Aufschrei der Milchbauern
„Die Zukunft der Milchwirtschaft ist in Gefahr“, stimmten Markus Hafner, Günther Wallnöfer und Josef Thurner (v.l). bei einer Pressekonferenz am Paulihof in Mals überein.

Es geht um den Weiterbestand der Milchwirtschaft

Publiziert in 22 / 2016 - Erschienen am 8. Juni 2016
Preise in der EU sinken weiter. Auch in Südtirol könnte die Lage dramatisch werden. Marktverantwortungsprogramm und Bio-Schiene als Auswege? Mals - „In Europa gibt es viel zu viel Milch. Die Politik unternimmt nichts. Das wenige, was sie tut, ist nur Flickwerk.“ So fasste Markus Hafner vom Paulihof in Mals das Ergebnis einer Anhörung zusammen, die am 25. Mai im Europäischen Parlament stattgefunden hatte. Markus Hafner weiß, wovon er spricht. Er ist einerseits als Milchbauer selbst von den Auswirkungen des Milchpreisfalls betroffen, und bekommt andererseits in Brüssel als Simultanübersetzer im EMB so ziemlich alles mit, was sich seit dem Wegfall der Milchquote europaweit tut oder eben nicht tut. Das EMB (European Milk Board) ist eine EU-Dachorganisation, welche die Interessen von über 100.000 Milcherzeugern in 17 EU-Ländern vertritt und dem auch zwei Mitgliedsorganisationen aus der Schweiz angehören. Am 31. Mai, just am Vortag des Weltmilchtages, warnten Markus Hafner, der Landwirtschaftsreferent der Gemeinde Mals und Vizepräsident von Bioland Südtirol, Günther Wallnöfer, sowie der Malser Vizebürgermeister Josef Thurner bei einer Pressekonferenz am Paulihof vor den „dramatischen Folgen“, zu denen die Überproduktion von Milch und der damit einhergehende Preisverfall auch in Südtirol führen könnten. Gleichzeitig warteten sie mit Anregungen und Forderungen an die Adresse der Politiker in Brüssel und Südtirol auf. Südtirol ist keine Insel der Seligen „In ganz Europa sinken seit dem Wegfall der Quote die Milch­preise. Die Milchbauern stehen vor einem Dilemma. In Litauen sank der Preis sogar auf lächerliche 8 Cent“, gab Hafner zu bedenken. Auch in Südtirol werde die Lage „langsam dramatisch“, sagte Josef Thurner: „Im Vorjahr waren die Preise noch zufriedenstellend, heuer wird es sicher schlechter.“ Thurner und ­Hafner stimmten darin überein, dass die Politik Rahmenbedingungen bzw. Modelle schaffen muss, um die Milchmenge zu drosseln, „auch in Südtirol, denn wir sind keine Insel der Seligen, sondern schwimmen im Milchsee mit.“ Thurner: „Wenn der Preis auf 20 Cent oder noch weniger fällt, wird niemand mehr imstande sein, damit auch nur die Produktionskosten zu decken, besonders nicht in einem Berggebiet mit einer sehr klein strukturierten Landwirtschaft.“ Um die Milch-Überflutung auf dem EU-Markt einzudämmen, seien wirksame Maßnahmen zu setzen. Einen Ausgleich über die Zahlung von Prämien hält Thurner nicht für zielführend: „Es muss weiterhin so sein, dass die Milchbauern von ihrem Produkt leben können.“ Bei den derzeitigen Flächenprämien handle es sich um relativ geringe Beiträge, „und die Wartezeiten für die Auszahlung sind sehr lange. Das ist eine Katastrophe. Außenstehende können sich kaum vorstellen, was alles zu tun ist, um zu diesen paar Euro zu kommen.“ Zusammen­fassend hielt Thurner fest, dass Alternativen aufgezeigt und Maßnahmen gesetzt werden müssen, damit die Milchwirtschaft weiterleben kann. „Ohne Vieh im Stall gibt es kein Vieh auf der Alm und somit auch keinen Käse“, warnte er. Zur Aussage von Landesrat Arnold Schuler, wonach es kein „Patentrezept“ zur Bewältigung der derzeitigen Krise gebe, meinte Markus Hafner, dass er gerne bereit sei, dem Landesrat und auch dem EU-Abgeordneten Herbert Dorfmann das Marktverantwortungsprogramm des EMB vorzustellen. Bei diesem Programm gehe es darum, den Marktkrisen im Milchbereich mit zusätzlichen, europaweit gültigen Regelungen zu begegnen. Dieses Programm für den EU-Milchsektor soll dann greifen, wenn der Milchmarkt aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Wie das Programm umgesetzt werden könnte, machte Hafner an einem Beispiel fest: „Wenn ein Bauer, der jährlich 250.000 Liter Milch produziert, die Jahresproduktion freiwillig um 50.000 Liter reduziert, bekommt er für diese Menge 30 Cent pro Liter als Entschädigung.“ „Wer Menge reduziert, soll entschädigt werden“ Bezahlt werden könnten diese Entschädigungen aus dem ca. 900 Millionen Euro schweren Geldtopf, der mit Strafgeldern von soge­nannten Milchquoten-Sündern aus ganz Europa gespeist worden ist. Abgesehen davon, ob diese Mittel überhaupt verfügbar sind, gab Hafner allerdings auch zu bedenken, dass sich der europäische Bauernverband, der ein Handlanger internationaler Konzerne sei, gegen dieses Vorhaben stemme. Die europaweite Überproduktion von Milch bezifferte Hafner mit ca. 4% der Gesamtproduktion. Das seien riesige Mengen. Im April seien 218.000 Tonnen Milch zu einem Preis von 25 Cent vom Markt genommen und in Form von Milchpulver und Butter in öffent­lichen und privaten Lagern „gestaut“ worden. „Im Mai waren es rund 350.000 Tonnen“, so Hafner. Um aus dieser Spirale herauszukommen, sei es höchst an der Zeit, „dass die Politik bessere Rahmenbedingungen für die Milchwirtschaft schafft.“ Nicht zu vergessen sei auch, dass nicht nur die Zukunft der Milchbauern in Gefahr ist, sondern dass es noch weitere Betroffene gibt. Die Palette reiche von der Traktor- und Besamungsindustrie bis hin zu den Herstellern von Futtermitteln und den Tierärzten. Ein großes Potential bzw. einen möglichen Ausweg sieht Günther Wallnöfer in einer vermehrten Produktion von Biomilch. „Bio-Schiene ist sicherer“ Die Bio-Schiene sei sicherer. „Für Biomilch werden in Südtirol im Durchschnitt 62 Cent bezahlt“, so Wallnöfer. Auf die Förderungen in der Bio-Produktion seien die Bauern allerdings angewiesen. Bedauerlich ist laut Wallnöfer, dass es sowohl die Politik, als auch die Landwirtschaftsschulen und der Bauernbund verabsäumt hätten, früher und gezielter auf die Bio-Schiene zu setzen. Er erinnerte auch daran, dass die Bauernbundspitze in Bozen eine Tagung in der Fürstenburg, die im April 2015 zum Thema „Biologische Milchwirtschaft“ hätte stattfinden sollen, aufgrund der anstehenden Gemeinderatswahlen verhindert habe. Das sei sehr schade, denn als Referent wäre Lucio Cavazzoni, der Gründer und Präsident von „alce nero“, der größten Bio-Dachmarke Italiens, nach Burgeis gekommen. „Früher wurden wir nicht selten belächelt und jetzt schreien die Milchhöfe geradezu nach Biomilch“, so Wallnöfer. Er ist überzeugt, dass eine flächendeckende Umstellung auf Biomilch der beste Weg in die Zukunft sei. Dass in einem solchen Fall auch der Preis der Biomilch sinken würde, sei ihm klar, „aber es ist sicher besser, zukünftig mit biologischer Qualitätsmilch aufzutreten als mit konventionell erzeugter Milch. Die ‚Billig-Schiene’ ist keine Alternative.“ Die vielleicht entscheidendste Rolle spielen die Konsumenten. Wallnöfer, Hafner und Thurner riefen dazu auf, regionale Milchprodukte zu kaufen. Hilfreich könnte auch die Schaffung einer Marke sein. Post von Bergmilch Südtirol Wie ernst das Problem rund um die Überschussmilch mittlerweile auch in Südtirol ist, verdeutlichte Hafner mit einem Brief von Bergmilch Südtirol an Mitglieder. Darin heißt es unter anderem: „Auf Grund der stark gestiegenen Anlieferung in den Wintermonaten Oktober 2015 – April 2016 und aufgrund der schwierigen Situation auf dem Milchmarkt sind wir gezwungen, für die Wintermonate Oktober 2016 bis April 2017 für die Überschussmilch die Qualitätszahlung zu ändern.“ Ziel dieser Regelung sei es, „die Überschussmilch, die auf dem Markt einen geringen Wert hat, dementsprechend zu bezahlen.“ Im Anschluss an die detaillierte Erklärung der Regelung werden die Mitglieder abschließend ersucht, „ihren Beitrag zur Verringerung der Anlieferung zu leisten, denn nur so kann ein zu starkes Absinken des Milchpreises verhindert werden.“ Beunruhigende Aussagen Im Zuge der Diskussion am ­Paulihof waren seitens besorgter Milchbauern beunruhigende Aussagen und Fragen zu hören: Was soll aus meinen Grundflächen werden, wenn die Milchwirtschaft an die Wand gefahren wird? In manchen Seitentälern im Vinschgau, und nicht nur, muss man zwei- oder dreimal arbeiten, um einmal zu leben. Gäbe es nicht die Renten der Eltern bzw. Großeltern, gäbe es schone viele verlassene Höfe. Wenn das so weitergeht, suche ich mir lieber eine Arbeit in der Schweiz. ­Thomas Spechtenhauser aus ­Tschengls, früher passionierter Viehzüchter und seit einiger Zeit Obstbauer (integrierte Anbauweise), sprach den Milchbauern seine Solidarität aus. Er rief zum Zusammenhalt zwischen allen Bauern bzw. allen Formen der Landwirtschaft auf. Finanzielle Schwierigkeiten vorprogrammiert Im Tätigkeitsbericht 2015 des Sennereiverbandes Südtirol wird der Milchmarkt als „ernüchternd“ bezeichnet. Auf das nach wie vor bestehende russische Embargo für westliche Agrargüter wird ebenso verwiesen wie auf stockende weitere Absatzmärkte und den Preisdruck des Lebensmittel­handels. Das verbliebene Kriseninstrumentarium der EU nach dem Wegfall der Milchquote habe nicht zur Preisstabilisierung ausgereicht. Preisstützungsmaßnahmen habe die EU ausgeschlossen. Wie es im Bericht weiter heißt, bringen die niedrigen Preise viele Betriebe in massive finanzielle Schwierigkeiten. Die Milchanlieferung in Südtirol an die Genossenschaften war 2015 mit knapp 378,5 Mio. kg - 6,9 Mio. kg davon waren Biomilch - stabil. An der Gesamtmilchmenge beträgt die Biomilch 1,8%. Das kommt einer leichten Steigerung von 0,1% gleich. Die Biomilchmenge insgesamt stieg in Südtirol um knapp 5%. Die Milchproduktion aufgelassen haben im Vorjahr 96 Lieferanten. Landesrat Schuler hat jüngsthin wiederholt darauf hingewiesen, wie wichtig der hohe Veredelungsgrad der Milch sowie das Genossenschaftswesen sind. Es gelte, noch mehr in die Marken- und Produktentwicklung zu investieren. Sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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