Verletztes Gehirn - Suche nach Orientierung und Verständnis

Das Leben gerät aus den Bahnen

Publiziert in 17 / 2004 - Erschienen am 9. September 2004
[F] "Ich habe mir immer gedacht, so etwas passiert mir nie. Aber heute hat es mich getroffen. Und morgen trifft es vielleicht jemand anderen. In meinem Heimatdorf fühle ich mich nicht mehr wohl. Die Leute sagen: Dem würde ich schon zeigen, wo es lang geht, und Manieren beibringen. Sie sagen, ich unterstütze mein Kind viel zu viel. Unser Familienleben hat sich total verändert. Alle leiden darunter. Man sucht Hilfe, um über Probleme reden zu können und tut sich schwer. Es ist nicht einfach, wenn ein Kind gesund fort geht und so zurückkommt". Das schreibt Siglinde Thanei aus Matsch. Ihr Sohn Elvis (siehe Seite 10) hat durch einen Unfall ein schweres Schädelhirntrauma erlitten. Die Verletzungen haben ihn verändert und die Familie in eine schwere Krise gestürzt. von Magdalena Dietl Sapelza [/F] "Ihr Sohn hatte einen Unfall", die Mitteilung wirft Eltern aus dem Gleichgewicht. "Er lebt, aber es schaut nicht gut aus, Kopfverletzungen". Der Schock lähmt. Gedanken kreisen um die Wirklichkeit und das nicht Wahrhaben- wollen. Wie auf einem Balanceseil gehen Angehörige auf eine ganz neue Situation zu. Nie haben sie damit gerechnet, dass ihnen so etwas passieren könnte. Der Weg führt sie zum Eingang in die Intensivstation. Es beginnt das lange Warten. Die Gedanken drehen sich um Tod und Leben. Ärzte sind mit lebensrettenden Maßnahmen und Operationen beschäftigt. Krankenschwestern können keine Auskunft geben. Auf der Suche nach Ansprechpartnern und Informationen werden Minuten zu zermürbenden Stunden. Mütter und Väter fühlen sich hilflos und allein gelassen. [F] Leben gerettet [/F] "Die Operation ist erfolgreich verlaufen, ihr Sohn liegt im Koma", Die Mitteilung ist erlösend und bedrückend zugleich. Sie nährt aufkeimende Zuversicht und belastende Niedergeschlagenheit gleichermaßen. Das gewohnte Leben der Familie gerät aus den Fugen. Die Anwesenheit am Krankenbett erfordert eine neue Zeitplanung. Bürokratische Angelegenheiten, mit Krankenkasse, Versicherungen und dergleichen müssen erledigt werden. Spesen entstehen. Die psychische Belastung ist groß. Die Stimmungen schwanken. Mütter, Väter sind auf der Suche nach Erklärungen, nach Zuwendung, nach unterstützender Hilfe. Oft werden sie enttäuscht, vor allem von öffentlichen Stellen. "Man muss sich um fast alles selbst kümmern, obwohl man es fast nicht schafft", erzählt eine Mutter. Viele Angestellte und Sachbearbeiter in den Santitätsbetrieben seien nur schwer in der Lage, sich in verunsicherte Angehörige hineinzufühlen. Wer nicht selbst betroffen ist, kann vieles nicht verstehen. Mit dem ersten Augenaufschlag des Verunglückten wächst die Hoffnung, dass alles gut werden könnte. [F] Einschränkungen [/F] Der Kampf um das Leben ist gewonnen. Körperlich und geistige Einschränkungen, die schwere Kopfverletzungen nach sich ziehen können, machen sich erst nach und nach bemerkbar. Ist das Gehirn gestört, können Körperfunktionen beeinträchtigt sein. "Die Diagnostik hat die Möglichkeit, mittels Computertomographie lokale Schäden festzustellen, doch die Auswirkungen sind nicht klar", erklärt Oswald Mayr, bis vor kurzem Arzt in der Intensivstation Bozen. Er begleitet unzählige junge Leute, die an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas leiden, zum Beispiel an Bewegungs- und Sprachstörungen, an mangelndem Kurzzeitgedächtnis, an Einschränkungen im Verständnis, im Verhalten, im Gefühlsbereich und in der optischen Wahrnehmung. Elvis aus Matsch ist einer seiner Patienten. Mayr kennt den steinigen Weg der Betroffenen". Sie setzten all ihre Hoffnung in die Therapien. [F] Rehabilitation [/F] In ihrer Verzweiflung denken Eltern oftmals, dass für ihr Kind nicht genug getan werde könnte. Dazu kommt der Druck aus dem Familien- und Verwandtenkreis. Gekämpft wird um einen Rehabilitations-Platz in ausländischen Spezialkliniken, die speziell für Kopfverletzungen eingerichtet sind und Betreuung und Beschäftigung rund um die Uhr anbieten. Den hiesigen Einrichtungen misstrauen viele Eltern mit dem Argument: Zu wenige Therapie-Stunden, zu wenig koordiniert. Wird eine Einweisung an ausländische Zentren nicht in Betracht gezogen, vermuten sie Konkurrenzkampf zwischen Ärzten. Eltern sind verunsichert und haben Angst, dass wertvolle Zeit verstreichen könnte, die entscheidend für die weitere Entwicklung des Patienten ist. "Therapie ist ein wichtiges unterstützendes Element in der Wiedergenesung. Wie das Leben für den Betroffenen weitergeht, entscheidet sich aber am Ort des Traumas", erklärt Mayr. "Wir schicken die Patienten in die angesehensten Zentren im Ausland. Das ist einmalig in Europa. Wir versuchen alles. Wenn es erforderlich ist, sind auch mehrere Reha-Aufenthalte möglich". Bei der Entscheidung werden die Strukturen im eigenen Land unter Abwägung von Bedürfnis und entsprechender Therapie in Betracht gezogen. [F] Unverständnis [/F] Jahr für Jahr lernen junge Menschen mit ihren Behinderungen nach Unfällen zu leben. Die Freude über die ersten Fortschritte bei Therapie wird meist bald von den Schwierigkeiten im täglichen Leben getrübt. Spielt unkontrollierte Aggressivität eine Rolle, wie im Fall Elvis, geraten Familienmitglieder ins Kreuzfeuer der Kritik, Erziehungsfehler werden für das Verhalten verantwortlich gemacht. Das ihnen entgegen gebrachte Unverständnis ist bedrückend. Ihre Behinderung und die Auseinandersetzung mit dieser Tatsache stürzen Jugendliche und Eltern in Lebenskrisen. Freunde und Freundinnen ziehen sich zurück. Kleine Tragödien spielen sich in den Köpfen ab. Es fällt schwer zu begreifen, dass Wünsche und Träume begraben werden müssen, dass man nicht mehr mithalten kann, im Freundeskreis, in der Sportgruppe, in der Arbeitswelt. Das Leben beginnt von neuem, unter völlig veränderten Bedingungen. Das gelingt nur, wenn es der junge Mensch schafft, Frieden zu schließen, mit dem was passiert ist und ein ganz neues Leben, ein Leben mit Behinderung, angeht. "Es ist dies eine der größten Leistung, die sich in Stille und Einsamkeit vollzieht, die ein Mensch überhaupt zu leisten im Stande ist", so Mayr. [F] Alltag und Depression [/F] Betroffene suchen Halt. Sie greifen nach Händen, die sie hochziehen. Sie möchten ihre Arbeit wieder aufnehmen, können den Anforderungen nicht mehr entsprechen. Sie ringen sich dazu durch, ihre Invalidität erklären zu lassen, um in Arbeitseingliederungsprojekten (betreut vom Arbeitsamt, begleitet von den Sozialdiesnten) eine Beschäftigung zu finden. Oft ein schweres Unterfangen. Wenn es der Wirtschaft gut geht, öffnen sich leichter die Türen. Anderenfalls fallen die Schwächsten zuerst durch den Raster. Zu oft fallen die Unfallopfer mit Behinderungen durch, nicht nur in der Arbeitswelt. Die Wirklichkeit ist grausam. Wer hat schon Lust, sich mit dem "nicht perfekten" Menschen auseinander zu setzen? Kälte in ihrem Umfeld treibt viele in die soziale Isolation und in die Depression. Das geht so weit, dass sie den Tod nach dem Unfall oder auf der Intensivstation dem jetzigen Leben vorziehen würden. Sie greifen zu Pillen. Oswald Mayr hat viele Schicksale dieser Art begleitet. "Sie glauben, in der Gesellschaft keinen Platz mehr zu haben. Sie sehen sich als Taugenichtse, als Schmarotzer", sagt er. "Wir haben kein Recht, diese Verzweifelten auszugrenzen. Die beste Hilfe für diese Menschen ist der Mensch. Morgen kann es uns selbst treffen!" [F] Neuer Weg [/F] "Es ist schwer, das Leben danach“, sagt Günther Gruber aus Tanas „Viel finden keinen Anschluss und lassen sich fallen". Er hat seinen Weg gefunden. Nach einer Gehirnblutung vor sieben Jahren litt er an Sprach- und Bewegungsstörungen. Vieles hat sich nach aufwändiger Therapie gebessert. Er ist überzeugt: "Wenn man nicht schnell Bewegung hineinbekommt, dauert alles viel länger". Ein Jahr lang war er auf den Rollstuhl angewiesen, dann machte er seine ersten Schritte. Freunde und Bekannten hatten Geld gesammelt und ihm die teure Spezialtherapie in einer Klinik bei Füssen ermöglicht. "Viele Leute haben mich unterstützt.“, unterstreicht er. „Es ist wichtig, dass einem jemand aufhilft. Man darf den Halt nicht im Alkohol oder in den Medikamenten suchen". Günther hat gelernt, seine Einschränkungen anzunehmen. "Ich bin ein bisschen vergesslich". Er fand Arbeit im E-Werk in Schlanders im Rahmen eines Arbeitseingliederungsprojektes, ist integriert, hat Freunde. Seit zwei Jahren lebt er allein, führt seinen Haushalt selbst. "Das ist meine Therapie. Heute ist jeder Tag ein Erlebnis". [K] Schädel-Hirn-Verletzungen: Das Gehirn besteht aus einem Netzwerk von vielen Millionen Nervenzellen. Von dort aus werden alle körperlichen und seelischen Vorgänge koordiniert und geregelt. Wird das Gehirn durch einen starken Stoß (bei Verkehrsunfall, Sturz, mechanischer Gewalteinwirkung usw.) hin und her geschleudert, kann es zu Beeintächtigungen der verschiedensten Körperfunktionen kommen. Ist das Netzwerk irgendwo gestört, können zum Beispiel bisherige Fertigkeiten eingeschränkt sein. Vieles kann langsamer ablaufen. Lähmungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Erinnerungslücken, Leistungs- und Befindlichkeitsschwankungen können auftreten. Die Gehirnbereiche wirken in einer sehr komplizierten Art und Weise zusammen. Geraten sie aus dem Gleichgewicht, sind die Auswirkungen verschiedenartig und eine Heilungsdiagnose ist schwer zu stellen. Am 1. Jänner 2005 wird im Bozner Krankenhaus eine Abteilung für Neurologische Rehabilitation eröffnet. [/K]
Magdalena Dietl Sapelza
Vinschger Sonderausgabe

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