Immer schwieriger: Das Leben am Hang
Bergbauer Luis Hellrigl; im Titelbild sind die Tellahöfe über Taufers zu sehen.

„Die Viehwirtschaft wird immer mehr verdrängt“

Publiziert in 20 / 2011 - Erschienen am 25. Mai 2011
Taufers im Münstertal – Luis Hellrigl, Bauer am Bachhof an den Steilhängen der Tella über Taufers im Münstertal ist Bauer mit Leib und Seele. Seit 15 Jahren politisch aktiv, ist er derzeit unter anderem Ortsobmann und Landesobmann des Südtiroler Braunviehzuchtverbandes, Mitglied der ­Höfekommission, Obmann der Alminteressentschaft Tella und Gemeindereferent für Landwirtschaft in seiner Heimatgemeinde. „Der Vinschger“: Herr Hellrigl, stehen die Bergbauern auf der Liste der aussterbenden Arten? Luis Hellrigl: Meiner Meinung nach gilt das für Südtirol nicht so absolut. Aber wenn wir zum Beispiel weiter hinunter nach Italien schauen, da habe ich ganze Täler ­gesehen, wo kein Mensch mehr wohnt, kleine Bergdörfer sind ganz leer, vielleicht noch ein paar alte Leute, aber sonst niemand mehr. Ich hoffe nicht, dass es in Südtirol so weit kommt. Sie befürchten also bei uns keine solche Entwicklung? Luis Hellrigl: Nein, weil bei uns noch ein Bewusstsein vom Wert des Grundes besteht. Man muss aber immer auch die Einkommensentwicklung sehen. Die Jungen denken heute anders und dieses Recht muss man ihnen auch lassen. Früher hat man nicht Auto, Telefon, Fernsehen und manchmal nicht einmal den Strom gehabt. Das geht heute nicht mehr. Das ist heute kein Leben mehr. Welches sind im Vinschgau die herausragenden Probleme der Bergbauern? Luis Hellrigl: Ich sehe ein ganz großes Problem, das auf die Bergbauern zukommt. Die Talsohle ist die fruchtbare Zone: diese ist mit intensivem Obstbau belegt und die Viehwirtschaft wird immer mehr auf den Seiten hinauf gedrängt. Dann bleibt die öde Landschaft, die weniger fruchtbar ist und zudem einen riesigen Arbeitsaufwand erfordert. Es gibt sicher auch schöne Lagen, es gibt aber oben auch viele andere. Das zweite Problem sind die schrumpfenden Einkommen bei den Jungen. Ich selbst war in meiner Jugend immer weg vom Hof, denn das Geld, das ich in den Hof investiert habe, musste ich mir von anderswo her holen. Drittens sind immer weniger Leute am Hof und die Arbeit wird zuviel. Die paar, die übrig bleiben, sind dann so überlastet, dass sie kaum mehr zum Denken kommen. Die so genannten Nebenerwerbsbauern müssen überhaupt zwei Mal arbeiten. Wenn da die Familie und vor allem die Frau nicht mitspielt, dann ginge das sowieso nicht. Mein Wunsch wäre, dass sich da etwas ändert, aber das ist, ­glaube ich, eine Illusion. Welche Maßnahmen müssten dafür gesetzt werden? Luis Hellrigl: Wir wissen, wie unsere Wälder ausschauen, es wäre auch so viel zu erhalten, Almen, Bäche, Sümpfe wären zu bearbeiten. Das bleibt alles liegen. Wenn aber eine Mure abgeht, dann trifft das alle. Langfristig gesehen würde sich da die Arbeit der Bergbauern sicher rentieren. Fehlt es hier nicht auch am Selbstbewusstsein der Bergbauern, ob sie innerhalb unseres Wirtschaftssystems überhaupt eine Zukunft haben? Luis Hellrigl: Man müsste die Bergbauern sensibilisieren, dass sie noch nicht am absterbenden Ast sitzen, aber auch die Bevölkerung insgesamt. Da hat sich schon einiges gebessert. Aber da sind wir beim Thema: Bauern gibt es viele, das Spektrum ist breit: Obstbauern, Gemüsebauern, Bergbauern und andere. Der eine lebt in der Talsohle, der andere meist in den Berggebieten. Rechtlich gesehen ist Südtirol zur Gänze als Berggebiet eingestuft, insofern sind alle Bergbauern, von Bozen bis auf die Tella auf 1.700 Metern Höhe. Wir sind alle Bauern, aber es gibt doch Unterschiede, das weiß ein jeder, der Obstbauer so gut wie der Bergbauer. Ich streite nicht ab, dass die Obstbauern auch viel Arbeit haben, aber die können mit ein paar Hektar leben. Das geht bei einem Viehbauern nicht mehr. Müssen hier nicht die Bergbauern selbst die Initiative ergreifen? Luis Hellrigl: Es ist richtig, die Bergbauern müssen da selbst mitspielen und nicht auf Almosen warten; auch die Ideen müssen von uns kommen. Werden Konzepte für eine langfristige Erhaltung des Bergbauerntums erarbeitet? Luis Hellrigl: Ich denke im Landesbauernrat haben sie sicher Konzepte entwickelt und der Bauernbund arbeitet gewiss auch intensiv an diesen Sachen. Unsere Vertreter sind da sicher auch einbezogen und können mitentscheiden. Aber die Bergbauernvertreter haben mir auch berichtet, dass sie sich ­früher selten durchsetzen konnten. Vielleicht sollte man die Sache umdrehen, dass wir Bergbauern uns ein Konzept überlegen und der Bauernbund hilft uns, dieses ­umzusetzen. Sie arbeiten auch beim Projekt „Adam und Epfl“ mit. Worum geht es da? Luis Hellrigl: Es geht dabei um unsere schöne Kulturlandschaft. Wenn ich mir vorstelle, dass immer mehr Kirschenplantagen entstehen, die zudem noch mit Netzen überhängt werden! Bei der Landschaft sollten alle mitreden können, nicht nur der Grundbesitzer. Wenn wir alles zupflastern, glaube ich nicht, dass die Touristen weiterhin kommen. Die Blüte ist schön, aber sie dauert nur zehn Tage, und dann? Ich habe mir jetzt auch einen Acker mit Roggen angelegt. Warum tun sich die Bergbauern so schwer mit der Durchsetzung ihrer Anliegen? Luis Hellrigl: Das Hauptproblem ist, dass zu wenig geredet wird. Früher haben sich die Leute auf die Banklen gesetzt und sich zum Reden Zeit genommen. Heute rennt jeder am anderen vorbei, Missverständnisse entstehen, Neid und Hass bauen sich auf. Es geht einfach nicht, dass jeder nur auf sich schaut. Wie stehen Landesregierung und Bauernbund zum Projekt „Adam und Epfl“? Luis Hellrigl: Da fragen Sie mich schon etwas Starkes! Der Landesrat Berger ist darüber informiert und hat gemeint, dass man ihn auf dem Laufenden halten solle. Vom Bauernbund weiß ich, dass man dort gemeint hat, dass so etwas nicht von einer kleinen Gruppe ausgehen sollte, sondern von den bäuerlichen Strukturen getragen sein sollte. Wurden auch Maßnahmen überlegt, wie Viehbauern und Obstbauern zusammen arbeiten könnten? Luis Hellrigl: Davon weiß ich eigentlich nichts. Als Erntehelfer waren die Bergbauern tätig, aber das ist nicht unbedingt ein Austausch. Das Projekt könnte vielleicht dafür einen Anstoß geben. Es wäre sicher interessant, darüber nach zu denken. Was wären Ihre größten Wünsche für die Bergbauern? Luis Hellrigl: Zuerst wünsche ich mir, dass wir mehr miteinander reden. Diese Zeit müssen wir uns nehmen. Ein weiterer Wunsch wäre, dass der Bergbauer vom Hof leben kann. In der Schweiz geht das ja auch. Der dritte Wunsch wäre, dass der Bergbauer an der Erhaltung der Landschaft mitarbeiten kann, dass Landwirtschaft und Tourismus zusammenarbeiten und der Bauer sich so ein weiteres Standbein schaffen kann. Den Jungen sollten dadurch auch neue Perspektiven geboten werden, sonst bleiben sie nicht am Hof. Und ein ganz großer Wunsch, den ich bald vergessen hätte, wäre der Abbau von Bürokratie. Das wäre eine große Erleichterung für uns! Interview: Friedrich Haring
Friedrich Haring
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Vinschger Sonderausgabe

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