Tunnelbau rückt näher
Chance, aber auch Herausforderung
Es ist gar nicht so einfach, einen Punkt zu finden, von dem aus man Kastelbell (links) und Tschars (rechts) gemeinsam vor die Linse bekommt.
Links Harald Pechlaner, der Leiter des Instituts für Regionalentwicklung Eurac Research, rechts Bürgermeister Gustav Tappeiner.

Kastelbell-Tschars wohin?

Studie zeigt Entwicklungsziele auf. Bau der Umfahrung als Dreh- und Angelpunkt.

Kastelbell-Tschars - Vor rund zwei Jahren stellte sich die Gemeindeverwaltung von Kastelbell-Tschars die Frage, wohin sich die Gemeinde in Zukunft ent­wickeln soll, speziell auch im Hinblick auf die Zeit nach dem Bau der Umfahrung von Kastelbell und Galsaun. Beistand holte sich die Verwaltung beim Institut für Regionalentwicklung Eurac Research. Es wurden die Stärken und Schwächen erhoben, Ziele definiert und Lösungsansätze erarbeitet. Am 15. Juni wurden die Ergebnisse der Studie „Kastelbell-Tschars: Unsere Gemeinde 2025“ bei einer leider schwach besuchten Bürgerversammlung im Rathaus in Kastelbell vorgestellt. Bürgermeister Gustav Tappeiner blickte einleitend an den Werdegang der Studie zurück. Er erinnerte an die Einwohnerbefragung, an der sich 247 Bürgerinnen und Bürger beteiligt hatten, an Interviews sowie Workshops zu zentralen Themen mit Jugendlichen, Vertretern aller Wirtschaftszweige sowie mit Vertretern aus den Bereichen Kultur, Soziales und Bildung.

„Es hängt von uns selbst ab“

Lobend hervorgehoben hat Tappeiner auch die Mitarbeit der eigens eingesetzten Steuerungsgruppe. Er wertete die Ergebnisse der Studie als Basis für die künftige Entwicklung der Gemeinde und als Entscheidungshilfe für politische Weichenstellungen. „Es hängt von uns selbst ab, was wir daraus machen“, so der Bürgermeister. Dass am Ende nur die Umsetzung zählt, unterstrich auch Harald Pechlaner, der Leiter des Instituts für Regionalentwicklung, der die Studie zusammen mit der Projektleiterin Greta Erschbamer maßgeblich erarbeitet hatte. Auch wenn nur einige der 65 vorgeschlagenen Maßnahmen in die Tat umgesetzt werden, sei schon vieles erreicht. Um den Lebens-, Erholungs- und Wirtschaftsraum Kastelbell-Tschars attraktiv zu gestalten, werden in der Studie unterschiedlichste Maßnahmen angeführt.

Umfahrung als zentrales Thema

Als große Chance, aber auch als Herausforderung sei der Bau der Umfahrung von Kastelbell und Galsaun anzusehen. Wie der Bürgermeister Informierte, werden die Arbeiten heuer im Herbst ausgeschrieben. Mit dem Baubeginn sei im Herbst 2018 zu rechnen. Dass es jetzt wirklich konkret wird, zeigen Abmessungspflöcke im Bereich des Ost- und Westportals (siehe Bild auf der Titelseite). Die insgesamt rund 3,3 Kilometer lange Umfahrungsstraße, die als Kernstück einen 2,4 km langen Tunnel umfasst, beginnt von Westen kommend kurz vor Schloss Kastelbell und mündet im Osten auf der Höhe der Gewerbezone Galsaun in die bestehende Staatsstraße. Die Gesamtkosten werden mit ca. 82 Millionen Euro angegeben. Die Bauzeit dürfte sich auf drei Jahre belaufen.

„Damit kein Schlafdorf entsteht“

Laut Pechlaner müsse man schon jetzt konkret über die Zeit nach dem Bau der Umfahrung nachdenken und Maßnahmen planen. Auf alle Fälle zu verhindern sei, dass Kastelbell und Galsaun zu Schlafdörfern abdriften. Auf die Nahversorgung sei ein besonderes Augenmerk zu legen. In Tschars sei die Nahversorgung bereits jetzt schwach. Die Umfahrung werde eine Verkehrsberuhigung und insgesamt mehr Lebensqualität bringen, stelle die Gemeinde aber auch vor große Herausforderungen. Zumal der Durchzugsverkehr so gut wie verschwinden wird, werde man andere Wege einschlagen müssen, um weiterhin Kunden und Urlauber anzulocken. Gefragt sei hier nicht zuletzt auch die Eigeninitiative der Kaufleute und Tourismustreibenden. Zu den Herausforderungen gehört auch die Bewältigung von Befürchtungen und Unsicherheiten, wie sie u.a auch in Tschars aufgetaucht sind. Befürchtet wird etwa, dass Tschars, wo der Verkehrslärm weiterhin bleibt, noch stärker abgeschnitten werden könnte.

Die Sache mit dem Wir-Gefühl

Die besten Voraussetzungen dafür, das Wir-Gefühl auf der Ebene der ganzen Gemeinde zu stärken, hat Kastelbell-Tschars sozusagen schon von Natur aus nicht. Das im Gemeindewappen dargestellte achtschauflige Mühlrad dreht sich in Kastelbell nicht gleich wie im ziemlich weit entfernten Tachars, und auch nicht gleich wie in den Fraktionen Galsaun, Marein, Latschinig, Freiberg, Trumsberg, Tomberg und Juval. Laut der Studie soll bei der Stärkung des Wir-Gefühls besonders das Vereinswesen berücksichtigt werden. Vor allem die Zusammenarbeit unter den Vereinen, die bereits gemeindeübergreifend wirken, soll gefördert werden. Ein weiterer Vorschlag lautet, dass alle Vereine der Gemeinde ein gemeinsames Dorffest veranstalten könnten, eventuell abwechselnd in Kastelbell und Tschars. Das Josef-Maschler-Haus in Tschars sei als Ort der Begegnung weiter aufzuwerten.

Schlüsselwort Kommunikation

Als eines der Schlüsselworte für eine erfolgreiche Entwicklung in den verschiedenen Bereichen nannte Pechlaner die Kommunikation: „Schon die Erstellung dieser Studie war ein Kommunikationsprojekt.“ Speziell beim Thema Umfahrungsstraße wird ein regelmäßiger und trans­parenter Kommunikations- und Informationsfluss mit der Bevölkerung unabdingbar sein. Mit den Auswirkungen der Umfahrung sollte sich eine eigene Steuerungsgruppe befassen. Um Kommunikation und Zusammenarbeit gehe es auch bei allen anderen Themen, Anliegen und Vorhaben. Zu den großen Stärken der Gemeinde gehört laut Pechlaner die enge Verzahnung zwischen der Landwirtschaft und dem Tourismus. Die Gemeinde Kastelbell-Tschars sei in diesem Bereich bereits jetzt eine landesweite Mustergemeinde. Nicht zu unterschätzen sei die Bedeutung bereits bestehender Unternehmen und Betriebe.

Aufwertung der Schlösser

Noch besser zu nutzen und weiter aufzuwerten gelte es die Schlösser im Gemeindegebiet. Grundsätzlich hielt Pechlaner fest, dass die Gemeinde einerseits bestehende Stärken noch weiter als Alleinstellungsmerkmale ausbauen sollte, andererseits aber auch in bestimmten Bereichen mit den Nachbargemeinden eng zusammenarbeiten sollte, etwa beim Radwege- oder Wanderwegenetz. „Kastelbell-Tschars hat das Potential, zu einer Ganz­jahres-Destination zu werden,“ gab sich Pechlaner überzeugt, und zwar aufbauend auf bestehende Stärken wie Wandern und Radfahren, Kultur, Kulinarik, Landwirtschaft und Landschaft. Außerdem habe Kastellbell-Tschars gute Voraussetzungen, sich als familienfreundliche Gemeinde zu profilieren.

„Handel kommt massiv unter Druck“

Bei der Diskussion wurde u.a. befürchtet, dass der Einzelhandel Hand in Hand mit dem Verschwinden des Durchzugsverkehrs massiv unter Druck geraten werde. Pechlaner meinte dazu, dass kreative Lösungen gefragt seien, etwa die Schaffung von Parkplätzen oder eine besondere Angebotspalette in den Geschäften. Außerdem sollte die Bevölkerung möglichst vor Ort einkaufen. Besonders zu achten sei darauf, dass Tschars nicht „musealisiert“ wird. Ein Diskussionsteilnehmer meinte, „dass in unserer Gemeinde Dynamik und Courage für neue Projekte und Vorhaben fehlen.“ Es gebe nur wenige ganzjährige Arbeitsplätze, in Statistiken werde die Gemeinde immer wieder als besonders einkommensschwach angeführt. Auch Privatinitiativen, wie sie etwa in der Gemeinde Naturns zu beobachten sind, seien in ­Kastelbell-Tschars Mangelware. Der Bürgermeister verwies in diesem Zusammenhang auf geplante Vorhaben der Gemeinde und nannte etwa das 2,5-Millionen-Euro Projekt Kindergarten und Musikprobelokal in Tschars. Auch auf der Ebene privater Initiativen „tut sich etwas. Natürlich braucht es hier entsprechende Anreize.“

Goldgräberstimmung ist vorbei

Zu Frage einer möglichen ­hydroelektrischen Nutzung von Gebirgsbächen in der Gemeinde stellte Gustav Tappeiner fest, dass die Wassermessungen der vergangenen zwei (trockenen) Jahre nicht zu zufriedenstellenden Ergebnissen geführt hätten. Außerdem sei es mit der einstigen Gold­gräberstimmung in Bezug auf die Nutzung der Wasserkraft längst vorbei: „Vor Jahren flossen pro Jahr noch beträchtliche Summen an Einnahmen aus Kraftwerksbeteiligungen in die Gemeindekasse. Von 2009 bis 2013 waren es durchschnittlich 115.000 Euro, seither sind die Einnahmen rapide gesunken.

Wer will mitarbeiten?

Mit den in der Studie erarbeiteten Entwicklungszielen werden sich nun eigene Arbeitsgruppen befassen. Folgende Schwerpunkte sollen demnach vertieft werden: Stärkung des Wir-Gefühls, Kooperation Landwirtschaft und Tourismus, Tourismus, Wirtschaftsförderung, Umfahrungsstraße, Mobilität, familienfreundliches Dorf, attraktiver Lebensraum. Interessierte Bürgerinnen und Bürger konnten sich bereits im Anschluss an die Bürgerversammlung als Mitglieder eintragen lassen. Wer in einer der Gruppen mitarbeiten will, kann sich im Rathaus melden.

Josef Laner
Josef Laner

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