Kriegsschauplatz Spondinig
Totengedenken 1917. Der Friedhof in der heutigen Ausrichtung nach Norden

Böser Krieg gegen Serbien, „guter Kampf“ in Tirol

Publiziert in 21 / 2015 - Erschienen am 4. Juni 2015
Vor 100 Jahren ist der Kriegerfriedhof in Spondinig entstanden, weil Mächtige noch mächtiger werden wollten. Ehemalige Feinde kämpften gegeneinander, seit 100 Jahren liegen sie nebeneinander. Spondinig - An einem sonnigen 13. Mai 2015, am Bahnhof von Spondinig, erzählte Christian Stricker aus Laas vom Kriegerfriedhof in Spondinig. Irgendwann merkte er an: „Es ist bedauerlich, dass man zuerst Seite an Seite mit Alpini-Veteranen der Gefallenen des 1. Weltkrieges gedenkt und dieselben Alpini dann am Siegesdenkmal den Sieg der Italianitá feiern und die Tricolore schwenken sieht.“ Er konnte nicht ahnen, dass schon am Tag darauf der „Flaggenbefehl“ der Regierungskommissärin zumindest unter der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung Zweifel aufkommen ließ, ob das „offizielle Italien“ dieses Land und seine Geschichte jemals begreifen will. Auch Südtirol hat erst seit der Optionsdebatte 1989 angefangen, den oft zitierten „Bündnis-Verrat“ Italiens und Ausdrücke wie „Heldengedenken“ oder „Heldentod“ zu hinterfragen. Spuren einer Katastrophe Durch die Katastrophe von vor 100 Jahren sind im Vinschgau zahllose Schauplätze entstanden. Neugierig, aber auch schaudernd stehen Wanderer vor den Resten der Unterstände und Stellungen in den Ortlerbergen. Nur einmal im Jahr wird aber die aussagekräftigste Originalquelle des 1. Weltkrieges ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Immer, wenn anfangs November die Zeit der Totengedenken anbricht, wenn Ehrensalven abgefeuert und mehr oder weniger kluge Worte gesprochen werden, erinnert man sich des Kriegerfriedhofs in Spondinig. Er ist eine einmalige Originalquelle, die 1915 entstanden und von der Denkmalkultur zwischen 1939 und 1980 verschont geblieben ist. Die Gründe sind einfach: Der Friedhof liegt wenig repräsentativ und weitab von öffentlichen Plätzen oder größeren Ortschaften. Trotzdem wurde auch er im Laufe der letzten 100 Jahre immer wieder zur Kriegspropaganda, zu nationalistischen Zwecken oder zum Verdrängen und Rechtfertigen missbraucht. Natürlich war der böhmischstämmige Bildhauer und Landwehrhauptmann Ludwig ­Hujer im Winter 1915/16 verpflichtet, die Kriegsmoral hoch zu halten, als er sein Marmordenkmal „Den heldenmütigen Kämpfern der Jahre 1915-1916“ widmete. Die Kriegsjahre in der Inschrift sind bei der Wiederinstandsetzung des Jahres 1977 von Laaser Steinmetzen in „1915-1918“ umgeschrieben worden. Nicht umgeschrieben und zum Erstaunen von Friedhofswart Adalbert Tschenett die Zeiten überdauert haben Inschriften mit Hinweisen auf „die Sieger vom Joch“, die durch „des welschen Frevlers Hand“ geschlagen wurden. Der verschwundene Friedhof 1980 verfasste der Malser Sagensammler Robert Winkler die Broschüre „Kriegerfriedhof in Spondinig“ und merkte im Untertitel an „Im Gedenken der gefallenen, vermissten und verstorbenen Krieger 1914 - 1918 und 1939 - 1945“. 1976 nahm sich der „Südtiroler Kriegsopfer- und Frontkämpferverband“ der verwahrlosten und überwucherten Begräbnisstätte an. Als dessen Vizepräsident berichtete der Schlanderser Arzt Alois Kofler im Vorwort zur Broschüre von 145 „toten Helden der Eisfront vom Stilfserjoch“. Wie Christian Stricker aber den Aufzeichnungen der ­italienischen Gräberfürsorge von 1932 entnehmen konnte, waren im Friedhof 193 Gräber vorhanden. Nach der einzigen „Heldengedenkfeier“ unter dem Faschismus 1940 und einer hastigen Umbettungsaktion ein Jahr später war ein Gräberfeld mit 50 Bestattungen einfach verschwunden. Auf Marmortafeln aus dem Jahr 1977 ist festgehalten, dass 144 Tote in die Soldatenfriedhöfe von Meran und Nasswand bei Toblach und 13 Alpini ins Ossarium von Burgeis gebracht worden sind. Genannt werden auch 18 Südtiroler, die in den umliegenden Friedhöfen begraben sind. Die 1976 verstreut aufgefundenen Knochen konnten nicht mehr zugeordnet werden und wurden im Grab des ehemaligen Rayonskommandanten Oberst von Abendorf beigesetzt. Inschriftentafeln von 50 Toten - darunter des „Caporale“ der Infanterie Giovanni Rizzi und des Infanteristen Fiero Lupa aus der Val Braulio - wurden gerettet, auf wetterbeständigen Marmor übertragen und im Friedhof angeordnet. Obwohl nur Todesursache, Lebensdaten und Waffengattung angeführt sind, vermitteln sie ein beklemmendes Bild vom „Vielvölkergrab“ Ortlerfront. Geblieben ist eine Marmortafel Wenn von 14 Serben, 13 Ungarn, 7 Polen, 22 Russen und einem Rumänen die Rede ist, muss man sich fragen, wie die Landbevölkerung damit umgegangen ist. Von den Russen wird vielfach berichtet, dass sie auf den Höfen Arbeiten verrichteten und mit den k.u.k. Soldaten Kanonen auf den Ortler zogen. Wie aber ist man mit den „verhassten“ Serben umgegangen? Welche Rolle spielten die Polen? Waren es Freiwillige im Dienst der Monarchie oder waren sie ebenfalls Gefangene? Der Staat Polen war bekanntlich zwischen den Zaren und den Habsburgern aufgeteilt worden. Polen kämpften auf beiden Seiten und damit auch gegeneinander. Nur Lob übrig hatten die Offiziere für das Arbeiterbataillon des ungarischen Infanterieregimentes Nr. 29, das „in treuer Pflichterfüllung“ große Verluste zu beklagen hatte. Von den 50 dokumentierten Soldaten sind 16 verunglückt, 10 durch Lawinen, einer durch Steinschlag, vier durch Blitzschlag und einer ­verunglückte bei der Arbeit. Zwei der 50 Soldaten fielen der Beschießung von Trafoi zum Opfer. Sechs fielen bei ­Kämpfen auf dem Stilfserjoch, drei auf der Hohen Schneid. Je ein Soldat fiel auf der Königsspitze, auf der Franzenshöhe und auf dem ­Scorluzzo. Drei Soldaten wurden beim Reparieren von Telefonleitungen getötet. Auf acht Tafeln liest man nur den Vermerk „verstorben“. Acht Tote waren russische Kriegsgefangene. Aus einer Grabinschrift erfährt man, dass der Infant Wenzel Ziegelbauer zur Festungs-Telegraphenabteilung 1 gehörte und am 13. Dezember 1916 durch eine Lawine an der Hoch Mauer zu Tode gekommen ist. Im Sterberegister wurde zudem festgehalten, dass der Gefallene ein Landsturm-Infant war, aus Wien stammte, dem Jahrgang 1875 angehörte und verheiratet war. Vom Beruf war er Totengräber­gehilfe. Zeugen seines Todes waren Zugsführer Ignaz Bernreiter und Feldwebel Matthias Grabner. Der Verschüttete wurde erst im Frühjahr 1917 von den Schneemassen frei gegeben. Am 29. Juni wurde er in Spondinig zu Grabe getragen. S
Günther Schöpf
Günther Schöpf
Vinschger Sonderausgabe

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