“Sein” Vinschgau - Die Sichtweisen von LH Luis Durnwalder

“... fast in der Luft daherschweben.”

Publiziert in 20 / 2004 - Erschienen am 21. Oktober 2004
[F] Landeshauptmann Luis Durnwalder im Gespräch mit dem “Vinschger”. Straßenbau, Umweltplan, Bürgermeisterprofil und - Kommentare zu einzelnen Gemeindeproblematiken. Interview: Erwin Bernhart Fotos: Magdalena Dietl Sapelza [/F] "Der Vinschger”: Herr Landeshauptmann, sind Sie ohne Stau durch den Vinschgau gekommen? Luis Durnwalder: Leider nicht. Es ist so, dass immer wieder irgendeine Ampel da ist, die dazu beiträgt, dass der Verkehr nicht flüssig durchgehen kann, sondern automatisch Luftverschmutzung und Staub produziert wird. Wann kommen Sie zum ersten Mal mit dem Zug? Das hängt mit der Hundert-Jahr-Feier zusammen. Voraussichtlich im Mai 2005. Wir möchten kein Risiko eingehen. Denn, wenn eröffnet wird, muss der Zug am nächsten Tag auch fahren. Der Verkehr ist ein Dauerthema. Auch im Vinschgau. Die Wirtschaftstreibenden fordern den Ausbau des Abschnittes Forst-Töll. Umweltschützer und Ärzte haben 5000 Unterschriften gesammelt, die sich dagegen aussprechen. Auch der SVP-Bezirksumweltausschuss hat sich dagegen ausgesprochen. Der Teil Forst-Töll wird sicher gebaut. Wie auch die Umfahrung von Kastelbell und Rabland. Wir haben uns auf die technischen Eigenschaften geeinigt. Dort ist eine Engstelle da, die vor allem auch Abgase produziert. Die Algunder und auch die Wirtschaft sind der Meinung, dass dieses Teilstück vordringlich ist. Wir wollten ursprünglich zuerst Forst-Töll ausbauen und dann die Umfahrung von Naturns und Staben. Wir haben dann umgewechselt.... ....weil BM Walter Weiss immer wieder bei Ihnen vorgesprochen hat... Nein, weil er uns überzeugt hat. Ein Argument ist, dass durch den Ausbau Forst-Töll kein einziges Haus umfahren wird. Es besteht die Gefahr, dass Umfahrungen auf der Strecke bleiben. Den Algundern habe ich damals versprochen, dass nun Forst-Töll drankommt. Denn, wenn da Stau ist und hinaufgekrochen wird, gehen die Abgase nach Algund. Bei diesem Teilstück geht es nicht nur um Umweltfragen, sondern auch um die Sicherheit. Ungemach droht wiederum mit der Seledison. Der Umweltplan ist in Ausarbeitung und soll innerhalb 2005 den Genehmigungsweg genommen haben. Wer soll einzelne Maßnahmen verwirklichen? Es wird Maßnahmen geben, die die Seledison umsetzen wird, es wird Maßnahmen geben, die das Land auf Kosten der Seledison verwirklichen wird und es wird Maßnahmen geben, die die Gemeinden verwirklichen können. Ist das noch verhandelbar? Immerhin geht´s um 30 Millionen Euro in 25 Jahren. Ja, das ist noch verhandelbar. Die Landschaft ist teilweise zerstört worden, durch die Maßnahmen, die damals gesetzt worden sind. Das können wir nicht ungeschehen machen. Aber nachdem wir jetzt mitreden, sollten wir dafür Sorge tragen, dass das, was reparabel ist, in Angriff genommen wird. Und da sollten wir keine Kompromisse eingehen. Die Bürgermeister haben beim Umweltplan wenig mitzureden. Die, die wollen, haben mitarbeiten können. Es wäre oft besser gewesen, wenn man weniger protestiert und sich mehr eingebracht hätte. Wir wären froh gewesen, wenn wir mehr Mitarbeit gehabt hätten. Das gilt auch für die Elektrosache. Während wir am Brenner und in Innichen eine Sogwirkung haben, internationale Verbindungen herzustellen, haben wir im Vinschgau immer wieder Schwierigkeiten. Da wird ja keine neue Leitung gebaut. Die bestehende Leitung durch den Visnchgau würde allerdings potenziert. Die würde insofern potenziert, dass mehr Strom durchfließt. Die Auswirkungen auf die Umgebung würde sicher innerhalb des vom Gesetz vorgegebenen Rahmens bleiben und keine weitere Belastung auf die Leute zukommen. Der Durchfluss würde halt besser genutzt. Die Leute haben Angst vor zusätzlichem Elektrosmog durch die Potenzierung. Ich habe auch immer Angst vor dem Strom und ich getrau mich oft nicht etwas anzugreifen, weil ich nicht weiß, was sein könnte. Vor dem, was man nicht weiß, hat man immer Angst. Wenn man sich allerdings etwas sagen ließe, würde man mehr Verständnis haben für gewisse Maßnahmen. Wenn man diese Verbindung herstellt, dann ist das für die Energieversorgung notwendig. Wie weit sind diese Pläne gediehen? Die Pläne sind eingereicht. Weiß man, wer die Leitung verwirklichen wird? Es sind mehrere Konkurrenten. Ich glaube, dass man soviel Weitsicht haben sollte, dass das hiesige Gremien machen sollen. Die Seledison? Ich bin der Meinung, dass das die Sel machen soll. Wenn uns vorgeworfen wird, dass wir wieder mit der Edison packteln würden, dann versteh ich die Welt nicht mehr. Einerseits mit denen Prozesse führen und andererseits der Edison quasi einen Vorrang einräumen. Das sollen Gremien machen, bei denen wir politischen und wirtschaftlichen Einfluss haben. Die Jagd ist eines Ihrer Ressorts. Werden Sie demnächst im Nationalpark ohne “Selecontrollore” auf die Jagd gehen? Wenn heute 2600 Hektar vom Park herausgenommen werden, dann haben das die Bauern und die Jäger, im negativen und im positiven Sinne, mir zu verdanken. Das muss ich einmal sagen. Ich habe mich persönlich eingebracht und ohne Kontakte auf oberster Ebene wäre das nicht möglich gewesen. Nicht alle sind mit der Herausnahme dieser 2600 Hektar einverstanden. Wir haben jetzt einen vernünftigen Präsidenten. Tomasi ist ein Mann, der von der praktischen Seite kommt, der weiß, dass man den Park schützen soll, der aber auch weiß, dass im Park Leute leben, die Bedürfnisse haben. Man wird vernünftige, praktische Lösungen finden, so dass die Leute die Land- und Forstwirtschaft in traditioneller Form weiterhin nutzen können. Und die Jagd? Jeder wird heute einsehen, dass eine Wildregulierung notwendig ist. Das hat man lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen. Zuerst haben das die Wilderer getan und als die das durch die Aufsicht nicht mehr imstande waren, hat der Park das selbst in die Hand nehmen müssen. Einen ersten Schritt haben wir erreicht. Der Nationalparkrat hat einen diesbezüglichen Beschluss bereits gefasst. Vorher hat das das Umweltministerium bereits autorisiert. Der Parkrat wird nun die Anzahl der Abschüsse festlegen. Die Jäger werden dann die Abschüsse ohne Begleitung tätigen können. Noch ist nicht klar, ob die Jäger das erlegte Wild vorlegen müssen, wem die Trophäen und das Wildbret gehört. Das ist noch zu regeln. Wer muss das bestimmen? Der Parkrat aber auch das Ministerium, das die Oberaufsicht hat. Ich bin der Meinung, dass Trophäen und Wildbret den Jägern gehören sollen. Außerhalb des Parkes herrscht zwischen Jägern und Bauern dicke Luft, wegen der Wildschäden. Die Jäger müssen für die Wildschäden aufkommen. Leider wird noch viel zu wenig abgeschossen. Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen land- und forstwirtschaftlichen Kulturen und Wildbestand herstellen. Ist zuviel Wild vorhanden, sind die Schäden groß. Ein Zweites sind die Zonen längs des Parkes. In der Talsohle werden die Jäger eingreifen können. Aber es wird immer noch einen Streifen geben, wo der Hirsch im Park und der Jäger draußen ist. Da wird der Park und das Land etwas tun müssen. Etwas wird beizusteuern sein, so wie in der Vergangenheit. Im Frühjahr sind Gemeinderatswahlen. Wie würden Sie ein Idealbild eines Bürgermeisters skizzieren? Erstens muss er eine Persönlichkeit sein, er muss von der Bevölkerung respektiert werden. Die Leute müssen das Gefühl haben, dem kann ich mich anvertrauen und das, was der tut, ist im Großen und Ganzen vernünftig. Ein Vertrauensvorschuss muss gegeben werden. Auf der anderen Seite muss eine gewisse Eignung da sein. Heute Bürgermeister sein ist nicht mehr leicht. Ich war vor 35 Jahren Bürgermeister. Damals war das ganz anders. Durch die ganzen Gesetze, Bauleitpläne, Richtlinien usw. ist das heute sehr, sehr schwierig. Deswegen muss einer auch eine gewisse Schulbildung oder wenigstens einen Hausverstand haben. Und dann: Er darf nicht abheben. Wir haben viele, die, sobald sie gewählt sind, fast in der Luft daherschweben. Auch im Vinschgau? Im Vinschgau sicher nicht. Insgesamt halt. Man muss Bodenhaftung haben und Programme gemeinsam mit den Bürgern erarbeiten, die dann auch mitgetragen werden. Man muss mit allen reden, aber dann auch eine Entscheidungsfreude an den Tag legen. Ich sage, ein Bürgermeister, der nicht auch Nein sagen kann, ist nicht ein ehrlicher und kein guter Bürgermeister. Fast ein Selbstporträt. Der Bürgermeister muss also nicht unbedingt ein SVP-ler sein. In fast allen Gemeinden hat die SVP die Mehrheit. Er soll von der Bevölkerung gewählt werden. Wichtig ist, dass er die Bevölkerung hinter sich hat. Einige Stichworte mit Ihrem Kurzkommentar: Graun - Kaunertal Das hängt davon ab, was der Bezirk will. Wir werden das nicht realisieren, wenn nicht der gesamte Bezirk dahintersteht. Mals und Glurns: Kasernenareal Ich würde ein Programm erwarten, was man mit diesen Kasernenarealen tun will. Ich bin gerne bereit das Kasernenareal für die Entwicklung von Glurns und jenes für die Entwicklung von Mals zur Verfügung zu stellen. Schluderns: Flugplatz In der Zwischenzeit kann weiter gearbeitet werden, bis gewisse Flächen für besondere Programme gebraucht werden. Die Fläche soll immer in der Landwirschaft verbleiben. Sollten wir allerdings andere enteignen müssen, dann soll derjenige entscheiden können, ob er einen Grund oder ob er Geld will. In der Zwischenzeit werden die Bauern mit den vom Bauernbund festgelegten Bestimmungen weiter bewirtschaften können. Kein Golfplatz? Nein. Prad: Prader Sand und BM Herbert Gapp. Bei den Prader Sand ist soviel geredet worden, dass man sich da nicht mehr auskennt. Seit 1973 hat man immer von der Regelung der Prader Sand geredet. Bis heute hat man noch kein konkretes Programm für die Sand vorgelegt. Hoffentlich gelingt das in den nächsten fünf Jahren. Was BM Herbert Gapp anbelangt: Gapp hat für Prad sehr viel getan. Wenn jemand einmal etwas unter die Räder kommt, dann wird alles schlecht gemacht. Ich glaube, dass er nicht den Abgang verdient, dass man sagt, er war ein schlechter Bürgermeister. Er war ein guter Bürgermeister. Stilfs: Lift auf Suldenspitze und Walter Klaus Da braucht es ein Gesamtkonzept. Was soll in Trafoi gemacht werden, was soll in Sulden gemacht werden. Wie weit soll man bei Madritsch hinauffahren. Ich möchte mich nicht für einen Lift festlegen, auch nicht ob man hinauffahren sollte oder nicht. Wenn es nicht notwendig ist, sollte man nicht hinauffahren. Wenn man sieht, dass der gesamte Bezirk Schaden erleiden würde, dann soll man überlegen, ob man eine vernünftige Lösung findet. Nicht für und nicht gegen einen Lift auf die Suldenspitze? Ich würde nur das OK geben, wenn ich überzeugt bin, dass es für die Entwicklung von Sulden und Umgebung unbedingt notwendig ist. Schlanders und Laas: Marmor und Siegfrid Unterberger Ich habe das Gefühl, dass sich eine Lösung anbahnt, aufgrund der Aussprachen die in letzter Zeit auch mit mir geführt wurden. Siegfried Unterberger interessiert sich. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, ob er beteiligt ist oder nicht. Ist der Beschluss der Schlanderser Gemeinde für eine eigene Seilbahn noch aktuell? Das ist aufgeschoben worden, weil man dabei ist, eine andere Lösung zu finden. Latsch: Herilu und Eisstadion Für das Eisstadion hat man eine Lösung gefunden, so dass jetzt die Gemeinde die Koordinierung übernehmen kann. ich glaube, dass es besser ist, dass man sich so geeinigt hat, als dass man jahrelang Prozesse führt. Beim Herilu müssen zuerst die Baukonzessionen da sein. Ohne Baukonzession wird es schwierig sein. Die Gemeinde muss entscheiden, ob die Baukonzession ausgestellt wird oder nicht. Sobald die Baukonzession da ist und so gebaut ist, wie es in den Plänen vorgesehen ist, bin ich der Meinung, muss die Benutzungsgenehmigung gewährt werden. Ich kann nicht sagen, wenn nicht alles gebaut ist, gibt es keine Benützungsgenehmigung. Wenn die Gemeinde Zweifel hat, dass die anderen Bauten nicht errichtet werden, kann sie ja eine Kaution verlangen. Martell: Verhandlungen mit der Edison Die Wasserkonzession läuft noch länger. Wir haben insgesamt mit der Edison Gespräche, ob vor Ablauf der Wasserkonzessionen etwas gemeinsam zu machen ist. Das gilt generell. Solche Gespräche laufen schon seit einiger Zeit. Auch mit der Enel. Kastelbell: Umfahrung Die Umfahrung von Kastelbell wird sicher gemacht werden. Sie wird sicher nicht so lang und so kostspielig gebaut werden, wie sich manche vorstellen. Man wird eine einfachere Lösung suchen und dann bauen. Gibt´s da einen Termin für einen Baubeginn? Nein. Zuerst kommen andere Sachen dran, Fertigstellung der Umfahrung von Leifers, Eggental usw.. Die Umfahrung von Kastelbell wird ja von Woche zu Woche länger und das geht halt nicht. Naturns Natura 2000 Dickeralm Da muss man grundsätzlich eines sagen: die ganze Vorgangsweise ist etwas missglückt. Es stimmt nicht, was manche Umweltschützer sagen, dass man keine Straßen in einen Natura 2000 Gebiet bauen darf. Ein Natura 2000 Gebiet darf nicht zerstört werden: Es darf kein Skilift gebaut werden usw. Aber das Notwendige, dass solche Almen bewirtschaftet werden dürfen, kann man machen. Die Aufklärung hätte besser gemacht werden sollen. Meiner Meinung nach wäre ein Traktorweg genug. Dort wo eine vernünftige Erschließung möglich ist, soll sie auch gemacht werden. Partschins: 40 Jahre Bürgermeister Die Partschinser können ihrem BM ein Denkmal setzen. Denn er hat in den 40 Jahren sehr viel getan. Er muss selber wissen, ob er sich jetzt noch fühlt, obe er innovativ weiter machen will. Ein scharfer Kritiker, ex-ff-Chefredakteur Hans Karl Peterlini, ist gegangen. Erleichtert? Überhaupt nicht. Ich habe mit der 24 und mit der ff keine Probleme gehabt, denn Interviews habe ich denen kaum einmal gegeben. Die Welt kann ja mal schwarz sein, aber nicht immer. Ich habe gesagt, ich gebe euch kein Interview aber ihr könnts alles Schlechte über mich schreiben. Die ff hat die Zähne verloren und den Löwen fürchten heute viele nicht mehr. Also nicht “Nihil nisi bene” (Nichts, wenn nicht Gutes). Welchen Stellenwert hat Medienvielfalt in einer demokratischen Gesellschaft? Eine sehr große. Bezogen auf unser kleines Land ist die Medienvielfalt gegeben.
Vinschger Sonderausgabe

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