Unten nicht nur „Gold“, oben immer gleich hart

Es sind die kleinen Kreisläufe, die zählen

Publiziert in 4 / 2010 - Erschienen am 3. Februar 2010
Schlanders – Von 311.000 im Jahr 2008 auf über 372.000 Tonnen im vergangenen Jahr sind die Apfelmengen im Einzugsgebiet der VI.P (Verband der Vinschgauer Produzenten für Obst und Gemüse) angestiegen. Dieser Mengenrekord stellt die Vermarktungsstrategen vor neue Herausforderungen. Dies sagte Bauerbundbezirksobmann Andreas Tappeiner am Freitag auf der gut besuchten Bezirkstagung des Bauernbundes im Kulturhaus in Schlanders. Die Rentabilität in der Grünlandwirtschaft liege weiterhin hart an der Grenze und sei teil­weise nicht gegeben. Hans Berger, Landesrat für Landwirtschaft und Tourismus, forderte eine noch stärkere Bündelung der Kräfte zwischen den Sparten Landwirtschaft, Fremdenverkehr und Handel. „Unsere Schwäche ist das gegenseitige Misstrauen“, so Berger. Von Sepp Laner Obwohl ­Andreas ­Tappeiner (im Bild) zusammenfassend auf ein gutes Landwirtschaftsjahr 2009 zurückblickte, lenkte er die Aufmerksamkeit immer wieder auf Probleme und Anliegen, die den Bauern im Vinschgau unter den Nägeln brennen. Die derzeit größte Herausforderung im Obstbau sieht er in der Vermarktung der Rekordmengen 2009. Wie aus Kreisen der Obstbauern zu erfahren war, werden die Golden Delicius zurzeit teilweise mit einem Erlös-Preis von rund 30 Cent abgesetzt. Die Spanne zwischen Erlös und Produk­tionskosten werde immer enger. Weiterhin hart an der Grenze der Rentabilität muss die Viehwirtschaft ihr Dasein fristen. „Etwas hat sich 2009 zwar getan, aber für die Zukunft braucht es eine weitere Umschichtung von Geldmitteln zugunsten der Bergbauern“, forderte der Bezirksobmann. Es gelte auch, das Selbstbewusstsein der Hofbesitzer und die allgemeine Bedeutung der Berglandwirtschaft aufzuwerten und diese stärker in die touristische Nutzung einzubetten. Als positives Beispiel nannte er die Betriebe, die zusätzlich Urlaub auf dem Bauernhof anbieten. Gut gehalten hätten sich die Nischen-Bereiche Wein­anbau sowie Gemüse und Beeren, wenngleich auch hier der Preisdruck wachse. Es sei daher weiterhin auf die Qualität der Produkte zu achten. Die Almwirtschaft habe sich mit seinen hochwertigen Produkten wiederum behaupten können. Die Produktveredelung habe sich als Nische für einige Betriebe ebenfalls bewährt. Die Rotwildentnahme im Nationalpark wertet Tappeinern als sehr positiv. Das System der Schadensvergütung sei ­allerdings neu zu regeln. Insgesamt sei es aber nach wie vor schwierig, die Akzeptanz dem Park gegenüber zu steigern, weil der Freiraum der Landwirte zum Teil eingeschränkt werde. Dank der Erhöhung der Abschussquoten und der Erfüllung der Quoten seitens der Jägerschaft konnte die Rotwilddichte in den Vinschger Jagdrevieren merklich gedrückt werden, obwohl die Dichte laut Tappeiner gebietsweise immer noch zu hoch sei. Nicht hoch genug einzu­schätzen sei der Stellenwert der landwirtschaftlichen Fachschulen in Burgeis (Fürstenburg) und in Kortsch, die von der Direktorin Monika Aondio geleitet werden. Als besonders positiv hob der Bezirksobmann das 4. Schuljahr hervor, die Berufsmatura und die Offensive der Fürstenburg im Bereich Spezialkulturen. Bezüglich der Interreg-Projekte verwies Tappeiner auf das Wasserversorgungsprojekt für den Vinschger Sonnenberg und das Projekt „Spe­zialkulturen Obervinschgau“. Ein zentrales Anliegen der Landwirtschaft sei weiterhin der Gewässernutzungsplan, in dem der Vinschgau als Trockengebiet ausgewiesen werden sollte. Aber noch weitere Punkte aus dem Vinschgau sollten mit einfließen, so etwa das Nutzungsrecht von Wasser, das durch den Bau von Beregnungsanlagen eingespart wird (z.B. Beregnungsanlage „Untere Malser Haide“). Ein großer Teil der Wertschöpfung aus der Nutzung der Wasserkraft für die Stromgewinnung müsse nach über 50 Jahren Ausbeutung im Tal bleiben „und nicht an einer Stelle in Bozen hängen bleiben.“ Ziel müsse es vor allem sein, zu günstigeren Stromtarifen zu kommen. Zum Projekt Etsch-Dialog meinte Tappeiner: „Wir werden uns als Landwirtschaft nicht die Ecke treiben lassen. Ohne Einvernehmen der Grundbesitzer dürfen keine Maßnahmen platziert werden.“ Mit Blick auf die Gemeinderatswahlen im Mai sagte ­Tappeiner: „Die Landwirtschaft muss bereit sein, mitzureden und mitzuentscheiden. Ich rufe alle bäuerlichen Organisationen auf, ihr Gewicht bei der Kandidatensuche und dann auch bei der Wahl zur Geltung zu bringen.“ „Unsere Schwäche ist das Misstrauen“ „Der Tourismus und die Landwirtschaft sind geradezu prädestiniert, ihre Kräfte zu bündeln“, sagte Hans Berger (im Bild). Der vielleicht größte Hemmschuh in diese Richtung sei das gegenseitige Misstrauen. „Jeder muss bei sich selbst anfangen; was zählt, sind die kleinen Kreisläufe zwischen Landwirtschaft, Tourismus und Handel. Wenn Wertschöpfung und Kaufkraft im Land bleiben, gereicht das allen zum Vorteil. Einzelkämpfer haben keine Zukunft.“ Nicht leicht sei es, Verteilerkanäle für den Vertrieb der Produkte an das Gastgewerbe und den Handel aufzubauen. Ein großes Absatz-Potential sieht Berger im Tourismus. Einige positive Beispiele gebe es bereits. Der Kaufwille vieler Gastwirte sei gegeben, aber es sei die Verteilung, die nicht funktioniere. Zum Thema „Bauern und ICI“ meinte er, dass die Gemeinden vorerst abwarten sollten, bis eine klare Interpretation des betreffenden Kassationsurteils eintrifft. Diese Interpretation werde demnächst erwartet. Auch auf das Problem ­fehlender Heimplätze für Heimschüler der Fürstenburg – die Erweiterungs- und Umbauarbeiten der Schule schreiten indessen voran – verwies Berger: „Bis ein Heim-Neubau, den wir uns möglichst in Schulnähe wünschen, entsteht, werden wir voraussichtlich als mehrjährige Zwischenlösung Räume in Burgeis anmieten.“ Den Einsatz von Georg Flora für die Berufsmatura, speziell auch nach dessen Ausscheiden als Schuldirektor, hob Berger ausdrücklich hervor. „Vom Milchquotensystem, das am 31. März 2015 ausläuft, haben wir uns schon verabschiedet“, so Berger. Das größte Anliegen sieht er jetzt in einer Vereinfachung des seiner Meinung nach gerechten Systems der Ausgleichszulage. Im Obstbau gelte es weiterhin auf die genossenschaftliche Struktur und auf Synergien zu setzen. Emotionen seien fehl am Platz. Berger bezog sich hier wohl auf die bisher nicht geglückte Fusion der zwei Genossenschaften in der Gemeinde Laas. „Qualität und Herkunft immer wichtiger“ Über die künftige Agrarpolitik in Europa sprach der Europaparlamentarier Herbert Dorfmann (im Bild), ehemals Direktor des Bauernbundes. Besonders wichtig für die Südtiroler Landwirtschaftspolitik sei die Weiterentwicklung der europäischen Qualitäts- und Herkunftspolitik. In Sachen Berggebietspolitik auf EU-Ebene dürfe man sich nicht großen Illusionen hingehen: „Die Liberalisierung des Marktes schreitet weiter voran.“ Unter Landwirtschaft verstehe die EU vor allem Großbetriebe. Was es für Südtirol brauche, seien vor allem eine ordentliche Ausgleichszahlung, wobei das Land je nach Möglichkeit etwas drauflegen soll, sowie eine Vereinfachung des Systems, vor allem für Kleinbetriebe. „Ungute“ Finanzkontrollen Über 70 Obstbauern aus dem Vinschgau sind kürzlich ins Visier der Finanzbehörde geraten. Anstelle von „Feldkontrollen“, wie sie bisher durchgeführt wurden, gehen die Finanzer jetzt im Zuge der Kontrolle der Schwarzarbeit anders vor: Sie besorgen sich die Liefermengen, die Zahl der gemeldeten Ernthelfer und jene der Familienmitglieder, die mitgeholfen haben. Die Auswertung der Daten kann Diskrepanzen ans Licht bringen: so viele Äpfel und so wenige Erntehelfer? Andreas Tappeiner verurteilte diese Kontrollen und versprach die Rückendeckung des Bauernbundes: „Es kann nicht sein, dass kleine Ungereimtheiten eine ganze Gruppe in Verruf bringen.“ Seppl Lamprecht (im Bild), Vizepräsident des Regionalrates und einer der zwei Bauernbundobmann-Stellvertreter, kündigte ein Treffen von Bauernvertretern und Politikern mit dem Landeskommandanten der Finanzpolizei an. Lamprecht hatte sich bereits kundig gemacht. Demnach habe sich die Finanzbehörde nun einem anderen Kontrollmechanismus verschrieben: „Laut Finanzpolizei wird jetzt insgesamt weniger, dafür aber gezielter kontrolliert, und zwar nach einem neuen Mechanismus.“ Die neuen Kontrollen würden nicht ausschließlich im Vinschgau durchgeführt, sondern im ganzen Land. „Falsche Optik“ Bei der Diskussion warnte VI.P-Obmann Karl Dietl davor, die Genossenschaften im Zusammenhang mit dem Thema „ICI und Landwirtschaft“ gegen die Bauern auszuspielen. Er verwehre sich gegen die Optik - teilweise geschürt auch von der Presse -, wonach die Genossenschaften machen könnten, was sie wollen. Dietl wörtlich: „Wir leben in einem Rechtsstaat und die Genossenschaften haben Gesetze und Vorschriften zu beachten.“ Was es braucht, ist Klarheit, und zwar möglichst schnell. Der Marteller Ortsobmann Josef Maschler sprach sich für eine neue Regelung der Wildschadensvergütung im Nationalpark aus. Er begrüßte es, dass sich eine eigene Arbeitsgruppe mit diesem Thema befasst. Vom System der ­Almosenvergabe sei Abschied zu nehmen. Die Arbeit der Bergbauern und vor allem deren Rolle als Landschaftspfleger müsse insgesamt mehr Anerkennung finden. Weitere Themen waren das Vorantreiben des Wasserversorgungsprojektes für den Sonnenberg sowie die zum Teil noch immer zu hohe Rotwilddichte, auch außerhalb des Nationalparks. SBB-Landesobmann Leo ­Tiefenthaler sprach sich in seinen Grußworten ebenfalls für eine noch stärkere Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Tourismus und auch Handel aus. Am wenigsten getroffen hätte die jüngste Krise die Landwirtschaft und den Fremdenverkehr. Zusätzlich zu Vertretern sämtlicher bäuerlicher Organisationen waren auch viele Ehrengäste zur Bezirkstagung gekommen, so etwa Senator Manfred Pinzger, Landesrat Richard Theiner und Hansi Pichler, Obmann des HGV-Bezirkes Meran/Vinschgau.

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