10 Jahre Vinschger

Die “Vinschger”-Art von Zeitung

Publiziert in 25 / 2003 - Erschienen am 25. September 2003
Wie Journalisten an ihre Informationen gekommen sind, sollte immer ihr Geheimnis bleiben. Dies war ein Grundsatz, den „Der Vinschger“ über die 10 Jahre herauf beherzigte. Die Folge: Leute trugen an uns Informationen heran, weil sie über bestimmte Missstände oder Ungerechtigkeiten nicht mehr schweigen wollten. Bereits 1993 werden wir mit Internas aus dem Bildungshaus Schloss Goldrain versorgt. Wir veröffentlichten, den hochdotierten Traumvertrag des damaligen Bildungsleiters Gerwald Wallnöfer, der kurz darauf zur neu zu gründenden Bozner Uni überwechselte. Einige Monate später kommt das Bildungshaus noch einmal in die Schlagzeilen. „Der Vinschger“ deckt das Finanzloch in der Bilanz auf. Ruhe findet die Einrichtung erst, als Präsident Robert Kaserer Ernst Steinkeller Platz macht. 1993 stellen wir als erste das 25 Milliarden Lire teuere geplante Beregnungsprojekt auf der Malser Haide vor. In der Folge entwickeln sich heiße Diskussionen. ‘96 wird das Thema in einer Titelgeschichte noch einmal aufgegriffen und im Falle einer Realisierung der „Tod für die ‘Kleinen’“ - gemeint die Kleinbauern - prognostiziert. In einer spektakulären Abstimmung wird das Projekt abgelehnt. Eine Hass-Liebe entwickelte sich zu anderen Bauern - zu den Obstbauern. Während die einfachen Mitglieder der Obstgenossenschaften durch uns ein Sprachrohr erhielten und sich über die Vergleiche der Auszahlungspreise im Tal ergötzten, kochten in den Chefetagen Geschäftsführer und Vorstände. In der Zwischenzeit ist das Verhältnis von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Doch es bleibt dabei: geschenkt wird nichts. Der Marmor als ein Identifikationspunkt für das Tal, war über die Jahre herauf immer wieder Thema von Titelgeschichten. Zuerst der Kampf der Lechner AG um die Rechte in der Jennwand. In den letzten Jahren und Monaten der Streit um die Bruchrechte im Göflaner Wantl. Immer wieder konnte „Der Vinschger“ exklusive Unterlagen veröffentlichen. Das Megading gelang im Juni ‘96: ein Interview mit dem Vorstandschef der Lechner AG, Bernhard Burgener in Basel. Er ist in der Zwischenzeit auch ein Thema für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Der „Schweizer Staubsauger“, so von der „Süddeutschen Zeitung“ bezeichnet, vermarktet mit seinem börsennotierten Unternehmen in der Zwischenzeit nicht nur die Fußball UEFA-Champions-League, sondern er hat auch seine Hand auf die berühmte Münchner „Constantin-Film“ von Bernd Eichinger gelegt. Ein besonderes Verhältnis pflegt „Der Vinschger“ zu den Bürgermeistern im Tale. 1995 sorgt das Ende der Ära Heinrich Kofler für Aufsehen. Das Titelbild mit dem „geknickten“ Schulmann, Philosophen und Politiker beeindruckte. Noch mehr Aufsehen erregte das Bild mit dem damals erst kurze Zeit amtierenden Marteller Bürgermeister Erich Grassl: mit militärischem Gruß, die Tricolore über die Brust gestreift und den Alpinihut auf dem Kopf, verabschiedet er mit warmen Worten die aus Schlanders abziehende Gebirgsartillerie. In der Folge wird Grassl mit einem Schiedsgerichtsverfahren der SVP bedacht. Dort freigesprochen, wird er aber von den Martellern als BM nicht bestätigt. 1997 wird „Der Vinschger“ mit brisanten Aussagen aus einer SVP-Ortsausschuss-Sitzung in Taufers i. M. versorgt. Kernsatz: Der Bürgermeister soll gehen oder er wird gegangen. Als Folge daraus die Titelstory: „Geasch fon alloan, odr miaß mr dr owehln?“ Heinrich Schgör geht nicht, wird aber 2000 abgewählt. Heftige Reaktionen löst die Titelgeschichte mit einem Rückblick auf das politische Wirken von Wolfgang Platter, Bürgermeister in Laas, im Jänner 2003 aus. Ein Urteil vom engsten politischen Begleiter Platters in diesen Jahren: „Über die Form lässt sich streiten, vom Inhalt her stimmt’s.“ Zu einem Dauerbrenner entwickelte sich in den Jahren seit ‘97 der Vinschger Stromstreit mit dem Land. Immer wieder kann „Der Vinschger“ Details, vertrauliche Unterlagen und entlarvende Interviews der Bevölkerung präsentieren. Es ist klar auf welcher Seite wir stehen. Im Jänner ‘98 nach einem Streitgespräch zwischen Energielandesrat Michl Laimer, Bezirkspräsident Sepp Noggler und dem damaligen SVP-Bezirksobmann Franz Bauer fragen wir: „Zieht das Land die Gemeinden über den Tisch?“ Prägnanter hätte man es nicht formulieren können, was sich in den folgenden fünf Jahren abspielte. Am Ende konnte der Vinschgau lachen. Wir freuen uns, dass wir zum Erfolgserlebnis ein klein wenig beitragen durften. Bei Personalentscheidungen hatte „Der Vinschger“ in den vergangenen zehn Jahren fast immer den richtigen Riecher - sei es als es im Duell zwischen dem Schlanderser Rechtsanwalt Armin Pinggera und dem Sarner Landesrat Alois Kofler um den Senatsposten in Rom ging oder als sich die SVP-Kandidaten für die diesjährige Landtagswahl stritten. Vor der Abstimmung prophezeiten wir das „Zwei plus Eins“. Dass wir mit unserem Wissen auch Krisen auslösen können, hat die langwierige Diskussion vor wenigen Wochen über die Nachbesetzung im Bezirksausschuss gezeigt. „Der Vinschger“ hatte den Richtigen mit Foto zwei Tage vor der Wahl präsentiert. Zu den amüsantesten Geschichten in den vergangenen Jahren gehört sicherlich die Reportage über die „Dagoberts“ des Tales. Die zehn Reichsten eines jeden Dorfes wurden auf Grund der Steuererklärung gelistet. Während die einen zürnten und mit Klagen drohten, waren andere beleidigt und zornig, weil sie nicht aufschienen. Ein Verdienst des „Vinschgers“ war es, das größte Tabu im Tale zu brechen. Über Selbstmorde schrieb man nicht, über Selbstmorde schwieg man. Im Sommer 1996 erschien eine Titelgeschichte zu diesem Thema und versuchte den Teppich ein wenig zu heben. Dass es jeden treffen kann, wurde uns einige Jahre später hautnah vor Augen geführt. Eine junge Praktikantin, die gerade an der Sommersondernummer arbeitete, starb im Juni ‘99 an den Folgen eines Suizidversuchs. In der Redaktion sind wir betroffen, stellen uns Fragen, haben hart daran zu arbeiten. Einig sind wir uns vor allem in einem, totschweigen ist der falsche Weg. Im Jänner 2003 befasst sich wieder eine Titelgeschichte mit dem „Phänomen Selbstmord“. In der Zwischenzeit gibt es Zahlen, der Mittelvinschgau hat südtirolweit die mit Abstand höchste Selbstmordrate. Nun ist es amtlich. Gefragt sind jetzt die Psychologen und Mediziner. Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen. Anerkennung fand „Der Vinschger“ für die Berichterstattung über den unfassbaren Elternmord in Partschins: einfühlsam, fundiert und erklärend sei geschrieben worden. Geschrieben habt „Der Vinschger“ auch über die eigenen Aktionäre und Mitglieder des Vorstandes. Im Nachhinein ist der Bericht über die mysteriösen Brände in den Firmen des Gründungspräsidenten der Vinschger Medien GmbH die Glanzleistung seit dem Bestehen. Wir waren das einzige Medium, das lange vor den polizeilichen Maßnahmen darüber schrieb. Was brachte „Der Vinschger“ für die Leser im Tale noch, • dass die Vinschgauer Dolomiten-Leser schon am Montag erfahren, was sich das Wochenende über im Tal ereignet hat. • dass an den Wochentagen in der Dolomiten auf zwei Seiten über den Vinschgau berichtet wird. • dass die Vinschgau-Redaktion der Dolomiten auf drei fixe und mehrere freie Mitarbeiter aufgestockt wurde. • und dass am Montag die meisten Vinschger Haushalte gratis mit der „Vinschger Dolomiten“ eine Zusammenfassung der Dolomiten-Beiträge ins Haus geschickt be- kommen.
Vinschger Sonderausgabe

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