Die Macht des Wassers
Im Vordergrund steht immer das Wasser: Direktor Jürgen Mahlknecht vor dem Wasserzentrum für Lateinamerika und Karibik

Der Prader Wassermann

Publiziert in 5 / 2009 - Erschienen am 11. Februar 2009
Jürgen Mahlknecht ist Direktor des im November 2008 gegründeten „Wasserzentrums für Lateinamerika und Karibik“ mit Sitz in der Nordmexikanischen Millionenstadt Monterrey. Das Zentrum ist eine Initiative der Interamerikanischen Ent­wicklungsbank, ­Fundación FEMSA (Amerikas größter Getränkehersteller mit Sitz in Monterrey) und der Universität Tecnológico de Monterrey (Lateinamerikas größte und renommierteste Privatuniversität mit Sitz in Monterrey). Das Wasserzentrum beabsichtigt, zur Lösung der vielfältigen Probleme im Zusammenhang mit Wasser, Umwelt und sozialwirtschaftlicher Entwicklung in dieser 500 Millionen Einwohner zählenden Region beizutragen und wird als Exzellenzzentrum in verschiedenen internatio­nalen Forschungsnetzwerken in Nordamerika und Europa eingebunden sein. Nach Abschluss des Wissenschaftlichen Realgym­nasiums in Schlanders begann der heute 38-Jährige Prader mit dem Hochschulstudium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien, gleich nach Studienabschluss hagelte es Preise: den Eternit-Tiefbau-Preis für seine Diplomarbeit und den Karl-Schleinzer-Preis als Anerkennung für sein erfolgreiches Studium. In Mexiko City besuchte er unter anderem einen postgradualen Lehrgang, schloss 2003 seine Doktorarbeit an der Universität für Bodenkultur ab und arbeitet an der Mexikanischen Universität Guanajuato. Er arbeitete an internationalen Projekten zum Thema Isotopenhydrologie und publiziert in den ­renommiertesten Zeitschriften der Hydrologie, Hydrogeologie und Wasserwirtschaft. Im Jahr 2007 wird er im Who‘s Who in the World (Marquis Verlag, USA) als anerkannter Wissen­schaftler eingetragen. Dem „Vinschger“ antwortete der frischgebackene Direktor des Zentrums, das sich auch als „think tank“ zur kreativen Lösung von Problemen im Zusammenhang mit Wasser­mangel und Wasserkontamination sieht, keineswegs nur zum großen Thema Wasser. von Katharina Hohenstein „Der Vinschger“: Was führte Sie zum Studium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien? Jürgen Mahlknecht: Eigentlich habe ich mit Forstwirtschaft angefangen, aber nach und nach fand ich Interesse am Thema Wasser und Umwelt. Je mehr ich mich mit Wasser befasse, desto mehr fasziniert mich das Thema. Wenn ich heute zurückdenke, bereue ich die Entscheidung, das Studium zu wechseln, nicht. Weltweit unterwegs, seit 2003 in Mexiko, erst in Guanajuato, jetzt in Monterrey. Sind Sie heimisch in Mexiko? Wie viele Sprachen sprechen Sie? Jürgen Mahlknecht: Sagen wir, ich fühle mich heute wohl in Mexiko. Anfangs hatte ich mit einem Kulturschock zu kämpfen und manchmal fragte ich mich: Was mache ich hier eigentlich? Ich spreche Spanisch und Englisch in meiner Arbeit. Mit meiner Frau und den Kindern neben Spanisch auch Deutsch; Italienisch ist mir ein wenig abhanden gekommen wegen der fehlenden Praxis. Haben Sie Frau oder Familie mit sich? Jürgen Mahlknecht: Ja, meine Frau Gabriela ist Mexikanerin und unsere zwei kleinen Kinder heißen Andreas und ­Korine. Übrigens: Mein Sohn ist nach einem Südtiroler Helden benannt... Kurz umrissen – Ihre Aufgaben als Direktor? Jürgen Mahlknecht: In erster Linie vertrete ich das Zentrum und bin für den strategischen Teil zuständig. Das heisst, generelle Zielsetzungen und erwartete Ergebnisse, sowie den Operationsplan und das Reglement zusammen mit den Initiatoren festlegen. Mir steht ein Managementteam zur Seite, das mich bei den administrativen und finanziellen Aufgaben unterstützt. Es ist auch meine Aufgabe, die Entwicklung der Aktivitäten zu überwachen und neue Projektverträge oder Allianzen abzuschliessen. In der verbleibenden Zeit – soweit es meiner Familie zumutbar ist - gehe ich meinen Forschungsaktivitäten nach. Einige Worte zur Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB), die gemeinsam mit der Fundacíon FEMSA und der technischen Universität das Projekt ins Leben rief... Jürgen Mahlknecht: Unsere Universität arbeitete schon in mehreren Projekten mit der IDB erfolgreich zusammen. Das neue Zentrum ist wohl das grösste and langfristigste Projekt. Die Idee entstand vor ungefähr einem Jahr in einem Café, dann ging alles ziemlich schnell, weil alle drei Institu­tionen sehr an diesem Vorhaben interessiert sind. Machen Ihnen die Korruptions­vorwürfe rund um das Loofah-Projekt in Paraguay, die der IDB vorhalten, die Loofah S.A. an den Rand der Existenz gedrückt zu haben, keine Sorgen? Jürgen Mahlknecht: Den Loofah-Fall kenne ich nicht im Detail und kann somit keine Meinung abgeben. Fakt ist, dass die IDB der wichtigste Investor und Kreditgeber für Ent­wicklungsprojekte in Lateinamerika ist, noch vor der Weltbank. Die Geldgeber sind die Weststaaten und die Empfänger Lateinamerika und Karibik. In unserem Fall handelt es sich um eine Investition, nicht um einen Kredit und das ist von uns so ausgehandelt worden. Die IDB ist daran interessiert, dass das Zentrum Fortbildungskurse, Forschung und ein Informationsportal im Internet anbietet, ansonsten gibt es keine Auflagen. Der Hintergrund ist, dass die öffentlichen Wasserversorgungs- und -entsorgungsbetreiber in der Regel weder technisch noch finan­ziell effizient arbeiten, das heisst mehr als 50% Wasserverluste in den Wasserleitungen auf der einen Seite und der Wasserpreis subventioniert bzw. politisiert auf der anderen Seite. Unsere Meinung ist, dass die Politik sich bei der Wasserpreisgestaltung so wenig wie möglich einmischen sollte. In Mexiko zum Beispiel bezahlt der Industriesektor den vollen Wasserpreis, der Wasser­verbauch in den Haushalten wird subventioniert und in der Landwirtschaft kostet das Wasser nichts. Das ist pervers, weil gerade die Landwirschaft über 80% des gesamten Wasserverbrauchs darstellt und somit keinen Ansporn hat, wassersparende Massnahmen wie z.B. Tropfbewässerung einzu­führen. Was die Haushalte anbetrifft, wird das Wasser nicht als limitierte Resource angesehen, z.B. ist der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch in Monterrey 300 Liter. Deshalb bedarf es einer effizienteren Wasserpreisgestaltung. Eines der ganz wichtigen ­Themen des neuen Wasserzentrums ist Krisenmanagement: „Als Konsequenz der Klimaveränderungen ist die Menge des zur Verfügung stehenden Wassers ungewiss, Dürren, auch Überschwemmungen würden zunehmen“; das Zentrum wolle lernen, wie mit diesen Variablen besser umzugehen sei.. Können Sie erklären, wie das funktioniert? Jürgen Mahlknecht: Das ist sicher nicht leicht. Wir wissen, dass es regionale Klimamodelle gibt, die bereits gute Ergebnisse liefern, diese auf gewisse Gebiete „downzuscalen“, ist die große Herausforderung. Dafür werden wir einen Experten unter Vertrag nehmen. Auch wenn wir mit erheblichen Unsicherheiten in den hydrologischen Modellen rechnen, müssen wir den Klimawechsel mitberücksichtigen. Wir können nicht so tun, als ob alles so wäre wie vorher. Mit diesen Modellen wird es einfacher sein, Hochwasser vorherzusagen und Überflutungspläne zu erstellen. Auch Dürreperioden können besser prognostiziert und Preventionsmassnahmen durchgeführt werden. Neben dem Krisenmanagement behandeln wir auch andere Themen, wie z.B. Siedlungshygienekonzepte (ECOSAN). Das sind kreislauforientierte Konzepte, welche das Abwasserproblem von einem ökosystemischen Gesichtspunkt aus betrachten, das heisst das Abwasser wird als Ressource gesehen. Die Idee ist, z.B. in einem Haushalt das Abwasser zu 100% zu verwerten oder recyclen. Das hat vor allem Sinn in ländlichen Gegenden mit Wassermangel und ohne Stromanschluss. Bedenken wir, dass in Lateinamerika rund 50% der Bevölkerung nicht an einem Abwassersystem angeschlossen sind. ECOSAN-Konzepte sind da eine günstige Alternative. Wir entwickeln gerade eine integrale, aber kostengünstige Lösung für ländliche Haushalte, wo die Wassergewinnung über Regenwasser und die Energieversorgung über Sonnenenergie miteinbezogen sind. Das Ganze wird zuerst in Pilotprojekten ausprobiert und dann umgesetzt. Neben diesen Themen gibt es noch andere, wo wir Forschungs- und Handlungsbedarf sehen. Die Absicht ist, bis zu 15 Professoren durch internationale Ausschreibungen anzustellen. Mit dem administrativen Personal und Assistenten wird der Personalstand auf über 30 anwachsen. Während in Lateinamerika vor allem Wassermangel und die Qualität des Wassers zu den dringendsten Problemen gehört, ist das im Alpenraum weniger der Fall. Was erachten Sie dort für die großen Aufgaben? Jürgen Mahlknecht: Die Wasserkrise sollte man nicht unterschätzen: sie hat indirekt Auswirkung auf Südtirol. Im letzten Weltwirtschaftsforum in Davos wurden die Themen Wasserkonservierung neben Terrorismus und Klimawechsel als wichtigste Themen eingestuft. Es gibt zwar genug ­Wasser auf dem Planeten, aber es ist ungünstig verteilt. Ein Geldtransfer schafft man sekundenschnell, Wasser zu verteilen, ist weit komplizierter. Es gibt Konflikte rund ums Wasser schon hier in Mexiko zwischen Bundesstaaten oder zwischen verschiedenen Wirtschaftssektoren, auch zwischen Mexiko und den USA, die ja den Rio Grande/Rio Bravo teilen. Jemand hat einmal behauptet, dass der nächste große Krieg nicht ums Erdöl geht, sondern ums Wasser. Das klingt zwar apokalyptisch. Tatsache ist, dass es für das Erdöl Alternativen gibt, Wasser kann kaum von einer anderen Resource ersetzt werden. Wir können viel erreichen, wenn wir Wasser effizienter nutzen. Letztlich kommen wir nicht darum herum, die Entwicklung zur Entsalzung von Meerwasser voranzutreiben. Momentan ist das noch kostspielig, aber in vielen touristischen Orten schon gang und gäbe. Ökologisch gesehen: Was sind die langfristigen Auswirkungen von Wildbachverbauungen, omni-präsenten Beregnungsanlagen oder auch Riesenkraftwerken? Jürgen Mahlknecht: Der Mensch hat immer einen Hang zum Großen. Große Projekte haben enorme Konsequenzen in vielerlei Hinsicht. Die weltweite Tendenz für die Wasserversorgung müsste heute sein, kleine Staudämme - sogenannte „check dams“ – zu konstruieren, wenn wir dem Nachhaltigkeitskonzept entsprechen wollen. Das heisst, diese sind kostengünstiger, können von der lokalen Bevölkerung unter Anleitung eines Ingenieurs selbst gebaut werden, entwurzeln nicht die Einwohner, sind ökologisch vertretbarer und geben der lokalen Bevölker­ung eine gewisse Identität und Würde.
Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein
Vinschger Sonderausgabe

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