Die Qualität muss passen... ...und auch der Preis
Diese Fuhre Roggen hat der Kortscher Bäcker Andreas Pilser von St. Valentin auf der Haide zur Getreideverarbeitungsstraße nach Prad gefahren.

Kornkammer will mehr sein als ein Strohfeuer

Publiziert in 35 / 2011 - Erschienen am 5. Oktober 2011
Prad – Rund 30 Vinschger Getreidebauern haben sich zur Kornkammer Vinschgau zusammengeschlossen. Auf ca. 50 Hektar wiegen sich vornehmlich Roggenähren im Wind. Ein Meilenstein für die Kornkammer ­Vinschgau, die ganz bewusst langsam wachsen will, ist die Getreideverarbeitungsstraße von Othmar Folie im Kiefernhainweg in Prad. In dieser von Folie erbauten Anlage wird die Ernte der Getreidebauern - heuer sind es ca. 200 Tonnen - entsteint, gereinigt und im Fall von Dinkel entspelzt. von Sepp Laner Konrad Meßner, der Vorsitzende der Kornkammer, nahm die Eröffnung und Segnung der Anlage am 29. September zum Anlass, um auf die Entstehung der Kornkammer zurückzublicken, deren Ziele zu erklären und ein paar Grundsätze zur Regionalent­wicklung insgesamt darzulegen. Ein erstes Treffen zur „Kornkammer“ hat es im Mai 2008 gegeben. Neben interessierten Getreidebauern und Vertretern der Bäcker­innung waren unter anderem auch die Landesberufsschule für das Gast- und Nahrungsmittelgewerbe „Emma Hellenstainer“ mit am Tisch, Slow Food, „Gran Alpin“ aus Graubünden sowie „pan agorá – Vielfalt der Region.“ Nach der Erarbeitung eines Grundsatzpapiers zum Getreideanbau im Vinschgau, einer Bedarfserhebung und ersten Preisverhandlungen nahm das Versuchszentrum Laimburg im Herbst 2009 eine Sortenvermehrung vor. Zu dieser Zeit begannen auch die Qualitätsuntersuchungen zu den Hofsorten Roggen im Vinschgau. Das Leitmotiv der Kornkammer, die im Juni 2010 offiziell gegründet wurde, ist es, „ehrliche, individuelle, arttypische und charaktervolle Produkte zu erzeugen, welche die nötigen Lebenskräfte vermitteln können, die zur Gesundung und Entwicklung von Menschen und Erde förderlich sind.“ Im Herbst 2010 wurde eine enge Zusammenarbeit mit dem Maschinenring Vinschgau vereinbart, wobei auch genaue Rechnungen angestellt wurden: Produktionskosten, ­Deckungsbeitrag, Gewinn- und Verlustrechnung. Seine Getreideverarbeitungsstraße errichtete Othmar Folie im heurigen Sommer. Neben einem Entsteiner wurden auch ein Getreide-Vorreiniger, eine Entspelzmaschine für den Dinkel und ein Trieur (Zellenausleser) zum Reinigen des Getreides angeschafft. Weil sie nicht mit der Preisen der Industrieproduktion konkurrieren will und kann, muss die Kornkammer laut dem Regionalentwickler auf Qualität setzen und sich jene Zielgruppen suchen, „welche bereit sind, den Preis zu bezahlen, den der Landwirt haben muss.“ Damit sich der Getreideanbau wirtschaftlich rentiert, sei für ein Kilogramm Roggen ein Mindestpreis in Höhe von ca. 1 Euro errechnet worden. Es müsse der Landwirt sein, der den Preis bestimmt. Der Preis auf dem Weltmarkt beträgt derzeit nur rund ein Viertel davon, dürfte aber in Zukunft steigen, „und zwar vermutlich um das Doppelte binnen weniger Jahre“, wie Hans Berger, Landesrat für Landwirtschaft und Tourismus, mutmaßte. Biologisch und fair Die Basis für die Qualität sieht Meßner in der biologisch zertifizierten Produktion: „Die Kornkammer schließt konventionelle Produktion nicht aus, dieses Getreide darf aber nicht unter der Marke Kornkammer Vinschgau verkauft werden.“ Der Regionalent­wickler wehrt sich dagegen, den Getreideanbau als Nische zu sehen: „Bei der Diskussion rund um die ‚Nischenproduktion’ geht es oft nur um rein wirtschaftliche Überlegungen.“ Diese allein reichen aber nicht aus, „eine nachhaltige und ganzheitliche Kultur auf­zubauen.“ Langsam wachsen Die Kornkammer will außerdem langsam wachsen. Meßner: „Strohfeuer gibt es schon zur Genüge. Es bedarf einer sensiblen Abstimmung zwischen Angebot und Nachfrage. Auch die Qualität kann nicht von heute auf morgen sichergestellt werden. Die Qualitätsuntersuchungen, die jetzt im Herbst anlaufen, sind auf drei Jahre angesetzt.“ Die Entwicklung des idealen Saatgutes werde einige Zeit mehr in Anspruch nehmen. Groß geschrieben wird in der Kornkammer die Eigenverantwortung der Mitglieder: „Schimpfen, wenn etwas nicht passt, es dann aber als selbstverständlich hinnehmen und auf den Zug aufspringen, wenn alles passt, ist nicht die feinste Art.“ Getreidekultur Der Getreideanbau darf nicht nur auf den rein landwirtschaftlichen Aspekt reduziert werden. Es liege auf der Hand, dass dadurch auch ein Mehrwert für den Tourismus, das Handwerk, den Handel und andere Zweige geschaffen wird. Die Vielfalt sei ein gewaltiges Potenzial in jeder Hinsicht, nur müssten auch in diesem Fall alle am selben Strang ziehen. In die Getreidekultur mit einzuschließen seien auch gesundheitliche Aspekte und Bereiche wie Baubiologie, Naturheilmittel, Küche, Ausbildung und Ökologie. Initiative nicht gefährden Die Kornkammer begrüßt ausdrücklich jede Initiative, die sich in größerem Rahmen um das Getreide kümmert. Mit lokalen Ini­tiativen sollte allerdings sensibel umgegangen werden. Landesrat Hans Berger meinte zu diesem Thema, dass die Landesregierung ein landesweites ESF-Projekt bezüglich des Getreideanbaus genehmigt hat, „aber ich hoffe, dass Übereinstimmungen vereinbart werden und man nicht gegeneinander arbeitet.“ Berger war voll des Lobes für die Initiative und insbesondere auch für das Engagement der Familie Folie. Der Vinschgau habe mit der Kornkammer erneut eine Vorreiterrolle eingenommen, „und ich wünsche mir, dass diese Initiative in ganz Südtirol Verbreitung findet.“ Berger ist überzeugt, „dass die Zukunft in diesem Fall in der Vergangenheit zu suchen ist“ und dass das der Weg sei, „den wir gehen müssen.“ Speziell der Vinschgau sei nicht umsonst über Jahrhunderte die Kornkammer Tirols gewesen. Auch Berger sieht den Getreideanbau eng verknüpft mit dem Tourismus, dem Landschaftsbild und anderen Bereichen. Bei rund 80 Prozent der Ernte im Vinschgau handelt es sich um Roggen, beim Rest um Dinkel, Weizen, Gerste und andere Getreidesorten. Meßner schätzt, dass sowohl die Anbauflächen als auch die Zahl der Getreidebauern in Zukunft steigen werden. „Ich habe vor zehn Jahren mit dem Getreideanbau begonnen“, sagte Othmar Folie. Er freut sich, dass die Leute einheimisches ­Getreide immer mehr schätzen und auch bereit sind, dafür etwas mehr zu zahlen. Cilli und Othmar Folie sind Direktvermarkter und backen selbst Brot. Für ihre Produkte haben sie bereits Auszeichnungen bekommen. Der Kortscher Bäcker Andreas Pilser baut selbst Roggen in Glurns und St. Valentin auf der Haide an. „Wenn ich genug Getreide aus dem Vinschgau bekäme, würde ich für das gesamte Paarlbrot Vinschger Roggen verwenden“, sagte er dem „Vinschger“. Gesegnet hat die Anlage der Seelsorger Alois Oberhöller. Zu seiner Bemerkung, wonach an den Hängen nicht Apfelwiesen, sondern vermehrt wieder Getreideäcker zu sehen sein sollten, meinte Berger, „dass es sowohl das eine wie das andere braucht.“ Dass der Kornkammer Vinschgau eine breite Wertschätzung entgegen gebracht wird, bewies die Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste: Bürgermeister Hubert Pinggera mit mehreren Gemeindeverwaltern aus Prad, Bürgermeister Ulrich Veith aus Mals, ­Monika Aondio, die Direktorin der Fachschule für Land- und Forstwirtschaft „Fürstenburg“, und viele weitere mehr.
Josef Laner
Josef Laner

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