Durchbruch in Naturns
Für begleitetes Wohnen und mehr
Die neue Struktur wird in Form eines zweigeschossigen, L-förmigen Zubaus (in blauer Farbe gekennzeichnet) errichtet.
Bürgermeister Andreas Heidegger
Gemeindereferentin Christa Gruber Klotz
Gemeinderatsmitglied Hans Pöll

Baurechte statt Geld

Grundverfügbarkeit für Zubau beim Seniorenwohnheim ist gegeben. Gemeinderat stimmt dem Projekt mit großer Mehrheit zu.

Publiziert in 39 / 2018 - Erschienen am 13. November 2018

Naturns - Die Schaffung einer Struktur für begleitetes Wohnen und für weitere Einrichtungen auf einem Teil der Wiese, die an das Seniorenwohnheim St. Zeno in Naturns angrenzt, beschäftigt die Gemeindeverwaltung schon seit etlichen Jahren. Auch teils kritische Auseinandersetzungen hat es gegeben, nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Grund-
ankauf. Kürzlich kam es endlich zum Durchbruch. Einstimmig genehmigte der Gemeinderat ein überarbeitetes und etwas abgespecktes Projekt für einen zweigeschossigen, L-förmigen Zubau. Ebenfalls zugestimmt hat der Rat einem Kaufvortrag für den Erwerb der Wiese, die Peter Moser gehört.

400,41 Euro pro Quadratmeter

Der Kaufpreis fußt auf einer Schätzung, die vom Landeschätzamt laut Bürgermeister Andreas Heidegger positiv begutachtet wurde. Der Preis wurde mit 400,41Euro pro Quadratmeter festgelegt. Für den Zubau und den Außenbereich desselben sind 2.700 Quadratmeter der insgesamt 5.144 Quadratmeter großen Wiese vorgesehen. Dieser Teil der Grundfläche kostet somit 1.081.107 Euro. „60% dieser Kosten übernimmt das Land und 40% die Gemeinde“, präzisiert Heidegger. Um auch in den Besitz der verbleibenden Fläche (2.444 Quadratmeter) zu gelangen, wird mit Peter Moser ein Raumordnungsvertrag abgeschlossen. Heidegger: „Wir möchten diese zentral gelegene Fläche unbedingt erwerben und einer öffentlichen Nutzung zuführen.“ Gedacht werde an die Schaffung eines Generationenparks.

4.350 Kubikmeter Baurechte

Peter Moser erhält für die Abtretung der Restfläche nicht das Geld laut Schätzung (978.602 Euro), sondern Baurechte im Gesamtvolumen von 4.350 Kubikmeter (225 Euro pro Kubikmeter). 55% des Bauvolumens kann Moser auf einem bereits ihm gehörenden Grundstück an der St. Zeno Straße verbauen. Für die Bebauung des Grundstückes muss laut dem Bürgermeister ein Durchführungsplan erstellt werden. Außerdem wird eine Baudichte von höchstens 1,5 zugelassen. Die restlichen 45% des Bauvolumens werden auf Grundstücksflächen verlegt, „die von der Gemeinde benannt werden.“ Ziel sei es, speziell Familien die Möglichkeit zu bieten, auf angrenzenden Flächen zum Beispiel für Familienangehörige Wohnungen zu errichten. „Gebaut werden kann ausschließlich innerhalb der Siedlungsbereiche und es ist immer die Gemeinde, die sämtliche Projekte gutheißen muss“, so Heidegger. Ein Raumordnungsvertrag kann erst ab Jänner 2019 abgeschlossen werden, denn eine der Voraussetzungen dafür ist, dass der Vertragspartner seit mindestens 5 Jahren Eigentümer der betreffenden Grundfläche ist. Der Kaufvorvertrag ist bereits im Grundbuch vermerkt und soll innerhalb 30. Juni 2019 umgesetzt werden. Heidegger freut sich, dass nun in dieser Sache ein Durchbruch erreicht wurde: „Dank des Raumordnungsvertrages ersparen wir uns de facto rund eine Million Euro.“

Zukunftsweisendes Projekt

„Der Bedarf an einer Struktur für begleitetes Wohnen und an einem Tagespflegeheim in Naturns ist groß“, bestätigt die Gemeindereferentin Christa Gruber Klotz, die u.a. für die Senioren, das Seniorenheim und die Seniorenarbeit zuständig ist. Das von Gerhard Mahlknecht vom Architekturbüro EM2 aus Bruneck erstellte Projekt sieht ein zweigeschossiges Gebäude vor, das angrenzend an die Kapelle in L-Form gebaut wird. Ebenerdig sollen ein Tagespflegeheim für 8 bis 10 Senioren entstehen sowie 5 Wohnungen, in denen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung oder in psychischer Notlage zeitlich begrenzte Wohnmöglichkeiten angeboten werden. Bauträger dieser 5 Trainingswohnungen ist das Landesamt für Menschen mit Behinderung. Geführt werden sie von der Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt. Das Tagespflegeheim, wo Senioren tagsüber aufgenommen und betreut werden, ist laut Gruber Klotz vor allem deshalb von besonderer Bedeutung, weil Angehörige dadurch entlastet werden können. Die Einrichtung trage auch dazu bei, die Berufstätigkeit von Personen, die z.B. ihren Vater oder ihre Mutter zu Hause betreuen, zu erleichtern. Der Besuch des Tagespflegeheims kann außerdem der Isolation und Vereinsamung vorbeugen.„Die Vereinsamung von älteren Menschen wird zu einer immer größeren Herausforderung“, ist Gruber Klotz überzeugt. Auch die 9 Wohneinheiten für begleitetes Wohnen, die im Obergeschoss des neuen Zubaus errichtet werden, seien in diesem Sinne wichtig. Gedacht wird an die Aufnahme von selbstständigen Senioren, die sich nicht mehr im Stande fühlen, alleine zu wohnen, die isoliert oder von Vereinsamung betroffen sind. 

Problem Vereinsamung

In den Wohnungen, die mittels Mietvertrag zugewiesen werden, wird es so sein, dass für zusätzliche 8 Euro pro Tag eine beauftragte Person einmal täglich vorbeischaut und allfällige Hilfestellungen anbietet. Die Gemeindereferentin verweist auch auf die Aufnahmekriterien, wie sie das Land festgeschrieben hat. Aufgenommen werden können demnach Personen, die allein leben oder sich in sozialer Isolation befinden. Auch Menschen, die in Wohnungen leben, die ihren Bedürfnissen nicht entsprechen, sollen Zugang finden, sowie Menschen, die hilfsbedürftig sind und keine Möglichkeit haben, auf Ressourcen der Familienangehörigen zurückzugreifen oder fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein weiteres Zugangs-Kriterium ist die Überforderung der pflegenden Angehörigen. Schließlich sollen sich die Türen auch für Personen öffnen, die sich aus anderen Gründen in einer unzumutbaren sozialen Situation befinden. Zusammen mit den Wohneinheiten werden im Oberschoss auch Gemeinschaftsräume eingerichtet. Im Untergeschoss sind Keller-Räume und Parkplätze geplant. Auch einen großzügigen, rund 1.500 Quadratmeter großen Außenbereich sieht das Projekt vor.

Baubeginn im Jahr 2020

Die Arbeiten sollen 2019 ausgeschrieben werden. Der Baubeginn soll 2020 erfolgen. Hand in Hand mit dem Bau der neuen Struktur erhofft sich Gruber Klotz auch eine Entlastung für das Seniorenheim sowie zugleich einen Mehrwert: „Wenn wir für Personen, die noch relativ selbstständig leben können, ein begleitetes Wohnen anbieten können, wird Druck vom Seniorenheim genommen.“ Zugleich kehrt direkt und indirekt neues Leben in das Seniorenheim ein, was die Gemeinschaft zusätzlich fördert. In Naturns und auch in den Fraktionen der Gemeinde gibt es übrigens schon seit Jahren vielfältige Angebote und Veranstaltungen für Senioren. Zu verdanken ist dies vor allem den rührigen Senioren und den Seniorenclubs in den 3 Fraktionen. Auch im Seniorenheim selbst ist das ganze Jahr über viel los. „Unverzichtbar und besonders wertvoll sind hierbei auch der Einsatz und die Mitarbeit der Freiwilligen“, so die Gemeindereferentin.

Auch Hans Pöll „klar dafür“

Das Gemeinderatsmitglied Hans Pöll hatte sich im Zusammenhang mit dem ursprünglichen Zubau-Projekt mehrmals kritisch geäußert. Er hatte dafür optiert, Grund und Geld zu sparen und die bestehende Struktur um ein Stockwerk zu erhöhen. Dem jetzigen Projekt stimmte er mit Überzeugung zu. „Das Projekt wurde abgespeckt und dank des Raumordnungsvertrages erspart sich die Gemeinde rund eine Million Euro. Ich stehe somit klar hinter dem neuen Projekt. In erster Linie, weil der Bedarf gegeben ist“, bestätigte Pöll dem der Vinschger. Er habe darauf Wert gelegt, diese und weitere Argumente seinerseits auch im Sitzungsprotokoll festzuhalten. An die Adresse der Gemeindeverwaltung richtete er angesichts des Schuldenstandes der Gemeinde den Appell, „in Zukunft nicht in irgendwelche kostspieligen Luftschlösser zu investieren.“

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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