielfalt an Angeboten lieben. Einmal fahren sie auf die Haideralm, einmal besuchen sie Schöneben und an einem anderen Tag ­fahren sie nach Nauders. Mir schwebt sogar vor, in Zukunft möglicherweise auch den Watles mit einzubinden oder gar Nauders. Mit Nauders gibt es bislang lediglich einen Skikarten-Verbund. Und was ist mit dem Kleinskigebiet ­Maseben in Langtaufers? Bisher hing der Weiterbestand zum Großteil am Einsatz von Hansi Klöckner, doch der Hansi ist auch nicht mehr der Jüngste. Heinrich Noggler: In Langtaufers ist die Gemeinde nicht mehr selbst beteiligt. Natürlich sind wir bestrebt, dass auch Maseben weiterlebt und es sollte nach Möglichkeit in eine zukünftige gemeinsame Gesellschaft miteingebunden werden. Eine Alternative sehe ich auch darin, Langtaufers als Wintersportort unter dem Vorzeichen eines sanften Tourismus zu fördern. Um vom Winter auf den Sommer zu wechseln: Wann öffnet das Freibad in Graun die Tore und was ist mit dem Hallenbad? Heinrich Noggler: Mit diesen zwei Strukturen liegt es schon seit langer Zeit im Argen. Obwohl die Gemeinde bereit ist, die Freibadbar kostenlos zu verpachten, hat sich bisher noch kein Pächter gefunden. Es stellt sich hier grundsätzlich die Frage, ob ein Freibad auf 1.500 Metern Meereshöhe sinnvoll ist. Das Freibad öffnet gegen Ende Juni seine Tore. Das Hallenbad befindet sich in einem desolaten Zustand. Wir wissen als Gemeindeverwalter selbst nicht, wohin wir uns bewegen sollen. Das ist auch der Grund dafür, dass ich höchstwahrscheinlich eine Volksbefragung zu diesem Thema in die Wege leiten werde. Möglichkeiten gibt es mehrere. Eine Auflassung ist ebenso denkbar wie eine Sanierung oder eine Zusammenarbeit mit der Gemeinde Mals bezüglich der Nutzung des dortigen Hallenbades. Die Finanzierung und Führung eines öffentlichen Hallenbades in Graun dürfte aber auf jeden Fall schwierig werden, nicht zuletzt auch deshalb, weil erst in letzter Zeit ­mehrere Großbetriebe im Gemeindegebiet private Hallenbäder mit Sauna-Einrichtungen für die Gäste gebaut haben. Bis dieses Problem gelöst ist, wird wohl noch einiges Wasser die Etsch hinunter fließen. Gibt es Vorhaben in der Gemeinde, die weniger problematisch sind? Heinrich Noggler: Solche Vorhaben gibt es einige. Ich nenne etwa die dringend notwendige Sanierung und Erweiterung der Mittelschule in St. Valentin. Es handelt sich immerhin um ein Projekt mit Gesamt­kosten von ca. 3 Millionen Euro. Den Zuschlag der Arbeiten hat die Firma LEA Costruzioni aus Bozen erhalten. Es war aufgrund der neuen Ausschreibungsbestimmungen leider nicht möglich, heimischen Unternehmen den Vorzug zu geben. Ich hoffe, dass die Arbeiten in ca. einem Monat beginnen können. Als Ausweichquartier für die 6 Schulklassen werden für 2 Jahre Container angemietet, einige Spezialräume (Werkraum, Kunstraum, Ausweichraum) werden in den Räumen des Vereinshauses untergebracht. Geplant sind in St. Valentin auch Maß­nahmen zur Sanierung der Pfarrkirche. Wir beginnen nun mit der Neugestaltung des Außenbereichs und der Schaffung eines behindertengerechten Zugangs. Einen solchen gibt es bis heute nicht. Und was tut sich in den Dörfern Graun und Reschen? Heinrich Noggler: Ein großes Anliegen in Graun ist uns unter anderem die Sanierung und Aufwertung des Museums. Es ist höchst notwendig, denn seit einiger Zeit kommt es sogar zu Wassereinbrüchen. Die Sanierung des Friedhofs in Graun steht ebenfalls an. Weiters soll in Graun ein Betriebsgründerzentrum entstehen. Rundum aufwerten, nicht zuletzt auch für touristische Zwecke, möchten wir das Areal im Bereich des alten Grauner Kirchturms. Hier liegt noch viel Potential verborgen. Schöner und ein­ladender gestalten werden wir auch das ­Areal an der Grenze in Reschen sowie sämtliche Ortskerne. Dies alles darf auch als erster Schritt im Hinblick eines Tourismuskonzeptes angesehen werden, das wir auf Gemeindeebene auf den Weg bringen möchten. Wir denken an die Aufwertung unserer Seen und an viele weitere Maßnahmen. In diesem Zusammenhang nenne ich auch das bereits initiierte Interreg-Projekt, das eine Sanierung und touristische ­Nutzung der ­historischen Grenzbefestigung im Dreiländer­eck Italien-Österreich-Schweiz vorsieht. In unserem Gemeindegebiet geht es um die Panzersperre Plamort und um Bunker­anlagen in Reschen. Die richtige Etschquelle zum Beispiel befindet sich in einem unter­irdischen Stollen. Dieser Stollen soll künftig zugänglich und die Quelle einsehbar gestaltet werden. Was in Reschen noch ansteht, ist die Sanierung und Erweiterung der Feuerwehrhalle. Was dürfen sich die Langtauferer von der neuen Gemeindeverwaltung erwarten? Heinrich Noggler: Bei der Erlebnisschule, die für das Tal sehr wichtig ist und die heuer das 10-jährige Bestehen feiert, wird der Außenbereich neu gestaltet. Bestrebt sind wir weiters, die Sanierung bzw. Erweiterung des Vereinshauses in Pedroß voranzutreiben. Allerdings müssen wir schauen, ob die Geldmittel reichen. Neu entstehen soll in Langtaufers ein Gletschersteig in Form eines Spazierweges von Maseben bis zur Weißkugelhütte. In Ihrer Gemeinde gibt es 4 Dörfer. In früheren Zeiten kam es nicht selten zu Rivalitäten. Ist ein bestimmtes Kirchturmdenken immer noch zu verspüren? Heinrich Noggler: Zurzeit ja, aber wir werden uns als Verwalter bemühen, dieses Denken möglichst auszuräumen. Der Zusammenschluss der Skigebiete könnte auch in diesem Sinn richtunggebend sein. Wie stark werden die Gemeinderatsmitglieder in die Arbeit miteinbezogen? Heinrich Noggler: Es ist mir ein großes Anliegen, dass sie sich möglichst aktiv einbringen. Ich habe bereits mit allen Räten meiner Partei und dem Fraktionssprecher der Freiheitlichen Einzelgespräche geführt. Vor allem in Arbeitsgruppen, die wir je nach Bedarf einsetzen möchten - ich denke etwa an die Themen Hallenbad, Verkehr oder Soziales - sollten Ratsmitglieder mitarbeiten. Ein Problem ist allerdings, dass der Arbeitswille ziemlich rasch nachlässt, wenn man einzig und allein die Spesen vergütet bekommt. Waren Sie schon einmal in aller Herrgottsfrüh beim Landeshauptmann? Heinrich Noggler: Einen „Bittgang“ machte ich noch nicht, vorletzte Woche war ich aber zu normalen Bürozeiten bei ihm, um meine Unterschrift für den Übergang eines Gehsteigstreifens in Reschen vom Land an die Gemeinde zu setzen und um den Landeshauptmann um eine finanzielle Unterstützung für ein Lawinenverbauungsprojekt in Rojen zu bitten. Interview: Sepp Laner
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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