Stiefkind Stilfserjoch - Geballte Fäuste in der Gemeinde Stilfs

Gemeinde Stilfs: Bundesland?

Publiziert in 8 / 2004 - Erschienen am 22. April 2004
[F] Die Gemeinde Stilfs liegt im Nationalpark Stilfserjoch. Der Präsident des Südtiroler Führungsausschusses Josef Hofer ist gleichzeitg Bürgermeister von Stilfs. Ein Interessenskonflikt? Walter Klaus, Besitzer der Liftanlagen in Sulden und in Trafoi, von den einen als Retter gefeiert, von den anderen als Diktator empfunden, sorgt in der Gemeinde für Gut- und Schlechtwetter. von Erwin Bernhart [/F] Wohl kein anderer Begriff bringt es im nationalen und möglicherweise auch im weltweiten Vergleich auf ähnlich hohe Bekanntheitsgrade. Der Name Stilferjoch. Ein Markenname, der touristisch und werbemäßig arg vernachlässigt worden ist und wird. Außer er wird in Verbindung mit dem Nationalpark gebraucht. [F] Zum Leben zu wenig [/F] Und auf dem Joch oben beginnt, just wenn die anderen Skigebiete rundherum schließen, die Skisaison. Für kurze Zeit. Zum Sterben zuviel, zum Leben zu wenig. Denn eine Aufwertung des Joches wird es nicht geben. Vorerst. Und damit auch keine Aufwertung des Markennamens Stilfserjoch. Seit gut dreißig Jahren wird über einen Zubringerlift auf das Joch nachgedacht, der die Leute hinaufbringen könnte, wenn die Straße im Schnee versunken ist. In Richtung Winterskilauf auf dem Joch wurde gedacht. Betreibergesellschaften sind gegründet worden, um dieses Projekt verwirklichen zu können. Das ist lange her. Alle Gletscherskigebiete im Alpenraum haben im Winter geöffnet. Die meisten haben dafür im Sommer geschlossen. Am Stilfserjoch läuft´s anders: Es ist ein reines Sommerskigebiet. Einmalig im Alpenraum. Trotz Klimawandel. Pläne für einen Zubringer wurden in der Gemeinde Stilfs vom Tisch gefegt. Schon vor Jahren. Letztes Jahr wurde abermals ein Anlauf genommen. Eine durchaus überzeugende Studie, von privater Hand finanziert, miterstellt von Stefan Gander, Schwiegersohn des berühmten Gustav Thöni und derzeit in der Südtiroler Maketinggesellschaft tätig, sollte als Grundlage für eine Eintragung in den Skipistenplan und für die notwendige Aufnahme in die Parkneuzonierung dienen. Etwa 14 Millionen Euro sollte, laut Studie, die Anlage mit Zubringer, Speicherbecken und Beschneiungsanlage kosten. [F] Neuer Anlauf [/F] Sogar der aus Laas stammende Uni-Professor Gottfried Tappeiner, anerkannte Kapazität im Lande, konnte dem Projekt durchaus positive Seiten abgewinnen. Mit dem derzeitigen etwa 75%igen Finanzierungsmodell von Seiten des Landes, auf das im Übrigen sämtliche Liftbetreibergesellschaften schielen, ein machbarer Weg. Und die Zeit für dieses Finanzierungsmodell läuft ab. Laut Harald Pechlaner, Tourisikprofessor in München und Mitarbeiter bei der EURAC in Bozen, werden die Finanzierungen, sprich Subventionen, bis zum Jahr 2006 an europäische Normen angepasst werden müssen. Dann gibts viel weniger Geld für neue Liftanlagen. Auch für das bis dahin an seiner Liftgesellschaft darbende Trafoi stand mehrheitlich hinter dem Plan, einer Wintererschließung für das Joch zuzustimmen. Und die Studie ist den Politikern im Tal und auf Landesebene bekannt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt laufen die politischen Uhren in der Gemeinde Stilfs anders. Gemeinderäte und Trafoier wurden stromschlagartig umgepolt. Die mit 1,6 Milliarden Lire Schulden darniederliegende Trafoier Skiliftgesellschaft übernahm mehrheitlich der Bundesdeutsche Investor Walter Klaus. In der Gemeinde Stilfs Gut- und Schlechtwetter Macher in einer Person. [F] Harter Einschnitt [/F] Mit den Schulden ist hart verfahren worden. Mit einem 40%igen Ausgleich. Nicht nur die Handwerker und Lieferanten blickten durch die Finger. Auch die Raika Prad musste im Zuge der Umschuldung stark Federn lassen. Von einer knappen Milliarde spricht man in Prad. Josef Hofer, seit 35 Jahren Bürgermeister in der Gemeinde Stilfs und ganz auf Seiten von Walter Klaus, sagte dem neuen Herr nunmehr auch über die Trafoier Liftgesellschaft, prompt eine 40.000 Euro schwere Soforthilfe zu. Der alten Liftgesellschaft wurden Zuwendungen solcherart vorenthalten. Das Trafoier Skigebiet wird modernisiert, die Trafoier sind beruhigt. Es geschieht etwas. Walter Klaus kocht, so ist es anzunehmen, auch nur mit Wasser. Die Investitionen in das kleine Skigebiet werden überwiegend mit Landesgeldern erfolgen. Dass mit der Modernisierung die Attraktivität des kleinen Trafoier Skigebietes einen Quantensprung machen wird, zweifeln Kritiker an. Es bleibe eigentlich alles beim Alten. Die Auslastung der Betten in Trafoi werde sich nicht wesentllich verändern. Die Visionen und Vorstellungen von Klaus sind ganz andere, als sich mit einem Zubringerlift auf das Joch zu beschäftigen. Im Gegenteil: Das Joch soll als Winterskigebiet verhindert werden. Aushungern scheint die Devise zu sein. Und für die Übernahme von ausgehungerten bzw. kurz vor dem Konkurs stehenden Skigebieten ist Klaus Spezialist. [F] Verhindert [/F] Das Joch als Konkurrenz zu Sulden: für Klaus untragbar: “Bahn wäre Wahnsinn,” so wird er in der Dolomiten zitiert. Die ff zitiert Klaus in der Dezemberausgabe: “Entweder ihr verzichtet auf die Umlaufbahn oder ihr könnt selber schauen, wie ihr aus dem Schlamassel mit der Kleinbodenbahn herauskommt.” Die Umlaufbahn auf das Joch wurde in der Folge fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, von Seiten der Gemeinde und durch Rückzug der in Trafoi gesammelten Unterschriften für die Jochbahn. Das ist ein Jahr her. Niemand wollte und will sich dem Vorwurf aussetzten, den großen Investor verprellt zu haben. Und das gilt nicht nur für die Trafoier, sondern geht darüber hinaus. Das hat auch seine Gründe. Denn Klaus gilt bei vielen als Retter für Sulden, für den Tourismus in der Stilfser Gemeinde. [F] Sulden läuft gut [/F] Dass Walter Klaus die Bahnen in Sulden 1984 übernommen hat, dafür sind ihm die Suldner dankbar. Und dass es läuft in Sulden, dafür auch. Die anfangs Dezember im Beisein von hoher lokaler Politik und Prominenz neu eröffnete Luftseilbahn samt neuem Restaurant beeindruckt und hat Sulden gut getan. Auch das wird dem Stilfser Ehrenbürger Klaus hoch angerechnet. Klaus will mehr. Dass mit einem neuen Lift die Suldenspitze erklommen werden soll, ist bekannt. Die Weichen dafür sind im Führungsausschuss des Nationalparkrates auf Südtiroler Seite bereits gestellt, und dies trotz Natura 2000-Gebiet: Mit zwei Gegenstimmen wurde der Vorschlag für die Neuzonierung angenommen. Der Vorschlag für eine Bahn auf das Joch, auf einen bereits genutzten Gletscher, wurde abgeschmettert. Und dem Gremium sitzt der Stilfser BM Hofer als Präsident vor. Ein mehr als fraglicher Vorschlag für eine Neuzonierung. Zumindest die Option ist offen. Und für die Erschließung der Suldenspitze gebe es eine alte Staatskonzession. Die lässt Klaus angeblich durch keinen geringeren als den Rechtsanwalt und SVP-Parlamentarier Karl Zeller derzeit überprüfen. BM Hofer: “Davon weiß ich nichts.” [F] “Der will auf den Gletscher” [/F] Würde das Puzzle, Staatskonzession plus grünes Licht vom Nationalparkrat passen, wäre der Aufstieg zur Suldenspitze eine rein gemeindeinterne Angelegenheit. “Die Bahn auf die Suldenspitze allein hat ja keinen Sinn. Klaus will auf den Cevedalegletscher,” entrüstet sich ein Kenner der Szene, der nicht genannt werden will. Neuerschließung eines Gletschers? Und das mitten im Nationalpark? Mit Hilfe des Präsidenten des Südtiroler Führungsausschusses, der gleichzeitig Bürgermeister der betroffenen Gemeinde ist? Offene Fragen. [F] Der gute Draht [/F] Die Landesregierung hat am 8. März dieses Jahres bei der Behandlung des Skipistenplans die Gletschererschließung in Sulden abgelehnt. Bei der Behandlung des Planes handelte es sich um eine Anpassung, die alle drei Jahre vorgenommen werden kann. Die grundsätzliche Überarbeitung ist erst 2009 fällig. “Im Zuge dieser zehnjährigen Überarbeitung können wir auch über Neuerschließungen sprechen, die wir im Zuge der dreijährlichen Anpassung ausgeschlossen haben”, sagt der Landeshauptmann. So ein Auszug aus der Pressemitteilung. Alles noch offen? Walter Klaus hat einen guten Draht zu Landeshauptmann Luis Durnwalder. Der Markenname Stilfserjoch wird im Nationalpark ausgeschlachtet. Ironie dabei: Im unberührten Nationalpark soll gebaut werden und das Stilfserjoch darbt weiter.

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