GEO-Tag 2011: Damit Artenvielfalt grenzenlos bleibt
Einmalig in Südtirol: das Mündungsdelta des Suldenbaches.

Die Natur unter die Menschen und die Menschen in die Natur bringen

Publiziert in 25 / 2011 - Erschienen am 29. Juni 2011
Am 25. Juni 2011, ab 19.00 Uhr, versuchten die Partner des GEO-Tages der Artenvielfalt Bilanz zu ziehen. Das Naturmuseum Süd­tirol, der Schweizerische Nationalpark, der Nationalpark Stilfserjoch, die UNESCO Biosfera Val Müstair, das Amt für Naturparke der Autonomen Provinz Bozen und die Umweltschutzgruppe Vinschgau blickten auf einen intensiven Tag der Zusammenarbeit zurück. 24 Stunden lang hatten 60 Forscher und Spezialisten über die Staatsgrenze hinweg den Bestand von 25 Tier- und Pflanzengruppen erhoben. Die Idee, den GEO-Tag im ­Münstertal zu verbringen, kam von der Umweltschutzgruppe Vinschgau. Günther Schöpf Fast die Hälfte der gut 120 Personen, die erwartungsvoll in der Turnhalle saßen und sich die Bilanz einer noch nie dagewesenen Forschungs- und Erkundungsaktion anhören wollten, gehörten zur Kategorie Experten. Die andere Hälfte setzte sich aus Interessierten zusammen, die sich zwischen 6.00 Uhr morgens und 18.00 Uhr abends am Exkur­sionsangebot der Veranstalter des 12. Süd­tiroler GEO-Tages der Artenvielfalt bedienten und sich als Vogel-, Fisch-, Pflanzen-, Landschafts- und Renaturierungskundler fühlen durften. Eine Handvoll davon stand 12 Stunden auf den Beinen und hatte den Tag der Artenvielfalt und alle vier Exkursionsangebote nicht nur genossen, sondern auch überstanden. Für Otto Normalverbraucher begann der Tag je nach Entfernung vom Treffpunkt am Fernheizwerk Taufers noch vor dem Morgengrauen. 29 Neugierige, davon ein Drittel Einheimische, acht Schweizer Bürger, ganz wenige Vinschger, darunter Nationalparkdirektor Wolfgang Platter, und drei Parkaufseher vertrauten sich der ornithologischen Kompetenz des Prader Biologen Udo Thoma an. Erwartungsvoll marschierte die Gruppe der „Hobby­vogelforscher“ zur „Feldforschung“. Die fand in unterhaltsamer Weise zwischen den Feldern von Rondill und Turnauna statt. In den rätischen Fluren und später auf einem schmalen Bergwaal versuchten die Ge­übteren zu unterscheiden und die anderen überhaupt zu hören. Der neue Kosmos-Vogelführer wurde zu Rate gezogen, während man den „schöneren Männchen“ und den „biologisch wertvolleren Weibchen“ lauschte. Udo Thoma ließ es nicht bei Mönchsgrasmücke, Goldammer, Zippammer und beim kleinsten Fink, dem Girlitz, bewenden. Über 30 Vogelarten wird ein Teilnehmer in der kurzen Zeit notiert haben; aber der Neun­töter im „typischen Neuntötergebiet“ war nicht auszumachen. Die Wüste lebt Nach dem Zwitschern im Münstertal folgte das Rauschen des Suldenbaches in den ­„Prader Sanden“. Die Teilnehmer hatten Glück, Wolken verhinderten das Vinschger Wüstenerlebnis in einer Einöde, die keine ist, wie der Zoologe Johannes Dietl der 32 Teilnehmer starken Gruppe zu erklären versuchte. Nach vergeblichem Anschleichen von Smaragdeidechse und Ringelnatter, gönnte man sich einen Fernglasblick auf einen seltenen Bewohner. „Eigentlich ist der ‚Mornellregenpfeifer’ der Aufhänger gewesen, dass das Gebiet dann letztendlich unter Schutz gestellt worden ist“, erzählte Dietl. Die Teilnehmer, diesmal um Bozner und Meraner erweitert, nahmen staunend zur Kenntnis, dass der kaum amselgroße Vogel an sich in den ­Tundren von Skandinavien bis nach Ost-­Sibirien verbreitet ist. In Mitteleuropa soll es nur sehr wenige Paare geben. Während der Graureiher fast wie bestellt vor den Augen der Teilnehmer einen neuen Standort ansegelte, wagte sich Johannes Dietl in die kalten Fluten des Suldenbaches, um eine „Deutsche Tamariske“ zu bergen. Das trübe Schmelzwasser vereitelte die Suche nach Köcherfliegen-Larven und leitete über zum Besuch im Nationalparkhaus „aquaprad“. Die Larven wären nützliche Helfer beim Putzen der Aquarien, erzählte Dietl. Kontrastreicher konnte der Übergang vom Rauschen, Sirren und Zwitschern in den Sanden zur geräuschlosen Unterwelt von Bächen, Flüssen und Seen nicht sein. Der Satz: „Was es so alles zu sehen gibt in unserem Tal“, drückte nicht nur das Staunen des Erstbesuchers aus, sondern wohl auch die Erkenntnis, dass man überall im Vinschgau Erstaunliches erleben kann. Ökologie trotz Ökonomie Der Nachmittag gehörte dem „Rom-Bach“, der im Vinschgau Ram-Bach heißt. Im ­Minutentakt und vor allem im Schritttempo wurden 40 freiwillige „Flussgänger“ von Lehrerin und Pro Natura-Vertreterin Grettina Weber, der „Umweltnaturwissenschaftlerin“ Regula Bollier und dem Forstingenieur Hansjörg Weber „al la Riva del Rom“ entlang geführt. Während sich die Grüppchen der ­Wissenschaftler mit ihrer mikroskopisch kleinen „Ausbeute“ vom Amphibien-Laichplatz „Plaun Schumpeder“ zur Sammel- und Auswertungsstelle in Taufers begaben, marschierte die lange Reihe der Amateurforscher durch die Auen, wurde in botanische Seltenheiten eingeweiht, hörte vom Ringen um den Abbau einer Mülldeponie und von Kompromissen bei der Errichtung von Brückenunterführungen. Am E-Werk in Chasseras wurde den Teilnehmern die fast 20-jährige Geschichte um die „Münstertaler Stromwirren“ erzählt. Im Rückblick war das Projekt UNESCO Biosfera Val Müstair der eigentlichen Gewinner des GEO-Tages. Man hatte die Anwesenheit vieler renommierter Wissenschaftler und ihrer Angehörigen genützt, um am Tag zuvor im Gemeindesaal von Müstair Untersuchungsergebnisse zum Tourismus bekannt zu geben. Es war mehr als Symbolik, dass die Val Müstairer am 25. Juni 2011 in die Turnhalle der Münstertaler gegangen waren und die Fahne des Parc Naziunal aufgepflanzt ­hatten. Vielleicht war es auch symbolisch, dass der Tagungsort durch eine vorgelagerte Baustelle wie im Aufbruch wirkte. Entdeckt, registriert, gespeichert Die Präsentation der Ergebnisse zog sich in die Länge; kein Wunder bei 25 Tier- und Pflanzengruppen von Flechten bis Kreuzotter und von Kieselalgen bis Hirschkalb. Subalpine Magerweiden, montane ­Trockenweiden, Auwald, Tümpel, montaner Mischwald, Bach-, Kiesel- und Moorflächen wurden in der Schweiz unter die Lupe genommen. In Südtirol sah man sich auf Trockenrasen, im Fichten-, Tannen- und Auwald um, auf Mähwiesen, Lesesteinhäufen und in Hecken, im Lärchenweidewald, auf subalpiner Trockenweide und im Rotföhren- und Flaumeichenbestand. „Wir haben die unglaubliche Zahl von 1.800 Arten registriert“, verkündete zufrieden Projektleiter Thomas Wilhalm (im Bild). Die Datenbank des Museums werde sich füllen. Von den 25 Gruppensprechern referierten Projektleiter Wilhalm über Gefäßpflanzen, Zoologie-Koordinatorin Petra Kranebitter über Heuschrecken, vom Landeslabor in Leifers Birgit Lösch über die Flusssohlenbewohner. Der Schweizer Nachbarn wurde vertreten vom Fischexperten Nicola Gaudenz und Reptilien-Experten Pio Pitsch. Vitus Zingerle, Direktor des Naturmuseums, Ruedi Haller vom Schweizerischen Nationalpark, Wolfgang Platter, Direktor des Nationalparks Stilfserjoch, und Vizebürgermeisterin Roselinde Gunsch Koch sahen die fruchtbringende Zusammenarbeit als wichtiges Ergebnis des GEO-Tages 2011.
Vinschger Sonderausgabe

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.