Bienenhäuser aus Hanf
Werner Schönthaler und das Projekt „Beefriendly homes“
Werner Schönthaler (links) und Heinz Richner von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (Institut für Baustoffe) bei einer Besprechung.
Ein Bienenstock aus Hanf.
Passt in jeden Garten: Ein eckiges Bienenhaus.
Werner Schönthaler beim „Hanfbrechen“.

Die Bienen und der Hanf 

Wie Werner Schönthaler und eine Schweizer Uni auf die Idee kamen Bienenhäuser aus dem Nutzstoff Hanf zu entwickeln. 

Publiziert in 4 / 2020 - Erschienen am 4. Februar 2020

Eyrs - Alles begann mit einem E-Mail im Winter 2018. Daniel Boschung, von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) meldete sich bei Werner Schönthaler. Die Idee: Bienenhäuser aus Hanf zu produzieren. Sinn und Zweck: Dem Bienensterben entgegenwirken und auf Nachhaltigkeit setzen. „Weniger Honig, mehr Biodiversität“ lautet dabei beim Projekt „Beefriendly homes“ das Motto. 
Aber der Reihe nach: Der heute 42-jährige Werner Schönthaler setzt schon lange auf Hanf als Nutzstoff, vor allem in der Baubranche. Schönthaler, der im elterlichen Familienbetrieb in Eyrs unter anderem als Bauberater arbeitet, führte bereits vor einigen Jahren den Hanfziegel ins Sortiment des Unternehmens ein. So werden bei der Firma „Schönthaler“ (Betonsteinwerk und Baustoffhandel) industriell Ziegel aus Hanf bzw. Hanfsteine angefertigt. 2016 entstand oberhalb von Tschengls Südtirols erstes Wohnhaus aus Hanf. Schönthaler selbst erfüllte sich hier einen Traum. Dafür kaufte er den Castelatsch-Hof, sanierte das rund 500 Jahre alte Haus, und erbaute sich sein „Hanf-Haus“. 
Man müsse sich auch Träume erfüllen und dennoch einfach und bewusst leben, erklärt er im Gespräch mit dem
der Vinschger. Der 42-Jährige weiß wovon er spricht: 2002 hatte er sich bei einem Skiunfall lebensgefährlich verletzt, blieb anfangs querschnittsgelähmt. Monate danach konnte er wieder gehen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist äußerst gering. Der Unfall und die Zeit danach haben ihn verändert. Langsam fand er zurück ins Leben. Heute ist er ein Mensch voller Tatendrang, setzt auf neue Denkweisen und ein nachhaltiges Leben. An der Hofstelle, nahe dem idyllischen Wald, hält er nicht nur Workshops zum Thema Hanf, sondern dort wurde auch an den ersten Bienenhäusern gewerkelt. Die speziellen Häuser aus Hanf dürften dabei bisher einzigartig sein.

Bienensterben als weltweites Problem

„Das Bienensterben stellt auf der ganzen Welt ein Problem dar. Seit rund 200 Jahren gibt es die Massentierhaltung von Bienen. In den vergangenen Jahren gab es diesbezüglich aber immer mehr Probleme“, weiß Daniel Boschung von der ETH. Früher habe die Biene eigentlich in ausgehöhlten Baumstämmen gelebt. Heutige Honigimkerkästen haben laut ETH Zürich oft ein Volumen von bis zu 140 Liter. „Der Imker bricht die Weiselzellen mit den jungen nachwachsenden Königinnen raus, damit das Volk nicht schwärmen kann, dadurch größer wird und mehr Honig eintragen kann“, erklären die Forscher der Universität. Daher arbeiten in solchen, meist zu geräumigen Kästen (auch Beuten genannt) oft „zu große“ Völker. Ein Volk besteht aus einer Königin und 40.000 bis 60.000 Arbeitsbienen. In Südtirol gibt es etwa 6000 Bienenvölker, ein Volk liefert durchschnittlich 15 Kilogramm, also etwa 20 Liter Honig pro Jahr. Stress sei dabei laut Forschungen vorprogrammiert. 
Der Stress sei ein Faktor für das Bienensterben, aber viele weitere Gegebenheiten spielen eine Rolle. Die Klimaveränderungen etwa, vorgezogene Blütephasen, lange Wärmeperioden im Winter und dergleichen, machen es den Bienen schwer. Hinzukommen Viren und Krankheitserreger, sowie die Ausbringung von Pestiziden und dergleichen. Und wenn die Bienen in der Natur nichts mehr finden, müssen sie gefüttert werden. Bienen produzieren Honig und müssen dafür Zucker zu sich nehmen. Das ist laut ETH Zürich nicht unbedingt gesund für die Tiere. Die größte Problematik sehen die Forscher aber in den falschen Behausungen. 
Die derzeitigen herkömmlichen, recht großen Bienenhäuser sind meist aus Holz gebaut. „In den Häusern kommt es zu großen Temperaturschwankungen, was den Bienen gar nicht gut tut. Im Winter kommt es häufig zu Schimmelbildung. Die Forscher an der Uni führten mehrere Proben durch. Kleinere Bienenkästen, vorzugsweise auch aus Hanf, seien demnach ideal für die Tiere“, bringt es Schönthaler auf den Punkt. Viele Imker seien deshalb auch aufgeschlossen für neue Ideen. Die Imkerei sei nämlich ein wichtiger Zweig in Südtirol. Mit den neuen, kleinen Bienenhäusern aus Hanf könne man zwar noch nicht kommerziell Honig für den Verkauf herstellen, „aber man würde die Bienenvölker unterstützen“, so Schönthaler. 

Raum für Weiterentwicklung 

Das Ziel sei es Bienenkästen zu schaffen, die es den Honigbienen wieder erlauben sich selbstständig, ohne Eingriffe eines Imkers, weiterzuentwickeln und sich den Umweltgegebenheiten anzupassen. Mit dem Projekt „Bienenhäuser aus Hanf“ wolle man der Honigbiene wieder mehr Raum für die Weiterentwicklung geben. Ein Beispiel: In den vergangenen Jahren habe es viele Diskussionen zum Thema Varroamilbe gegeben. Diese soll einer der Hauptgründe für den Rückgang der Honigbienenpopulation sein. Neueste Forschungen zeigen jedoch, dass die Honigbiene mit der Varroabelastung selbst umgehen könne, wenn sie nicht zusätzlich von den Imkern durch Honigentnahme, diverse Behandlungen und nicht artgerechter Behausungen gestresst werde. 

Landwirte als „Bienenunterstützer“?

Es brauche daher passendere Unterkünfte für die Honigbiene, wie eben die „Beefriendly homes“. Die werden dann von den Bienen selbst bezogen oder aber könne man auch ein Bienenvolk hineingeben. Das heißt, der Bienenunterstützer brauche nichts zu machen. „Freilich, für den kommerziellen Honig-Verkauf ist das nicht geeignet, da zu wenig produziert wird. Aber einige Liter kann man schon rausnehmen, also für den Eigenbedarf und um gleichzeitig die Honigbienen zu unterstützten, ist das sinnvoll“, weiß Schönthaler. Solche „Bienenunterstützer“ könnten etwa Landwirte sein, welche die Bienenkästen aus Hanf in ihren Anlagen aufstellen. „Die Bienen können dann als Nutztiere arbeiten“, erklärt Schönthaler. Aber auch für private Gärten seien solche Häuser geeignet. „Oder aber natürlich im Wald“, so Schönthaler. Auch in Städten, Parks oder gar auf Hochhäusern könne man die Produkte aufstellen. Das innere Volumen der Bienenkästen betrage 30 Liter, was der Größe von natürlichen Baumhöhlen in der freien Natur entspricht.
Die Behausungen werden nach wie vor getestet und die darin lebenden Bienen überwacht. Als nächster Schritt sollen die Behausungen zu einem Bausatz industrialisiert werden. In erster Linie gehe es aber auch darum, das Wissen weiterzugeben. Die Bienenhäuser könne man mit dem entsprechenden Material nämlich bald problemlos selbst produzieren. Das Material um ein Bienenhaus aus Hanf selbst zu bauen dürfte laut derzeitigen Schätzungen rund 50 Euro kosten.

Michael Andres
Michael Andres
Vinschger Sonderausgabe

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