Den Volkskrankheiten auf der Spur

Groß angelegte Gesundheitsstudie ist angelaufen

Publiziert in 18 / 2011 - Erschienen am 11. Mai 2011
Ob zu Neujahr, zum Geburtstag oder bei sonstigen Anlässen: Was wir uns gegenseitig sehr oft und am meisten wünschen, ist: Gesundheit. Um herauszufinden, wo die Wurzeln der häufigsten Volkskrankheiten begraben liegen und um in weiteren Schritten dann auch gesundheitsfördernde Maßnahmen zu setzen, hat das neue Zentrum Biomedizin, eingerichtet von der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) und dem Süd­tiroler Sanitätsbetrieb, mit der Erarbeitung einer breit angelegten Gesundheitsstudie begonnen. Der Vinschgau ist das landesweit erste Gebiet, in dem die so genannte CHRIS-Studie angelaufen ist. Rund 13.000 Haushalte haben in den vergangenen Tagen einen Informationsbrief zur Gesundheitsstudie erhalten. Die aktive Mitarbeit der Bevölkerung ist gefragt. Wer teilnimmt, hat indirekt auch Vorteile. Von den Ergebnissen der Studie, die im Anschluss an die Untersuchungen im Vinschgau auf das ganze Land ausgedehnt werden soll, erwarten sich die EURAC und der ­Sanitätsbetrieb ein möglichst ganzheitliches Bild über die Gesundheit der Südtiroler. Forscher und Ärzte wollen im Zuge der CHRIS-Studie untersuchen, wie Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, aber auch genetische Veranlagungen bei verbreiteten Krankheiten wie Herzkreislauf-Be­schwerden oder neurologischen Erkrankungen zusammenspielen. Die CHRIS-Studie (Cooperative Health research in South ­Tyrol) ist eines der ersten großen Projekte des neuen Zentrums für Biomedizin. Wir denken heute mehr denn je darüber nach, wie wir besser, gesünder und sinnvoller leben können – und wir werden immer älter. Doch Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Asthma oder ­Arthrose nehmen dennoch rasant zu. Was genau sind die Ursachen dieser so genan­nten Volkskrankheiten? Wie bleiben wir auch im Alter gesund? Welche Rolle spielen unser Lebensstil und unsere Umwelt? Und wie viel Einfluss hat unsere genetische ­Veranlagung? Auf diese und weiter Fragen soll nun im Vinschgau – und später schrittweise im ganzen Land – die breit angelegte Be­völkerungsstudie Antworten liefern. Wer an der Studie teilnimmt, unterzieht sich einer ärztlichen Untersuchung und gibt in einem ausführlichen Gespräch Auskunft über seine Krankengeschichte, über die Umwelt, in der er lebt, wie auch über seine Lebens- und Ernährungsgewohnheiten. Im Anschluss an die Auswertung der Daten erhält jeder Teilnehmer seine persönlichen Befunde und kann sich somit bereits selbst ein Bild über seinen Gesundheitszustand ­machen. Die Daten werden natürlich anonym verwaltet und unterliegen strengsten Sicherheits- und Schutzbestimmungen. Die Forscher und Ärzte des neuen Zentrums für Biomedizin an der EURAC wollen vor allem herausfinden, wie bestimmte Krankheiten in Südtirol verbreitet sind, welches die größten Risikofaktoren sind und welche Faktoren hingegen Krankheiten vermeiden oder ihnen entgegen wirken können. Die Studie ist als langfristiges Projekt angelegt: Alle fünf Jahre werden die Teilnehmer wieder zu Untersuchungen eingeladen, um zu überwachen, wie sich Krankheiten oder auch das gesundheitliche Wohlbefinden der Südtiroler entwickeln. Die CHRIS-Studie stellt ausgehend vom Vinschgau eine langfristig angelegte For­schungsressource für Südtirol und darüber hinaus dar. „Die CHRIS-Studie ist ein großes Projekt für Südtirol, von dem wir uns viele wichtige Erkenntnisse für neue Diagnose- und Therapieansätze erwarten. Wir hoffen, dass viele Südtiroler daran teilnehmen. Denn je mehr Menschen mit­machen, desto aussagekräftiger werden die Ergebnisse ausfallen“, unterstreichen Peter Pramstaller, Leiter des Zentrums für Biomedizin und Maurizio Facheris, wissenschaftlicher Verantwortlicher der CHRIS-Studie. Zentrum für Biomedizin Neue Diagnose- und Therapieansätze erschließen Die EURAC und der Südtiroler Sanitäts­betrieb haben gemeinsam das Zentrum für Biomedizin eingerichtet. Ziel ist es, das Südtiroler Gesundheitswesen den sich wandelnden Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechend zu gestalten und kontinuierlich zu verbessern. Das heißt: die klinische Forschung in Südtirol fördern, langfristig neue Diagnose- und Therapieansätze erschließen und die Krankheitsvorbeugung optimieren. Ein Kind, das in diesem Jahr in Südtirol auf die Welt kommt, hat beste Chancen, 100 Jahre alt zu werden. Während die Lebenserwartung steigt, wachsen gleichzeitig aber auch die medizinischen Bedürfnisse und die Ansprüche an die eigene Gesundheit. Wie bleibt der Körper gesund? Diese großen Herausforderungen an die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems machen Gesundheitsforschung heute notwendiger denn je. Vor diesem Hintergrund haben sich die EURAC und der Südtiroler Sanitätsbetrieb zusammengeschlossen und das Zentrum für Biomedizin gegründet, mit dem Ziel, die klinische Forschung in Südtirol zu fördern. Die wissenschaftliche Vorarbeit hat das EURAC-Institut für Genetische Medizin geleistet, das weiterhin innerhalb des Zentrums für Biomedizin besteht. „Biomedizin“ meint hierbei die Verknüpfung der Erkenntnisse aus der Medizin, der ­Biologie und der Technologie. Die Schwerpunkte des Zentrums liegen zunächst auf der Erforschung von Herzkreislauf-Erkrankungen und neurologischen Erkrankungen wie Parkinson. Erforscht werden Entstehungsursachen von Krankheiten, ihre Verbreitung bis hin zu Fragen nach den Möglichkeiten der Behandlung, der Vorbeugung sowie der Beseitigung krankheitsfördernder Faktoren. Dabei arbeiten im Zentrum für Biomedizin Molekularbiologen, Mediziner, Informatiker und Ethiker mit praktizierenden Klinikern aller medizinischen Bereiche zusammen. „Das Niveau der gesundheit­lichen Versorgung in Südtirol ist hoch. Die demographische Entwicklung und die Umsetzung des medizinischen Fortschritts sind jedoch große Herausforderungen für das Gesundheitssystem. Im Zentrum für Biomedizin bündeln wir die Ressourcen und Kompetenzen der EURAC und des Sanitätsbetriebs. Damit möchten wir dazu beitragen, das Niveau des Südtiroler Gesundheitswesens zu halten und kontinuierlich zu verbessern“, unterstreichen EURAC-Präsident Werner Stuflesser und Direktor Stephan Ortner. Sanitätsdirektor Oswald Mayr weist darauf hin: „Viele Ärzte wünschen sich mehr Unterstützung bei ihren Forschungsvorhaben und in ihrer wissenschaftlichen Weiterbildung. Diese Zusammenarbeit im Zentrum für Biomedizin ist wichtig, damit wir Forschungsergebnisse schneller und direkter in die klinische ­Praxis umsetzen und den Standard der Versorgung weiterhin verbessern können. Der Südtiroler Sanitätsbetrieb kann sich dadurch aktiver an Forschung beteiligen, wie von der klinischen Reform angestrebt.“ ­ Peter Pramstaller, der wissenschaftliche Leiter des Zentrums, betont: „Das wichtigste Glied im Forschungskreislauf ist die ­Bevölkerung selbst. Die Beteiligung der Menschen macht Forschungsprojekte erst möglich, deren Erkenntnisse schlussendlich jedem Einzelnen zugute kommen.“ „Wos ischn mit den CHRIS?“ Das mögen sich viele Vinschger in den vergangenen Tagen gefragt haben. Rund 13.000 Vinschger Haushalte von Schlanders bis ­Reschen haben Anfang Mai den Informationsbrief zur CHRIS-Studie erhalten. Viele Interessierte haben sich daraufhin gemeldet und bereits zahlreiche Fragen zur Studie gestellt. Maurizio Facheris von der Euro­päischen Akademie Bozen ist der wissenschaftliche Verantwortliche der CHRIS-Studie. Im Interview beantwortet der Arzt und Wissenschaftler die häufigsten Fragen und erklärt die weiteren Schritte der Studie. Ich habe den Informationsbrief zur CHRIS-Studie bekommen. Wie kann ich mich jetzt anmelden? Maurizio Facheris: Sie brauchen sich jetzt im Moment noch nicht anzumelden. Mit diesem ersten Brief möchten wir, dass alle in Frage kommenden Teilnehmer zunächst einmal darüber informiert sind, um was es bei der CHRIS-Studie geht. Jeder wird dann noch eine persönliche Einladung und eine Informationsbroschüre mit allen Details zur Anmeldung und zur Teilnahme erhalten. Sobald Sie also den zweiten Brief bekommen haben, ist die Anmeldung der nächste Schritt. Wann kann ich mit dieser persönlichen Einladung rechnen? Maurizo Facheris: Ab Juli dieses Jahres beginnen wir in der Gemeinde Schlanders, die potentiellen Teilnehmer einzuladen. Schlanders ist von den vorgesehenen Gemeinden die größte und wird ungefähr ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen. Bis alle in Frage kommenden Vinschger von ­Schlanders bis Reschen erfasst sind, wird es etwa drei bis vier Jahre dauern. Bei dieser Menge an Teilnehmern ist es schwierig genau vorauszusagen, wann jeder drankommen wird. Doch kann beispielsweise jemand aus Graun damit rechnen, dass er in zwei bis drei Jahren an der Reihe ist. Wo kann ich mich über die CHRIS-Studie informieren? Maurizio Facheris: Alle wichtigen Informationen bekommen Sie per Post. Bei Fragen können Sie sich unter der Nummer 0471 055 502 oder unter info.chris@eurac.edu an die Mitarbeiter der CHRIS-Studie wenden. Weitere Informationen finden Sie auch auf der Homepage www.chrisstudy.it.
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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