„Uns geht es gut!“ - Vinschger Kindertagesstätten

„Das muss uns Familie wert sein!“

Publiziert in 3 / 2009 - Erschienen am 28. Januar 2009
Schlanders/Latsch/Naturns ­– Eine veränderte gesellschaftliche Situation führt auch in Südtirol dazu, dass das Selbstverständnis der Familien viel pluralistischer als früher ist. Eine Säule, um Familien zu stärken, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Neben der Bemühung um Anrechnung der Erziehungszeiten für die Pension und neben der Aus­dehnung des Kündigungsschutzes für Frauen braucht es aber auch entsprechende Betreuungsangebote für Kleinkinder in den Südtiroler Gemeinden. Die Realität in den einzelnen Gemeinden ist natürlich sehr unterschiedlich, ebenso der Ruf nach Betreuungsstätten. Im Vinschgau gibt es drei Kindertagesstätten: in Schlanders, in Latsch und in Naturns. Anlässlich des 1. Geburtstages der Kitas Schlanders hat „Der Vinschger“ die drei Einrichtungen besucht und sich einen Einblick in einen „Kitas-Tag“ verschafft. von Ingeborg Rechenmacher Kitas Schlanders feiert 1. Geburtstag Am 28. Jänner 2008, also genau vor einem Jahr, wurde die Kindertagesstätte Schlanders, untergebracht im Kindergarten von Göflan, offiziell seiner Bestimmung übergeben. „Uns geht es gut. Die Kinder fühlen sich wohl und die Eltern sind zufrieden“. So beschreibt die Kitas-Leiterin Martha Ilmer die Situation einer Einrichtung, die vor ihrer Entstehung sowohl in der Gemeindeverwaltung als auch in der Bevölkerung für viel Gesprächsstoff, um nicht zu sagen Zündstoff gesorgt hat. Die Gemeindeverwaltung von Schlanders wollte den Dienst einer Kindertagesstätte anbieten, da eine Umfrage den Bedarf dafür ergeben hatte. „Eltern sollen frei entscheiden können, wie sie ihr Kind betreut haben möchten, deshalb bieten wir die Kitas an. Wir schätzen die Betreuung durch die Mutter jedoch immer noch am höchsten ein“, schränkt Gemeindereferent Heinrich Fliri ein. Die Gemeinde Schlanders hat die Führung der Kitas gleich wie die Gemeinden von Latsch und Naturns der Sozialgenossenschaft Tagesmütter mit Sitz in Bozen übergeben. Die Sozialgenossenschaft Tagesmütter organisiert den Tagesmutterdienst bereits seit über 16 Jahren landesweit und führt mittlerweile sieben Kitas. Die Kinder werden von ausgebildeten Kinderbetreuerinnen und Tagesmüttern mit lang­jähriger Erfahrung betreut. Zwölf Kinder aus dem Gemeindegebiet von Schlanders besuchen derzeit die Kitas Schlanders, allerdings nicht zeitgleich. Sie kommen stundenweise oder tageweise und zu verschiedenen Eintrittszeiten, je nach Bedürfnis ihrer Eltern. Am Dienstagnachmittag werden nur 3 Kleinkinder betreut. „Mehr Bedarf besteht leider nicht“, bedauert Martha Ilmer, „wir könnten die Nachmittagsbetreuung von Montag bis Freitag anbieten“. Sie sind zu zweit als Betreuerinnen tätig, Martha Illmer und Petra. Eine dritte Betreuerin wäre erst vorge­sehen, wenn mehr als 10 Kinder zeitgleich in der Tagesstätte anwesend sind. „Die Kitas macht keine ‚Betriebsferien’; heuer hatten wir ausnahmsweise zwei Wochen Weihnachtsferien, das wird aber sicher nicht mehr vorkommen“, klärt die Leiterin auf. Dass sich die Kinder wohl fühlen, sieht man auf den ersten Blick. „Die Einge­wöhnungsphase dauert ungefähr 3 Wochen; dafür sollten sich die Eltern die Zeit nehmen“, so Martha Ilmer. „Kinder dürfen am Anfang ­keinen Druck spüren oder das Gefühl haben, sie werden nur abgegeben. Schwierig ist es auch, wenn Mütter ihre Kinder nicht loslassen können, das spüren die Kleinen sofort. Wir haben bei unseren Kindern keine Probleme. Sobald wir ihr Vertrauen gewonnen haben, dann dürfen wir sie füttern, wickeln und schlafen legen.“ Das Mittagessen wird im angrenzenden Kindergarten von Göflan gekocht. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis untereinander und pflegen einen netten Kontakt mit dem Kindergarten“, bestätigt die Leiterin Martha Ilmer. Heute, ein Jahr nach Inbetriebnahme der Kitas in Göflan, sind die meisten kritischen Stimmen verstummt, wenngleich diese Einrichtung der öffentlichen Hand viel Geld koste, so Heinrich Fliri. „Für Familien muss das Geld zur Verfügung ­stehen, das sind uns die Familien wert!“ Für die Kitas Schlanders liegen noch keine genauen Kosten vor. Eltern zahlen pro Kind und Stunde zwischen 0,70 bis max. 4 Euro, je nach Einkommen. Den Rest der Kosten teilen sich Land und Gemeinde. Im Jahr 2008 wurden ca. 6200 Betreuungsstunden geleistet. Anfragen aus anderen Gemeinden, wie beispielsweise Laas, konnten bisher nicht berücksichtigt werden, da die betroffenen Gemeinden für diese Kinder ihren Anteil bezahlen müssten. „Wir müssen uns unbedingt mit allen Sozial­referenten an einen Tisch setzen und dieses Grundsatzthema klären“, fordert Fliri. Kitas Latsch sehr gefragt Die Kitas Latsch gibt es bereits seit 4 Jahren. 24 Kinder im Alter von 1 bis 3 Jahren sind dort eingeschrieben, von ­denen zeitgleich max. 20 in der Gruppe sind. 5 Kinder werden am Nachmittag bis 15.30 Uhr betreut. Aufgrund der großen Nachfrage entscheidet eine Rangordnung die Aufnahme der Kinder. Soziale Bedürftigkeit kommt vor der Berufs­tätigkeit der Mutter. Die Kinder kommen aus Familien in allen Berufsschichten, einige haben alleinerziehende Mütter oder werden vom Sozialdienst betreut. Die große Befürchtung, die Einrichtung würde nur für Migrantenkinder geschaffen, entbehrt jeder Grundlage. Nur ein bis zwei Kinder von Migranten werden in Schlanders und Latsch derzeit betreut. Neben Kitas-Leiterin Marion Pirhofer sind noch Karin, Andrea und Martina als Betreuerinnen beschäftigt. Die Sozialbetreuerin Julia ist für ein Kind mit besonderen Bedürfnissen da. Auch in der Kitas Latsch steht das Kind und sein Wohlbefinden im Mittelpunkt. Jedem anvertrauten Kind begegnen die Betreuerinnen mit Liebe, ­Achtung und echtem Interesse. In der Kitas wird ein respektvoller, gewaltfreier Umgang zwischen den Kindern gefördert. „Wir beobachten die zunehmende Selbständigkeit der Kinder. Sie lernen untereinander zu teilen, aufeinander Rücksicht zu nehmen und sie eignen sich Sozialkompetenzen an“, so Marion Pirhofer. „Die Rahmenbedingungen für die Betreuung der Kinder sind optimal, ebenso die Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung“, bestätigt sie. Räumlich ist die Kitas Latsch die größte der drei Einrichtungen im Vinschgau. Mit 151 m² umfasst sie eine Tagesküche, einen Wickelraum mit ­Toiletten, einen Schlafraum, zwei Gruppenräume, den Essraum, die Garderobe, ein Büro, einen eigenen Hofraum und Garten. Dass auch die Kitas Latsch der Gemeindeverwaltung einiges kostet, kann niemand leugnen. Schon gar nicht Referent Hans Mitterer, ein großer Befürworter der Kindertagesstätte. Von Seiten der Verwaltung habe er bei der Errichtung der Kitas immer Rückendeckung bekommen, auch wenn im Dorf Stimmen dagegen sehr laut wurden. Man dürfe den sozialen Aspekt der Einrichtung nicht unterschätzen; manche Mütter seien gezwungen, einer Arbeit nachzugehen und andere wiederum hätten trotz einer guten Ausbildung nach einer längeren Babypause keine Chance für einen Wiedereinstieg in ihren Beruf. Der Referent kann gegenüber dem „Vinschger“ bereits mit Vergleichszahlen aufwarten: Im Jahre 2006 hatte die Kitas Latsch 10.318 Betreuungsstunden, 2007 bereits 12.527 und 2008 „hoffen wir auf 15.000 Stunden“. Die Eltern zahlen zwischen 0,70 und 3,60 Euro, also 0,40 Cent unter dem mit Höchstpreis von 4,00 Euro in Schlanders und Naturns. „Wir wollten nicht von 3,20 auf 4,00 Euro ansteigen“, verteidigt sich der Referent. An einen Kostenaufwand von 150.000 Euro im Jahr 2008 beteiligen sich die Eltern mit geschätzten 30.000; die restlichen 120.000 teilen sich Land und Gemeinde. Auch Latsch bekommt Anfragen aus Laas und anderen Gemeinden. Aber wenn deren Verwaltungen für die Kinder nicht zahlen, sind dem ­Referenten Hans Mitterer die Hände gebunden. Einzig mit der Gemeinde Kastelbell-Tschars hat man eine Konvention abgeschlossen. „Unser Ziel muss es sein, „übergemeindlich“ den Dienst der Kitas anzubieten. Nur dann sind wir familienfreundlich!“, so Hans Mitterer. Offene Eltern in Kitas Naturns Die Kitas Naturns öffnete im Mai 2006 für 10 Kinder ihre Tore. Inzwischen sind 24 Kinder eingeschrieben, davon werden 5 am Nachmittag betreut. „Wir möchten nicht alle Türen offen halten, und Eltern sollen zuerst alle Möglichkeiten prüfen, ob die Betreuung nicht doch im Elternhaus stattfinden kann, oder ob es die Unter­stützung durch die Kitas braucht“, so Referent Valentin Stocker. „Wir sind Familien unterstützend, nicht Familien ersetzend“, ergänzt Kitas-Leiterin Christine Weithaler „Kein Elternteil gibt sein Kind freiwillig ab, aber wenn es die Situation verlangt, dann wollen die Eltern be­ruhigt sein, denn sie vertrauen uns das Wichtigste an, was sie auf der Welt haben“. „Die Naturnser Eltern sind sehr offen und kritisch. Sie sind interessiert an pädagogischen Inhalten und an der Qualität der Betreuung“, so Christine Weithaler weiter. Deshalb setzt die Kitas Naturns sehr auf intensiv auf Elternarbeit, um im Gespräch und im Austausch zu bleiben. „Die Beziehungen zu den Eltern sind der Boden für ein gutes Heranwachsen des Kleinkindes“, erklärt die Lei­terin. Gearbeitet wird in der Kitas Naturns nach der „Pickler-Pädagogik“, nach der das Kind im Mittelpunkt steht und in seinen Handlungen verbal begleitet wird. Dabei erfährt das Kind eine liebevolle, respektvolle Zuwendung. Eine gut ausgestattete Elternbibliothek ermöglicht den Eltern eine Vertiefung in die Erziehungspädagogik der Kindertagesstätte. Die Kitas Naturns ist im Alten- und Pflegeheim untergebracht und wird auch von diesem verpflegt. Das natürliche Aufeinandertreffen von zwei Generationen sei eine „glückliche Fügung und alle fühlen sich angenommen“, so die Leiterin, die gemeinsam mit den Betreuerinnen Angelika, Daniela, Gerlinde, Elisabeth und Elke für das Wohl der Kleinkinder sorgt. „Die Kitas Naturns hatte samt Miete bei 16.000 Betreuungsstunden im Jahr 2008 einen Kostenaufwand von 170.000 Euro“, erläutert Referent Valentin Stocker, davon zahlten die Eltern an die 44.000 Euro. „Auch eine Kindergartengruppe kostet soviel, das wird oft nicht bedacht, weil die Familien weniger belastet werden“, so der Referent. „Niemand wird von der Kitas ausgeschlossen; jene, die sich den festgelegten Stundensatz nicht leisten können, können um Tarifbegünstigung ansuchen“. Marialuise Höllrigl Hanny, langjährige Kindergartenleiterin in Naturns, kennt die Situation der Familien: „Die Kitas ist eine überaus notwendige Einrichtung und ich bin ganz dagegen, dass darüber dauernd polemisiert wird. Es gibt Situationen, wo es keine Alternative gibt und wer von der Kitas überzeugt ist, soll diese Möglichkeit nutzen können. Wenn es einem Kind nicht gut geht, gibt es sehr viele Zeichen, die es zu erkennen gilt und nach denen man sich orientieren kann. Ich habe Kinder erlebt, die in der Kitas einen gewaltigen Entwicklungsschub im sprachlichen Bereich und in ihrer Persönlichkeit gemacht haben. Die Anregungen in der Gruppe tun den Kindern gut.“ Erich Schweitzer, Schlanders, gibt den Eltern eine Stimme: „Meine Tochter ­Elena, 2 Jahre, besucht viermal in der Woche für je 3 Stunden die Kitas in Göflan. Es gibt nicht ‚das Beste’ für die Familie, aber wenn es weder eine Oma oder sonstige Verwandte gibt, dann ist die Kitas eine gute Lösung. Wir haben bei unserer Tochter große Fortschritte in ihrem Sozialverhalten festgestellt. Auch für uns Eltern ist es beruhigend, das Kind in professioneller Betreuung zu wissen, währenddessen wir unseren Beruf ausüben. Die Kinder sind das Kapital der Zukunft, und gerade an ihnen sollte am wenigsten gespart werden. Tatsache ist auch, dass in jenen Ländern die Bereitschaft, überhaupt noch eine Familie zu gründen, größer ist, in denen Kinderbetreuungsstätten die Familien in ihrer Betreuungsarbeit unterstützen.“ Kinderbetreuung bei ­Tagesmüttern - eine Alternative zur Kindertagesstätte Die Sozialgenossenschaft Tagesmütter bietet im Vinschgau den Tagesmutterdienst unter der Koordination von Renate Dietl an. Die Sprechstunde findet jeden Donnerstag von 8.30 Uhr bis 9.30 Uhr im Haus der Bezirksgemeinschaft Schlanders und von 14.30 bis 15.30 im Sprengel von Mals statt. Telefon 348 7668053. Die Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen I wachsen I leben“ bietet nun seit 2 Jahren die Kinderbetreuung am Bauernhof an. Tagesmütter betreuen Kinder generell zu Hause, können jedoch auch in Kindertagesstätten und Kinderhorten arbeiten. Die Betreuung unterscheidet sich wesentlich: während in Tagesstätten und Horten die Gruppengröße variiert, kann eine Tagesmutter bei sich zu Hause maximal 6 Kinder, die eigenen unter 10 Jahren mitgerechnet, gleichzeitig betreuen. Ein großes Anliegen der Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen I wachsen I leben“ ist, die gleichwertige finanzielle Unterstützung von Tagesmütter und Tagesstätten bzw. Kinderhorten, damit ­Eltern frei entscheiden können, wo und wie ihre Kinder betreut werden. Während derzeit ­Tagesstätten und Horte sowohl vom Land, als auch von den Gemeinden finanziell unterstützt werden, erhalten hingegen Eltern, die ihre Kinder bei Tagesmüttern betreuen lassen, nur vom Land eine Unterstützung und müssen damit zum Teil höhere Betreuungskosten in Kauf nehmen. Dabei wäre es gerade für kleinere und mittlere Gemeinden weitaus kostengünstiger, Tagesmütter zu unterstützen, als eigene Strukturen bauen und erhalten zu müssen. (Infos unter: ­­kinderbetreuung@­sbb.it) In dieselbe Kerbe schlägt ­Andreas Tappeiner, Bürgermeister von Laas und gleichzeitig Bezirksobmann des Bauernbundes. „Für Landgemeinden wäre eine dezentrale Betreuung über Tagesmütter die bessere Lösung. Der Gemeindeausschuss von Laas jedenfalls hat beschlossen, keine Konvention mit anderen Gemeinden abzuschließen, denn der Besuch der Kitas wäre nur für einen kleinen Teil der Familien interessant. Lieber schließen wir eine Konvention mit der Genossenschaft für ­Tagesmütter ab. Der für uns beste Weg scheint immer noch der, den Müttern die Möglichkeit zu geben, selbst ihre Kinder zu betreuen. Leider besteht noch große Uneinigkeit zwischen der Privatwirtschaft und der öffentlichen Verwaltung, wo Wartestand, Stellen­erhalt und Pensionsversicherung um ein Vielfaches günstiger geregelt sind. Hier gilt es, den Familien mehr entgegenzukommen.
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Vinschger Sonderausgabe

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