Die Wege zum Gipfelkreuz

50 Jahre Gipfelkreuz auf der Königspitze

Publiziert in 22 / 2008 - Erschienen am 11. Juni 2008
Wegkreuze, Wetterkreuze, ­Gipfelkreuze. Gar einige von ihnen blinken von den Gipfeln herab, zeigen den höchsten Punkt der Erhebung an, sind optische Motivatoren für bereits müde Bergsteiger. Die Tradition der Gipfelkreuze ist jung. Erst seit dem 19. Jahrhundert, seitdem die Berge häufiger bestiegen werden, mehren sich die Gipfelkreuze. Heuer jährt sich zum 50. Mal die Errichtung des Gipfelkreuzes auf der Königspitze, dereinst organisiert von der AVS-Sektion Vinschgau. Warum wurde es, verbunden mit viel Aufwand und Mühe, aufgestellt? Die Zeitzeugen Friedl Tumler, Hermann Höller, Arnold Stecher und Hans Wielander kennen keine eindeutige Antwort darauf. Was drückt das Kreuz aus? Gelegenheit, einen kurzen Blick in die Vergangenheit zu werfen und ein Stück Alpingeschichte neu aufzurollen. von Andrea Kuntner Josef Gluderer aus Schlanders, einer der Initiatoren, erinnert sich an zwei Holzlatten, die auf 3.854 m Höhe lieblos herumlagen. Vielleicht wurden sie von Alpini-Soldaten zurückgelassen, aber genau wissen es die Zeitzeugen nicht. Der AVS-Ausschuss der Sektion Vinschgau, damals noch ein Großverein mit Mitgliedern aus Latsch, Schlanders, Laas, und Prad, entschied sich dafür ein neues Gipfelkreuz auf der Königspitze zu errichten. Es stellt sich die Frage, warum? Die Beziehung der Mittelvinschger zu den Suldnern war keine besondere, auch steht der „Kini“ nicht vor ihrer Haustüre. Eine erste Erklärung böte die Religion. Einen „Herrgott“ findet man in beinahe jeder Stube eines Südtiroler Hauses. Ein Symbol der Anwesenheit eines gläubigen Christen, denn das Kreuz ist ein christliches Symbol, Christus wurde gekreuzigt. „In der Bibel steht der Berg für einen Ort der Gottbegegnung“, erklärt Dekan Josef Mair, denn der Berg ist ein Geschöpf Gottes. Der vertikale Balken soll die Verbindung zwischen Himmel und Erde, die Horizontale die Verbindung zwischen den Menschen darstellen. Damit erklärt sich, warum sich viele Menschen am Gipfel, beim Kreuz, dem Himmel und damit Gott näher fühlen, spannt sich nichts als die blaue Unendlichkeit über sie. Am frühen Morgen des 27. Juli 1958 brechen an die 40 Menschen von der Schaubachhütte auf, um die zehn Holzteile aus „Zirm“ auf den Gipfel zu tragen. Walter Hell, Mitglied der AVS-Sektion, schreibt später in sein Tagebuch: „Das Wetter verspricht nicht viel. Die Verhältnisse sind günstig. Das Kreuz ist wuchtiger und größer als das am Ortler, es kann jedoch nicht am höchsten Punkt aufgestellt werden“. Trotz des Massenaufgebotes kommt niemand zu schaden, ergänzt er später. Über das Warum liefern auch die Aufzeichnungen keine Antwort. Olaf Reinstadler, Bergführer und Chef der Bergrettung Sulden, versucht das Ganze nüchtern zu sehen, obwohl Unverständnis in seiner Stimme mitschwingt. Das alte Kreuz sei einfach durch ein neues ersetzt worden. Beinahe so wie heute, wo alljährlich Gipfelbücher verschwinden, „kamen“ und „gingen“ die Kreuze früher. Mittlerweile steht ein Metallkreuz am König, vermutlich von den Bergführern aus Bormio errichtet. Die Suldner wissen es nicht so genau, sie wurden noch nie gefragt. Wem also gehört die Königspitze? Den Schlandersern? Den Suldnern? Den Bormiesern? Ähnliches geschah bei der Errichtung des Gipfelkreuzes auf dem Ortler, der ebenfalls von der AVS-Sektion Vinschgau zwangsbeglückt worden war. „Das alte Kreuz blieb oben liegen und diente noch über Jahre als Sitzgelegenheit“, weiß Olaf Reinstadler aus Erzählungen. Eine wenig rühmliche Funktion für ein Gipfelkreuz. 2004, zum 200-Jahr-Jubiläum der Erstbesteigung, wurde das Kreuz auf Suldner Initiative restauriert, u. a. vom damaligen Schmied aus Schlanders, Max Wieser. Es steht noch, denn es wurde nach der Restaurierung wieder hinauf geflogen. Zurück zur Warum-Frage der Gipfelkreuze. Betrachtet man die Liste der Gipfelstürmer genauer, könnte man auch einen politischen Zugang zur Gipfelkreuz-Frage finden: Nach verlustreichen Jahren im Zweiten Weltkrieg, fern der Heimat, wuchs die Heimatliebe. Sind die Gipfelkreuze also ein Ausdruck des Patriotismus, eine trotzige Geste der Heimatliebe? Nicht fremd ist den Suldnern der Vorwurf, den Italienern zu nahe zu stehen. Gemeint ist u. a. die Dominanz des Club Alpino Italiano im Tale, unter dessen Fittichen die Düsseldorfer Hütte, die Schaubach- und die Payerhütte noch heute stehen. Ein „Tiroler“ Gipfelkreuz wäre der Ausgleich zum Ungleichgewicht im Tale. Typisch für Südtirol hallte ein Schrei der Entrüstung durchs Land, als sich 2005 Extrembergsteiger Reinhold Messner kritisch zur Errichtung neuer Gipfelkreuze äußerte. „Nicht auf jedem Berg und jedem Hügel muss ein Kreuz stehen“, sagte Messner damals, denn Gipfelkreuze seien kulturhistorisch eine „junge“ Erscheinung. In dieselbe Kerbe schlägt Kulturjournalist Hans Wielander. Vor fünfzig Jahren war er selbst bei der Einweihung des Gipfelkreuzes am König dabei, jedoch betrachtet er das Thema aus einer anderen Warte. In vielen Kulturen glauben die Menschen, dass die Berge der Sitz der Götter seien. Ein Relikt heidnischer Zeit. „Bei uns hießen die Berggeister Orken, davon kommt auch der Name Orgelspitze (Laaser Spitze). Mit dem Kreuz hat der Mensch versucht den Berg und die Natur in seinen Besitz zu bringen, versucht, das Heidentum zu christianisieren“, resümiert Wielander. Er sieht die Gipfelkreuze als Ausdruck falsch verstandener Religiosität. Nicht auf jedem Berg steht ein Kreuz. Und manches gut verankerte Gipfelkreuz wurde durch Blitzschlag von seinem Thron gestoßen, wie jenes der Tschenglser Hochwand 1995. Die Natur lässt sich planieren, begradigen und zubetonieren, doch besitzen werden wir Menschen sie nie. Und das ist gut so. Gipfelkreuz-Geschichte(n) Hermann Höller ist sich sicher: „Es war 27. Juli 1958“. Damals machten sich an die 40 AVS-Mitglieder aus dem Mittelvinschgau auf den Weg nach Sulden, quartierten sich in der Schaubachhütte ein und marschierten im nächsten Morgengrauen gen Königspitze. Als einer der letzten erreichte Josef Kuen den Gipfel, er hatte ein vergessenes Holzteil unter der Treppe der Schaubachhütte gefunden und hinterher getragen. Einer der Köpfe des Projektes war Walter Hell, Gründungsmitglied des AVS Vinschgau. 1951 heiratete er Waltraud Bernhard. Ihre Flitterwochen verbrachten die beiden Bergbegeisterten im Hotel Zebru in Sulden, die „Hochzeitsreise“, so erzählt Waltraud Hell heute noch schmunzelnd, führte sie auf die Königspitze. Im Gepäck ein Zelt, das sie nach ihrer Ankunft am Gipfel aufstellten um darin Tee zu kochen. Ganz so zuvorkommend wurden die Frauen, die bei der Einweihung des Gipfelkreuzes 1958 dabei waren, nicht behandelt. Elisabeth und Hermine Rechenmacher sowie Traudl Schgör mussten während der Einweihungsfeier durch Kooperator Peter Pöder das Gletscherplateau räumen und sich weiter unten, außer Hör- und Sehweite, niederlassen. Erst nach der Messe wurden sie wieder hinaufgebeten, erinnern sich Hermann Höller und Arnold Stecher. Des Königs Geschichte In Nebel hüllt sich die Geschichte rund um die Erstbesteigung der Königspitze. So gibt es Hinweise, dass der Mönch Stephan Steinberger aus Bayern um 1854 die Spitze des Königs über die Südwest-Flanke erklomm. Ins Gästebuch des Gasthofs Eller eingetragen haben sich hingegen die Bergsteiger Francis Fox Tuckett und Eduard N. Buxton, die gemeinsam mit ihren Zermattern Bergführern Michel und Franz Biner am 3. August 1864 über den Normalweg auf der Königspitze standen. Zahlreiche weitere Erstbegehungen folgen in den 130 Jahren bis heute. Insgesamt führen über zwanzig Anstiege zum Gipfel. Die letzten Varianten wurden 1991 von den Bergführern Kurt Ortler und Josef Plangger bestiegen und tragen exotische Namen wie „Lambada“ und „Hawai“. Nach wie vor eine konditionell sowie technische Herausforderung ist die Durchsteigung der bis zu 75 Grad steilen, über 1000 m hohen Nordwand. Sie ist nämlich keine reine Eiswand, sondern bewegt sich im kombinierten Gelände zwischen Fels und Eis. Leider wird der ideale Zeitraum für ihre Durchsteigung immer kürzer, als Folge des Temperaturanstiegs. „Schwierigkeiten bereitet vor allem die Randspalte beim Einstieg“, erklärt Olaf Reinstadler.Sieben Routen führen durch sie hindurch, tragen Namen wie Ertlweg, Aschenbrennerführe, Minigerode-Rinne oder Thomas-Gruhl-Gedächtnisführe. Nicht vergessen werden darf der Direktanstieg über die „Schaumrolle“ von Kurt Diemberger, Hannes Unterweger und Herbert Knapp im Jahre 1956. Eine besondere Leistung auf einem besonderen Naturphänomen. Die Gipfelwächte brach 2001 krachend zu Tal. Unfälle Einer der negativen Höhepunkte der Suldner Bergrettungsgeschichte war der 11. August 1997. Damals kamen aufgrund widriger Witterungsverhältnisse innerhalb weniger Stunden insgesamt sieben Menschen an der Königspitze, Normalweg, ums Leben. Es war dies eine Viererseilschaft von Berufsfeuerwehr-Männern aus Reggio-Emilia sowie der Bergführer Hermann Pinggera gemeinsam mit seinen beiden Gästen, Elke Ruf und Gabriele Lackner. Olaf Reinstadler beobachtet seit Ende der 1980er Jahren eine Häufung von Unglücksfällen mit stets mehreren Todesopfern, vorwiegend auf dem Normalweg. Da das Seil beim Aufstieg durch den Zick-Zack-Kurs nicht ständig straff gehalten werden kann, hat ein Sturz meist schreckliche Folgen. Deshalb haben sich die Bergführer entschieden über das mit neuen Sicherungshaken versehene Königsjoch, vulgo „Kinimandl“, aufzusteigen und mit dem Gast am straffen Seil die Gletscherfelder zu queren. Tragisch ist die Geschichte zweier Nordwand-Besteiger. 1993 durchstieg ein Tscheche mit seinem Kameraden die steile Wand und befand sich auf dem Rückweg als er in eine Gletscherspalte fiel und verstarb. Fatal war die Entscheidung Peter Lechners sieben Jahre vorher. Nachdem das Wetter sich verschlechtert hatte, entschied er sich über die Nordwand abzusteigen. Er wurde von einem Stein getroffen und verstarb. Wäre er aufgestiegen, hatte diese Gefahr nicht bestanden.
Andrea Kuntner
Andrea Kuntner
Vinschger Sonderausgabe

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