„Im Stall bin ich der Florian“
Sonst immer der „Herr Pfarrer“
Florian Öttl: „Wenn ich bei den Ziegen bin, gewinne ich Abstand und schöpfe neue Kraft.“

5.000 „Schäfchen“ und 13 Ziegen

Pfarrer Florian Öttl hat ein besonderes Hobby, um Kraft und Abstand von der vielen Arbeit zu gewinnen.

Publiziert in 39 / 2019 - Erschienen am 12. November 2019

Stilfs - Sie kennen ihn und er kennt sie. 13 Ziegen warten jeden Morgen und jeden Abend in einem Stall oberhalb der Pfarr-
kirche von Stilfs auf Florian Öttl. Er füttert sie und manchmal redet er auch mit ihnen. „Sie fühlen genau, ob man gut oder schlecht aufgelegt ist“, weiß Florian Öttl. Er ist Pfarrer. Zusätzlich zu Stilfs mit Gomagoi, Sulden und Trafoi ist er seit dem 1. September 2017 auch Pfarrer von Prad-Agums und Pfarrseelsorger von Lichtenberg. Er hat somit insgesamt rund 5.000 „Schäfchen“ zu betreuen. Das Halten der Ziegen sieht er nicht als zusätzliche Arbeit, sondern als eine gute Möglichkeit, Abstand von der Arbeit als Pfarrer zu gewinnen, Kraft zu schöpfen und neue Bodenhaftung zu bekommen. „Im Stall bin ich der Florian, sonst nennt man mich immer ‚Herr Pfarrer’“, bringt er es selbst auf den Punkt. Er ist auf einem Bauernhof am Mörrerberg in St. Leonhard in Passeier aufgewachsen und sozusagen mit dem Vieh groß geworden. Er war vor seiner Studienzeit auch für mehrere Sommer Hirte auf Almen. Mit dem Halten von Ziegen in Stilfs hat er im Herbst 2002 begonnen, „nachdem man mir die Stelle als Religionslehrer gestrichen hat“. Dass er sich für Passeirer Gebirgsziegen entschieden hat, liegt angesichts seiner Herkunft auf der Hand. Zusätzlich zu den 13 Ziegen versorgt er auch einen Ziegenbock, den ihm sein Bruder, der den Heimathof am Mörrerberg bewirtschaftet, geliehen hat. Hinzu kommt noch ein Stierkalb, das Florian u.a. mit Ziegenmilch mästet. Auch er selbst trinkt Ziegenmilch. Abgesehen von der Arbeit im Stall rückt Florian auch selbst mit der Sense aus und trägt das Heu für seine Ziegen in den Stadel. 

„Körperliche Arbeit tut gut“

Die körperliche Arbeit tue ihm gut. Im Sommer begleitet er die Ziegen auf die Wiesen und Weiden und holt sie abends wieder heim: „Manchmal sitze ich eine Stunde lang auf der Wiese bei den Ziegen. Mein Kopf wird frei und ich finde Ruhe.“ Auch zu einer Besserung seiner gesundheitlichen Probleme hat das Halten der Ziegen beigetragen: „Ich leide unter zu hohem Blutdruck und muss seit 2000 Pillen einnehmen.“ Wenn er mit den Ziegen beschäftigt ist, besonders bei den Ausgängen im Sommer, „verleiht mir das Kraft für meine Arbeit als Pfarrer und Seelsorger.“ Besonders wichtig sei es, Abstand zu gewinnen, „Abstand im Kopf, Abstand vom Stress, von Sitzungen und von zu viel geistiger Beschäftigung.“ Florian Öttl macht keinen Hehl daraus, „dass auch ein Priester an seine Grenzen stößt, wenn er zum Beispiel an einem Tag drei oder mehr Messfeiern zelebrieren muss.“ Er kennt dieses Problem aus eigener Erfahrung, denn wenn im Sommer auch die Wallfahrtskirche in Trafoi geöffnet ist, „kann ganz schön viel zusammenkommen.“

Ausgleich und Kraftquelle

Er für seinen Teil finde in der Ziegenhaltung den notwendigen Ausgleich und die willkommene Kraftquelle: „Was kann man sonst tun? Noch mehr arbeiten bis hin zum Burn-out? Oder auf Umwege geraten oder sich in Bürokratie und Verwaltungsarbeit stürzen?“ Mit „Umwegen“ meint Florian Öttl u.a. zu viele Gasthausbesuche, „obwohl es sicher nicht so ist, dass ich in kein Gasthaus gehe.“ Mit seinen Ansichten hält Pfarrer Florian Öttl auch der Diözese gegenüber nicht hinter dem Berg. Was manchmal verkannt bzw. zu wenig beachtet werde, sei die Realität vor Ort, etwa auch im Zusammenhang mit der Errichtung von Seelsorgeeinheiten. Gehorsam seit schon gut und recht, aber es müssten auch die jeweiligen Besonderheiten und menschlichen Bedürfnisse der Pfarrer berücksichtigt werden. Wäre es nach dem Wunsch der Diözese gegangen, hätte Florian Öttl im Zuge der Errichtung der Seelsorgeeinheit Ortler-Gebiet ständig im Widum in Prad „residieren“ sollen. „Offiziell bin ich jetzt schon in Prad, aber ich wohne zum Teil auch hier im Widum in Stilfs“, so Florian Öttl. Man hätte ihm sogar in Prad einen Stall für seine Ziegen angeboten, „aber die Tiere sind hier in Stilfs besser aufgehoben.“ Im Vergleich zum Durchschnittsalter der Priester in Südtirol ist Florian Öttl, geboren 1965, ein junger Pfarrer. Er wurde am 28. Juni 1997 zum Priester geweiht. Nach einer Anfangszeit als Kooperator in Mals übernahm er 1999 die Pfarreien Stilfs und Sulden. 2009 kam mit Trafoi die dritte Pfarrei dazu und 2017 folgten Prad-Agums und Lichtenberg. Ein weiteres Hobby von Florian ist das Theaterspielen. Heuer ist Pause, aber 2020 wird die Theatergruppe S‘Lorgagassl wieder mit einem Stück aufwarten. Und Florian wird nicht fehlen.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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