Oberschulzentrum Claudia von Medici: Adel verpflichtet
Die Schulband bei der Probe (von links): Marjan Zerzer (HOB), Patrick Delugan, Hans Zoderer, Elmar Andres, Carolin Stecher (alle LESO), Stefan Innerhofer (Sport); es fehlt Annabel Malter (HOB)

Drei Schulen unter einem Dach

Publiziert in 7 / 2010 - Erschienen am 24. Februar 2010
Mals – Das Oberschulzentrum Claudia von Medici in Mals ist in einer glücklichen Lage. Am Ortseingang gelegen und mit bester Anbindung an die ­öffentlichen Verkehrsmittel Bus und Bahn befinden sich alle drei Oberschulen, die Handelsoberschule, die Lehranstalt für Soziales und die Sportoberschule unter einem Dach. ­Diesen Vorteil weiß auch Direktor Gustav Tschenett zu schätzen, der seit zwei Jahren Direktor der Schulgemeinschaft ist. Insgesamt 520 Schülerinnen und Schüler besuchen die drei Matura führenden Oberschulen in Mals; sie kommen aus dem Einzugs­gebiet Mittel- und Obervinschgau für die HOB, Vinschgau und Burggrafenamt für die LESO und aus Südtirol, der Schweiz, ­Österreich, Deutschland, Italien und sogar aus Polen für die Sportoberschule. Anlässlich der 25-Jahr-Feier 1992 des Oberschulzentrums von Mals wurde die Schule auf Beschluss der Lehrerschaft nach der Tiroler Landesfürstin Claudia von Medici benannt. Man wollte mit der Namensgebung die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Bedeutung der Landesfürstin im 17. Jahrhundert für den Oberen­ Vinschgau und das Land ­Tirol unter­streichen und jene Prinzipien der Landesfürstin hervor­heben, von denen sich die Schulgemeinschaft bis zum heutigen Tag tragen lässt. von Ingeborg Rechenmacher Von Übungsfirma bis Unternehmensführung Ganz nach den Prinzipien der Tiroler Landesfürstin Claudia von Medici legt die Handelsoberschule Mals in enger Zusammenarbeit mit dem unternehmerischen institutionellen Umfeld des Mittel- und Obervinschgaus Wert auf fundierte Allgemeinbildung, auf ein praxisnahes hohes Anforderungsprofil in Fachwissen, Fremdsprachenkompetenz, Medienkompetenz und Persönlichkeitsbildung. 120 Schüler, davon 66 Mädchen, besuchen heuer die HOB Mals, die aus der 1967 gegründeten Kaufmännischen Lehranstalt und späteren Lehranstalt für Wirtschaft und Tourismus hervorgegangen ist. Vorzeigeprojekte der HOB sind die simulierten Übungsfirmen PowerLine und all4­you mit dem Ziel eines handlungs- und praxisorientierten Unterrichts. Es geht für die Schüler bzw. Mitarbeiter darum, in der eigenen Firma ein Sortiment aufzubauen, sich am Übungsfirmen-Markt zu etablieren, mit den Tücken des Betriebsverwaltungsprogramms zurechtzukommen und auf kommunikativer Ebene die verschiedensten Erfahrungen zu sammeln. In diesem Schuljahr werden die Schüler an einer dreitägigen ÜFA-Messe auf einem Schiff von Civitavecchia nach Barcelona in italienischer Sprache teilnehmen. Für Direktor Tschenett ist auch das Projekt HOPPE eine wertvolle Bereicherung des Unterrichtes. „Unsere Schüler arbeiten mit Fachleuten aus der Praxis zusammen, sie sind ja die künftigen Mitarbeiter“, so der Direktor. „Die Schüler erhalten einen Einblick in die Berufswelt und vielleicht erleichtert das ihre Entscheidung über ihren künftigen Berufsweg.“ Von Psychologie bis Biologie  Die Lehranstalt für Soziales (LESO) bietet wie alle anderen Oberschulen eine grund­legende Allgemeinbildung. Dem Schultyp entsprechend führt die LESO zudem mit ihren psychologisch-pädagogischen, medizinischen und praktischen Inhalten die Schülerinnen und Schüler an die sozialen Berufe heran. 250 junge Menschen, davon 25 Burschen, haben sich für den Besuch dieser Schule in Mals entschieden. Neben der Vermittlung der Fachinhalte steht das Zusammenleben in der Gesellschaft mit all seinen Facetten im Mittelpunkt des Interesses. So haben die Schülerinnen und Schüler bereits ab der 3. Klasse zahlreiche Praxisstunden in sozialen Einrichtungen, wie Krankenhaus, Alterheim usw.. Der Arbeitsmarkt, vor allem im sanitären Bereich, bietet gute Möglichkeiten zum Berufseinstieg, wenn entsprechende Ausbildungswege abgeschlossen wurden. Nach bestandener Matura sind die Absolventen Fachkräfte für soziale Dienste (FSD) und besitzen die besten Voraus­setzungen für die Claudiana in Bozen, die sozialpädagogische Universität von Brixen und für jedes weitere Universitäts­studium. Die Sportlerschmiede Die Sportoberschule gibt es seit dem Schuljahr 1994/95 als Novum auf dem Südtiroler Schulsektor. Im Rahmen einer Handelsoberschule wird den Schülerinnen und Schülern sowie Leistungssportlern die Möglichkeit geboten, Schule und Wintersport zu vereinen. Nicht wenige der Absolventen sind heute aus dem internationalen Wintersportgeschehen nicht mehr wegzudenken. So standen insgesamt elf Spitzensportler, die in Mals die Schulbank gedrückt haben, auf der Teilnehmerliste für Olympia in Vancouver, und zwar Manuela Mölgg, Nicole Gius, Manfred Mölgg, Werner Heel, Christoph Innerhofer und Dominik Paris im Ski Alpin, Markus Windisch, Christa Perathoner und Karin Hofer im Biathlon, Thomas Moriggl im Langlauf und Sandra Gasparini im Kunstbahnrodeln. Die Naturbahnrodler verzeichnen ebenfalls Spitzenerfolge, ihre Disziplin ist allerdings nicht olympisch. Schulbeginn der Sportoberschule ist bereits der 1. September, Schulschluss Ende Juni; im Sommer sind zwei bis drei Trainingscamps zu besuchen. Da die Sportoberschüler unregelmäßig den regulären Unterricht besuchen können, stellen die Lehrer sämtliche Lernmodule ins Netz, und jeder Schüler hat die Verpflichtung sie abzurufen. Zudem wird ein digitales Klassenbuch geführt, zu dem Schüler wie Eltern Zugang finden. 20 Trainer stehen den 150 Sportoberschülern, davon 46 Mädchen, zur Ausübung ihrer Sportart zur Verfügung. „Und Schnee haben wir in eineinhalb Stunden 365 Tage im Jahr“, so Direktor Tschenett. Der Besuch der Sportoberschule ist nicht umsonst; er kostet die Eltern 1.500 Euro im Jahr; einen Großteil trägt das Land Südtirol bei und ein eigener Förderverein kümmert sich um private Sponsoren. Immer mehr Sportler und Trainer erkennen, dass man nicht nur körperlich trainieren, sondern auch mental an sich arbeiten kann, um die Leistung zu steigern. Daher steht die Sportpsychologin Monika Niederstätter ab dem Frühjahr 2010 interessierten Sportlerinnen und Sportlern der Sportoberschule für mentales Training zur Verfügung. Das Angebot beinhaltet Persönlichkeitsbildung und Leistungsoptimierung, Vermittlung von sportpsychologischem Grundlagenwissen, mentale Trainingstechniken sowie Einzelberatung und Elternberatung bei Bedarf. Autonomes Lernen Das italienweit an Oberschulen einzigartige Projekt der HOB und HOB Sport Claudia von Medici fördert in eigens dafür adaptierten Räumen das individuelle und autonome Lernen auf der Basis moderner Methoden und Instrumente gemeinsamen Arbeitens und zielführender Kommunikation. Die Schüler werden zum selbständigen Arbeiten und Organisieren ihres Lernens angehalten und darin bestärkt, die über den offenen und modularen Unterricht gebotenen Möglichkeiten zum eigenen erfolgreichen schulischen Fortkommen zu nutzen. Im Gespräch mit Direktor Gustav Tschenett… „Der Vinschger“: Als KLA-Schülerin der 80er Jahre erinnere ich mich noch an die „Hahnenkämpfe“ der beiden Direktionen von Schlanders und Mals. Ist das vorbei, oder gibt es noch dieses Konkurrenzdenken? Gustav Tschenett: Nein dieses Konkurrenzdenken ist einer gedeihlichen Zusammenarbeit gewichen. Die Oberschulen Schlanders und das Oberschulzentrum Mals sind mittlerweile in einem Schulverbund eingebettet. Wir organisieren gemeinsam Kurse für die Schüler (z.B. Vorbereitung auf First Certificate) und Fortbildungen für Lehrer. Weitere gemeinsame Aktivitäten sind in Planung. Das Oberschulzentrum von Mals hat ein großes Einzugsgebiet. Kann es noch ausgeweitet werden oder sind die Grenzen bereits erreicht? Gustav Tschenett: Das Einzugsgebiet für die LESO und die HOB sind in der gegenwärtigen Situation nicht ausweitbar. Bei der Sportoberschule hängt das von den neu zu schaffenden Unterbringungsmöglichkeiten ab. Der Heimbau auf dem ehemaligen Kasernenareal in der Nähe des Schulzentrums für 100 Plätze wurde von der Landesregierung genehmigt, die Finanzierung ist noch zu klären. Was wird sich mit der Oberschulreform, die kürzlich im Ministerrat verabschiedet worden ist, am Oberschulzentrum Mals ändern? Gustav Tschenett: Südtirol wird eine Verschiebung um ein Jahr beantragen, um die ganze Reform mit dem schon lange ausstehenden Schulverteilungsplan zu koordinieren. Zudem gibt es Bestrebungen, die Lehranstalten in Landeskompetenz zu überführen (LESO). Wie dies konkret aussehen soll wird sich in nächster Zeit weisen. Da der Schulverteilungsplan noch nicht diskutiert wurde und die Überführung der Lehranstalten noch nicht geklärt ist, ist vieles noch in der Schwebe.    …und mit Bernadette Höllrigl, Direktorstellvertreterin und Professorin für Psychologie „Der Vinschger“: Die Schule von heute bietet mehr denn je an. Wie erleben Sie den Umgang der Schüler mit dem Angebot der Schule? Bernadette Höllrigl: Zum einen gibt es für die SchülerInnen das Angebot der Lernberatung, der Aufholkurse und ähnlicher Stützmaßnahmen, um einen schulischen Erfolg zu ermöglichen. Es liegt im Interesse der SchülerInnen, solche Angebote wahrzunehmen. Zum anderen gibt es den Bereich der Wahlfächer. Manche SchülerInnen denken bereits an einen beruflichen Vorteil und besuchen den Kurs für die Vorbereitung zu Zweisprachigkeit und machen den ECDL Führerschein. Andere gehen lieber ihren Interessen nach und besuchen einen Kurs mit kreativem Inhalt. Im Februar werden den SchülerInnen im Rahmen des Projektes Energy etliche Schnupperkurse im Bereich Sport angeboten. Diese Schnupperkurse finden am Nachmittag, also außerhalb der regulären Unterrichtszeit, statt. Wir sind schon gespannt, wie viele Schülerinnen und Schüler diese Angebote wahrnehmen werden. „Der Vinschger“: Den Anforderungen der Schule sind viele junge Menschen heute nicht mehr gewachsen. Woran liegt das und was können Schule und Elternhaus tun, um das zu verhindern? Bernadette Höllrigl: Unsere Gesellschaft hat sich gewandelt und mit ihr die Schule. Im Unterschied zur gesellschaftlichen Entwicklung bleibt die Schule ein relativ klares System mit relativ klaren Anforderungen. Viele Schülerinnen und Schüler gehen mit den Anforderungen ganz gut um und erreichen das Ziel „Matura“. Die Schule bietet, für die die wollen, etliche Formen von Lernhilfen an. Auch viele Eltern gehen bereits den richtigen Weg: viele Jugendliche haben zu Hause eine ruhigen Ort zum Lernen und hätten auch genügend Zeit sich für den Schulalltag vorzubereiten. In der Oberschule müssen die Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden, wie viel Kraft sie für ein schulisches Ziel investieren wollen. In unserer sehr facettenreichen Gesellschaft ist es für einige recht schwierig, ein klares Ziel vor Augen zu haben.
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher

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