Die Nordwandlerin
Michaela Abart, die Nordwandlerin

Die Nordwandlerin

Publiziert in 11 / 2006 - Erschienen am 31. Mai 2006
Was macht sie so besonders? Ihre naturlockigen Haare, ihre lebhaften Augen, ihr „normaler“ Körperbau? All das verrät nichts von ihrer körperlichen Leistung, die sie vermutlich als Vinschgerin einzigartig macht. Michaela Abart hat seit einigen Jahren das Bergsteigen für sich entdeckt. Als Kind begleitete sie oftmals die Gäste aus ihrer Frühstückspension auf die umliegenden Berge. Eigentlich nichts Besonderes. Dann, als ehemalige Langläuferin, tauscht sie die Langlaufskier gegen die Alpinskier. Sie macht mit Bekannten einfache Skitouren. Seit sie mit ihrem Freund Andreas Thöni aus Burgeis mehr in den Bergen unterwegs ist, werden auch die Touren immer extremer. Sie sagt, aus der Not heraus. Sie will mit ihm Touren unternehmen, also muss sie auch die schwierigeren mitmachen. Mit dem Sportstudium verbessert sich ihre Kondition, nun fällt es ihr immer leichter „mitzuhalten“. Auf den Skiern fühlt sie sich wohl, zu Fuß bezeichnet sie sich selbstkritisch als „Angsthase“ und fühlt sich nicht ganz schwindelfrei, wenn das Gelände ausgesetzt ist. 2004 fährt sie mit Skiern die Minnigerode-Rinne am Ortler ab, 2005 die Trafoier Eiswand. von Andrea Kuntner Meist allein unter Männern. Manchmal nervt sie das, sagt Michaela Abart, manchmal. Aber es lassen sich kaum Kolleginnen in unserer Gegend finden, die mitgehen. Bergsteigerinnen hingegen schon, aber im Sommer ist Michaela lieber auf dem Mountainbike unterwegs. Aber im Winter, da gibt es kaum Skitourengeherinnen, zumindest keine, die mit ihr mitgehen wollen. Michaela hat unlängst die 1.200 Meter hohe Nordwand des Ortlers durchstiegen, gemeinsam mit ihrem Freund. Sie ist möglicherweise eine der ersten Vinschgerinnen, die das geschafft hat. Welche Bedeutung hat diese Wand für sie? „Ich bin überwältigt. Habe einige Tage gebraucht, um dies zu verarbeiten“, meint sie nachdenklich. Eigentlich war dies eine spontane Entscheidung, eigentlich wollten sie oberhalb der Gurgl noch umkehren, mit den Skiern wieder abfahren. Eine Woche vorher waren zwei „Nordwandler“ abgestürzt, mitgerissen von einer Eislawine. „Ja, das macht nachdenklich. Wo ist es passiert? Wie?“, sagt sie. Von oben hören sie es immer wieder krachen. Sie steigen Meter für Meter weiter, bis knapp unter den Gipfel, durch die Nordwand. Hier ihre Eindrücke: „Mein Weg durch die Ortler Nordwand“ „Es ist das ursprüngliche, bedürfnislose Leben, das ich am Bergsteigen so liebe, die Zeitlosigkeit des Gehens – ein Schritt nach dem anderen. Die Berge um mich herum strahlen unendlichen Frieden aus, und ich habe das Gefühl, mit der unberührten Natur in diesen Höhen zu verschmelzen. Vor sechs Jahren bin ich das erste Mal über den Hintergrat auf den Ortler gestiegen. Damals glaubte ich meine körperliche Grenze bereits erreicht zu haben. Überglücklich am Gipfel, glaubte ich, nie wieder diesen Ausblick genießen zu können. Es kam anders. In den folgenden Jahren bezwang ich über verschiedene Routen wie die Harprechtrinne, den Meraner Weg, die Minnigeroderinne (Abfahrt mit Skiern) den Ortlergipfel. Immer neue Herausforderungen und gleichzeitig neue Grenzen habe ich dadurch abgetastet. Der ständige Blick in die faszinierende überwältigende Nordwand des Ortlers hat mich stets bewegt, fasziniert von den Leistungen der Menschen, die diese Wand bezwungen haben. In mir reifte der Wunsch, vielleicht irgendwann, bei guten Verhältnissen, auch hoch zu steigen. Es war jedoch nur ein Wunsch. Niemals hatte ich geglaubt, dass ich die von Hans Kammerlander in seinem Buch ‚Bergsüchtig’ als höchste Eiswand der Ostalpen bezeichnete Nordwand, irgendwann durchsteigen werde. Am Freitag, 12. Mai 2006, ist es so weit. Um zwei Uhr in der Früh klingelt der Wecker. Eigentlich habe ich die Skitourensaison für heuer schon abgeschlossen und vom Frühaufstehen habe ich genug. Soll das mein großer Tag werden – die Besteigung der Ortler Nordwand, die wahrscheinlich schwierigste und höchste Eiswand der Ostalpen? Um ca. vier Uhr starten wir von Sulden. Den Rucksack beladen mit Seil, zwei Eispickeln und den Skiern. Anfangs tragen wir die Skier noch, dann aber können wir sie anschallen und wir gelangen so bis zur Randspalte der Ortler-Nordwand. Gegen sechs Uhr sind wir bei der Randspalte, dann heißt es Skier abschnallen, auf den Rucksack binden. Nun geht es mit Steigeisen und Stöcken weiter, denn nur Schnelligkeit bedeutet Sicherheit. Rasch steigen wir ohne Seil und Sicherung. Die Steinschlaggefahr ist groß, sie besteht bis zur Mitte der Route. Diesen Teil bildet eine mächtige Wand, in deren Mitte sich Lawinen ihren Weg bahnen. Da sammelt sich, wie in einem Trichter, alles, was von oben herunterkommt, ein Ausweichen ist praktisch unmöglich. Bis zur ‘Gurgl’, dem Trichter, spuren wir in teilweise knietiefem Schnee und kommen nur langsam weiter. Rechts über uns türmen sich die Seracs des Oberen Ortlerferners – unheimlich. Meine Gedanken: So rasch wie möglich weg von hier. Die Gefahr wird größer, je länger wir in diesem Wandstück stecken. Nach ca. zwei Stunden erreichen wir die ‘Gurgl’. Wenn ich nach oben in die Wand blicke, dann wird mir angst und bange. Kein Firn, nein, das totale Blankeis!. Wir hätten die Möglichkeit, mit den Skiern abzufahren, doch wir entscheiden uns weiter zu gehen. Die Verhältnisse in der Wand lassen es nicht zu, dass wir frei weiter steigen, d.h. jetzt werden wir alles sichern müssen und das bedeutet, wir werden nur langsam vorankommen. Mit Eispickel und am Seil steigen wir weiter bis zum Ausstieg. Volle Konzentration ist angesagt, kein Fehler darf gemacht werden. Respekt vor dem Blankeis kommt auf. Eispickel sauber setzen, Eispickel sauber setzen, zwei, drei Schritte, und das ca. 18 Seillängen lang. Wenn ich auf meine Steigeisen schaue, dann sehe ich, dass gerade mal die Frontzacken im Eis stecken. Meine Gedanken kreisen um die Frage: Ob das wohl hält? Ich werfe mir vor: Wäre ich im Winter nur öfter Eisklettern gegangen, so hätte ich mehr Praxis sammeln können. Aber es hilft nichts, ich muss weiter. Es war ziemlich warm und kleine Steine surrten durch die Nordwand. Es waren keine sonderlich großen, aber ein Treffer hätte für uns tödlich sein können. Wir sind im letzten Drittel. Ich bin überglücklich, wir haben das Schlimmste überstanden, von oben droht uns kaum mehr Gefahr. Jetzt liegt es nur noch an uns, sicher weiter zu klettern. In der letzten Seillänge kann ich wieder Firn unter meinen Steigeisen spüren. Ein schönes Gefühl, meine Waden zittern bereits wegen des ständigen Stehens auf den Frontzacken. Nun kann es nicht mehr weit sein, dann habe ich es geschafft. Der Kopf ist schon lange müde. Erleichtert stehe ich wenig später auf dem Ortlerplateau. Eine wunderschöne Abfahrt mit Pulverschnee und Firn bis nach Trafoi belohnt uns für die Anstrengung. Ein Wunsch hat sich erfüllt, dass es bereits in diesem Frühjahr passiert, hätte ich mir nicht erträumen lassen.“ Ein Video hat ihr die Angst vor der mächtigen Eiswand genommen, gedreht von Andy Thöni, als er mit seinen drei Bergfreunden im Herbst 2005 die Wand durchstiegen hat. Sie hat es sich während dem Filmschneiden im Winter mindestens 30 Mal angeschaut. Und welche Ziele bleiben noch? Michaela Abart lacht: „Jetzt habe ich keines mehr. Nein, Ende Juni möchte ich aufs Matterhorn. Aber für mich ist momentan das Schreiben der Diplomarbeit viel schwieriger als das Durchsteigen der Nordwand.“ Dann, sagt sie, dass ein Skiberg wie der 7.500 m hohe Muztagh Ata in China vielleicht eine Herausforderung wäre. Kann, aber muss nicht sein. Inzwischen genießt sie ihre Erinnerungen an die Nordwand, der Muskelkater ist verfolgen und äußerlich hat sich nichts verändert.
Andrea Kuntner
Andrea Kuntner
Vinschger Sonderausgabe

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